Im Ballettsaal

 

Man könnte einwenden, dass durch die Verlegung von Rusalka ins Musiktheatermilieu (gesehen in St. Gallen am 2.10. 2019) die Trennung zwischen der Welt der Titelheldin und jener ihres Märchenprinzen an Schärfe verliert (sie ist Primaballerina, er Komponist). Dem könnte ich nicht widersprechen, aber innerhalb dieses Rahmens ist Vera Nemirova dem Geist der Geschichte, den Charakteren und ihren Beziehungen und nicht zuletzt der Musik mit ihrer Inszenierung so treu, dass es mich überhaupt nicht stört. Das ganze Ensemble glänzt mit natürlichem, lebendigem Spiel, die Personenregie ist reich an treffenden Details, Gesten, Blicken, Verzögerungen – es gibt keine Diskrepanzen zwischen dem Timing des Gesangs und jenem des Spiels.

Das erste Bild zeigt einen Ballettsaal, Rusalka liegt am Boden. Ihr Fischschwanz ist Kostüm, gehunfähig ist sie wegen einer Verletzung. Ein Bühnenkollege im Wassermannkostüm kümmert sich um sie; die beiden verbindet eine von Anfang an vielschichtige Beziehung, die große Nähe, aber auch seine heftige Wut über ihren Wunsch, sich für den Prinzen zu verändern, einschließt. Als er sie schließlich resigniert an Ježibaba verweist, gelingt der vielleicht größte Coup des Abends – Rusalka ruft nach ihr, und die Souffleuse in der ersten Reihe erhebt sich (und ich dachte noch, die Platzierung kann doch weder akustisch für die Bühne noch optisch für das Publikum ringsum praktisch sein…). Nora Sourouzian ist eine fabelhafte Hexe mit vielfarbigem (für Souffleusen unerlässlichem) Schal und lila Leggings, von expressiver Körperspannung und köstlicher Exaltiertheit (eine Prise Nina Hagen). Ich habe die Rolle von größeren Stimmen im Ohr, aber sie bleibt mit ihren Mitteln nichts an markantem Klang, sachlichen, geheimnisvollen und sarkastischen Tonfällen schuldig und führt ihren kompakten dunklen Mezzo expressiv, aber sauber. Das Nachziehen der Lippen mit Blut von einem Messer, das zugleich als Spiegel dient, ist gewiss eine liebevolle Hommage an Carsens Pariser Kult-Rusalka.

Drei weitere Stärken der Produktion: 1. Die elegante Bühne von Youlian Tabakov, die authentische Theaterräume mit phantastischen Elementen bereichern kann (die Discokugel als Mond für Rusalkas Lied etwa oder die Glitzerfäden bei ihrer 2. Arie, die durch Beleuchtungswechsel wie Regen wirken), und die kongenialen Kostüme von Marie-Thérèse Jossen; 2. wiederkehrende Gesten/Bilder, die Sinn stiften (z.B.: Rusalka nähert sich dem Prinzen am Klavier beim ersten Mal mit einem von ihm zerknüllten Notenblatt, das sie wieder glattgestrichen hat – genauso tut sie es Ende des 2. Aktes wieder, um ihn von der Fürstin wegzulocken, für die er spielt); 3. Nemirova inszeniert nicht nur das Libretto, sondern hört genau hin, was im Orchester passiert und etwas über die Handlung aussagt (z.B.: beim 2. leisen Paukeneinsatz zu Beginn der Ouvertüre horcht die bisher reglose Rusalka auf).

Der letzte Akt ist ab dem Auftritt der drei Waldnymphen (ein quirliges Corps de ballet mit drei schönen und ausnehmend gut zueinanderpassenden Stimmen bilden dafür Tatjana Schneider, Eva Zalenga und Taisiya Labetskaya) eine Aufführung in der Aufführung, eine „Rusalka“ des Prinzen-Komponisten – im Hintergrund bilden er, die (wieder versöhnte) Fürstin und der Chor das Premierenpublikum. Nicht ganz alles geht nahtlos auf (die Szene, in der die Mitnixen Rusalka verstoßen, ist gestrichen, weil sie hier wieder in ihr Element – auf die Bühne – zurückdarf), aber es läuft so stringent ab, dass man es sich gefallen lässt. Natürlich gibt es eine überraschende Wendung zum Schluss – da Rusalka und der zum Bühnenapplaus wieder lebende Prinz sich versöhnen, ersticht sich der auch in sie verliebte Wassermanndarsteller in echt… Es bleibt, abseits vom Bühnenzauber, ein tragisches Märchen.

Marcell Bakonyi verleiht dem Wassermann bei weitem nicht nur durch seine hohe Gestalt große Präsenz. Ich hatte ihn seit seiner Zeit im Zürcher Opernstudio nicht mehr gehört und freue mich sehr über die prächtige Weiterentwicklung. Sein kerniger, dunkler Bass spricht im ganzen Stimmumfang der Partie gleichermaßen klar an; Legato und Diktion sind mustergültig, und er kann die markante Stimme auch fein lyrisch führen. Sein natürliches Spiel und die lebendige Mimik tun ein übriges für ein rundum geglücktes Rollenportrait; in der liebenswürdigen und einfühlsamen Persönlichkeit des Wassermanns bleibt dem Betrachter dennoch in Erinnerung, dass ihn fürchten sollte, wer ihn erzürnt… Kyungho Kim ist schlicht einer der besten Prinzen, die ich auf Tonträger oder live gehört habe. Sein schmelzreiches Timbre und besonders nobles Legato sind ideal, und er nutzt auch Körperklang, weshalb auch seine souveränen Höhen nie eng werden. Sehr schöne Phrasierung und gute Aussprache kommen dazu, und die orgiastische Steigerung in seiner finalen Liebeserklärung an Rusalka singt er einfach Weltklasse, mit einer Eleganz und einer unforcierten Intensität – und danach auch noch mit gut gestützer voix mixte – chapeau! Als wendiger Darsteller trifft er auch die Mischung aus oberflächlichem Menschen, der sich am Ende aber echt weiterentwickelt hat. Das Zusammenspiel mit Sofia Soloviy als Rusalka sitzt auch. Sie hat die Partie intus und spielt sie toll (erinnert mich ein wenig an die junge Helen Mirren) – geplagt, aber nie weinerlich, badet nie in der Opferrolle. Ihr frisches, leuchtkräftiges Timbre passt gut zu der Rolle; der Stimmsitz ist eher hinten, manche Hochtöne laufen Gefahr, an Rundung zu verlieren und trockener zu klingen, und ich frage mich auch, ob die Partie als Ganze vielleicht im Moment noch etwas zu dramatisch ist – aber sie beherrscht sie, keine Frage, und trägt sie über ihre ganze fast pausenlose Anwesenheit. Als ihre Rivalin, die Fremde Fürstin, hat Alžběta Vomáčková die passend dramatischere Stimme (und wie!) und singt noch die impulsive Absage an den Prinzen scheinbar mühelos, mit Power, aber ohne klangliche Einbußen. Überhaupt diese Schlussphrase des 2. Aktes – so biestig und selbstsicher sie zuvor ist, als sie die Lage da erkennt, triumphiert sie nicht (wie man es fast immer sieht), sondern ist selber bitter enttäuscht. Feine Nuance. Im 3. verlässt sie empört den „Saal“, als er der Kontrahentin doch wieder seine Liebe erklärt.

Riccardo Botta (Heger) und Jennifer Panara (Küchenjunge) erobern das Publikum im Sturm – als heftig miteinander flirtende und saufende Angestellte der Foyerbar von umwerfend schlitzohriger Komik, auch stimmlich spritzig. Bottas Tschechisch klingt noch dazu (auch in den paar Sprechsätzen im 3. Akt) besonders idiomatisch. Nik Kevin Koch ist nur die Stimme des Jägers und kommt per Lautsprecher aus dem Off, klingt soweit aber auch gut. Der Chor unter Michael Vogel kommt beinahe nur im 2. Akt zum Zuge, überzeugt da aber akustisch wie auch szenisch als „Publikum“ bis hin zu einer kleinen Massenorgie im Pausenfoyer (wozu der Wassermann sich konsterniert betrinkt), einmal mehr ein Vergnügen.

Modestas Pitrenas dirigiert entspannt, wählt maßvolle Tempi und füllt sie mit großer emotionaler Anspannung und v.a. einer der Bühne ebenbürtigen Sorgfalt, die melodische und orchestrale Details zur Geltung bringt. Besser kann eine Saison eigentlich gar nicht mehr beginnen. Samuel Zinsli