Im Klosterhof

 

Sommerzeit ist ja allenthalben Festspielzeit. Auch das Stadttheater St. Gallen richtet nun bereits zum 13. Mal seine Sommerfestspiele aus, deren zentrales Projekt jeweils die Oper vor der Klosterfassade ist (heuer vom 29.06. bis 13.07.) Und einmal mehr ist es dem Ostschweizer Theater zu verdanken, dass wir einer Rarität, gar einer Schweizer Première beiwohnen konnten: Edgar, die zweite Oper von Giacomo Puccini. Wenn auch Puccini nicht zum harten Kern meiner Lieblingsopernkomponisten zählt, wollte ich mir die Gelegenheit, wieder einmal etwas Rares zu sehen, dennoch nicht entgehen lassen. Umso mehr, als sowohl mein Vater als auch einer meiner Brüder dort als Statisten wirkten. Wer schon einmal dort war, wird mir beipflichten, dass bereits das Setting im Klosterhof für sich ein traumhaftes ist. Und spielt dann noch das Wetter so herrlich mit wie am Samstag nach der Premiere, steht einem Openair-Opern-Genuss eigentlich nichts mehr im Wege, vorausgesetzt, man mag, was man vorgesetzt bekommt.

Beginnen wir doch gleich mit der Bühne (Rainer Sellmaier), die – wie üblich vorhanglos – man als erstes erblickt, wenn man seinen Sitzplatz auf der Tribüne einnimmt: Eine großzügige schräge Rasenfläche mit mittiger Wölbung, die sich im zweiten Akt dampfend zum Hexensabbat aus Le Villi (no comment für diesen Partitur-Eingriff!) öffnet und hinter der ein Altar steht mit Gotteslamm, das am Ende der Messe im ersten Akt von einem Geier(-Menschen) ausgeweidet wird. Eingefasst ist diese Wiese, die die ganze Bühne einnimmt, von Baum- und Buschwerk sowie zahlreichen Blüten. Im Vordergrund ein gotischer, wirklich sprudelnder Springbrunnen und vor dem sonnenbekrönten Himmel die Silhouetten mittelalterlicher Städte. Das Ganze eine recht getreue Kopie eines Ausschnittes des Genter Altares von Jan und Hubert van Eyck (Die Anbetung des Lammes)

Aber nicht nur die Bühne, sondern auch die Haupt- und Nebendarsteller sind in ihren Gewandungen (Rainer Sellmaier) und Posen stark an dieses berühmte Altarbild angelehnt, was optisch – ohne simpel zu wirken – überzeugt und versöhnlich stimmt mit dem nicht gerade außerordentlich gelungenen Frühwerk Puccinis. Die Fin de siècle-Musik der Oper (U. A. 21.04.1889 an der Mailänder Scala), deren Handlung in Flandern (basierend auf dem dramatischen Gedicht „La Coupe et les Lèvres“ von Alfred Musset) nur rund 130 Jahre vor der Entstehung des van Eyckschen Kunstwerks (1432) stattfindet, passt aber erstaunlich gut zu diesem historisierenden Bild.

Puccinis „Edgar“ bei den 13. Sommerfestspielen in St. Gallen/Szene/ Foto wie auch oben  Tanja Dorendorf/ Theater St. Gallen

Man ist versucht zu sagen, dass die Bühne das überzeugendste  war an dieser Aufführung. Die Handlung ist es weniger. (…) Puccini – nicht sehr zufrieden mit seinem Librettisten Ferdinando Fontana – hatte hier einfach viel zu viel inhaltlich verschiedenes Material in Musik zu setzen. Außerdem war er aufgrund seiner Jugend und aus Angst vor einem Karriereknick wohl noch zu wenig willensstark, das ihm eigentlich nicht zusagende Libretto abzulehnen. Und so wird der Zuschauer in dem vom Komponisten 1892 eigenhändig auf 3 Akte/90 Minuten Musik eingedampften Vierakter mit Kirchen-, Liebes-, Eifersuchts-, Kriegs- und Begräbnisszenen konfrontiert, für die Meyerbeer seinerzeit wohl vier Stunden gebraucht hätte… (ohne Ballett).

Es war wie gesagt Puccinis Zweitling und beileibe keine Meisteroper, so jedenfalls mein Empfinden. Dennoch gibt es immer wieder einzelne bewegende Momente, wie z. B. die Klage der Fidelia im 3. Akt, ohne dass mir allerdings auch nur eine kleine Melodie im Kopf hängengeblieben wäre. Musikalisch kündigt sich allerdings da und dort schon an, was dann in seinen bekannten Meisterwerken zur vollen Blüte gelangen sollte.

Zur Interpretation: Sämtliche Protagonisten (nicht die Premierenbesetzung) haben ordentlich gesungen, allerdings auch kaum mehr.  Der Edgar von Michael Spadaccini war neben der warm und rund gesungenen Tigrana von Alzbeta Vomackova am ansprechendsten, auch wenn sein Tenor etwas zart ist. Die Fidelia (Elena Rossi) klang mir, besonders in der Höhe zu säuerlich, die Registerwechsel etwas forciert. Im Verlaufe des Abends vermochte sie sich allerdings zu steigern. Frank (Domenico Balzani), Gualtiero (Stefano Palatchi) ebenso wie Avvolterio (David Schwindling) haben sich ihrer Aufgabe mit Würde entledigt.

Der mit Microports übertragene Sound war etwas spröde, dafür stimmte das in einem separaten Container spielende, bestens disponierte und einfühlsam von Leo Hussein geführte Orchester sehr gut mit den Sängern überein. Auch die Chöre (unter Michael Vogel) haben ihre Aufgabe toll bewältigt. Es waren insgesamt deren (ungewöhnliche) fünf: Der Theaterchor St. Gallen, der St. Galler Opern- und der St. Galler Kinderchor sowie die Theaterchöre Winterthur und Prag.

Außerdem wäre da noch – last but not least – das stimmungsvolle Licht von Michael Bauer zu erwähnen. Zusammen mit dem Dramaturgen Marius Bolten hat das St. Galler Theater einmal mehr mit sehr viel Herzblut ein kaum zu hörendes Werk auf die Beine gestellt. Wenn die bisher gespielten Raritäten auch nicht immer Meisterwerke waren, hat sich der Besuch jeweils nur schon der Entdeckung halber gelohnt, und es waren ja auch immer wieder Perlen dabei, etwa die Verdischen Giovanna d’Arco, Attila und I Lombardi oder Il Diluvio Universale von Donizetti.

Mitunter gab es sogar ein noch größeres Werk zu sehen wie etwa die Favorita von Donizetti, und für nächstes Jahr dürfen wir ganz besonders gespannt sein, was das rührige Festival aus Verdis loderndem Trovatore zaubern wird!  Marius Peter