Im alten und im neuen Haus

 

Ein wohlig erkennendes Seufzen geht durchs Opernhaus, wenn Prinz Lulu mit seiner Flöte „Wie stark ist doch dein Zauberton“ anstimmt. Friedrich Kuhlaus benutzte nicht nur die gleiche Textvorlage wie Mozart und Schikaneder für ihre Zauberflöte, er zitiert auch aus deren gemeinsamer Oper. Wie der aus Uelzen stammende, in Hamburg ausgebildete und 1810 vor einer Einberufung in die französische Armee nach Kopenhagen geflüchtete Kuhlau auch andere Vorbilder fleißig mit einbaut. Immer wieder ist in dieser dänischen Zauberflöte, Tryllefløjten, das Vorbild Webers zu erahnen, aber auch Rossini, die französische und italienische komische Oper werden adaptiert, und in der dramatischen Ouvertüre pulsiert eine starke Beethoven-Leidenschaft. Mit der Flöte verweist Kuhlau auch ganz direkt auf jenes Instrument, für das ein Viertel seines kompositorischen Schaffens entstand. In Kopenhagen wurde Kuhlau, der mit seinem nationalen Singspiel Der Elfenhügel eine der Ikonen der dänischen Musik geliefert hatte, nicht nur zum Hofkomponisten ernannt, er wurde – neben dem ebenfalls aus Deutschland stammenden Kollegen C. E. F. Weyse sowie den Dänen Gade und Heyse – zum hoch geehrten Wegbereiter der dänisch romantischen Musik. Ein dänischer Komponist, der seine Beziehung zum internationalen Schaffen nie verlor und mehrfach nach Deutschland reiste. Seine 1824 am Königlichen Theater in Kopenhagen uraufgeführte Oper Lulu oder Die Zauberflöte stand bis 1838 auf dem Spielplan. Ins Ausland ist Märchenprinz Lulu auch gelangt, zuletzt 2014 konzertant nach Hildesheim, 2005 nach Japan, wo auch die Internationale Kuhlau Society ihren Sitz hat. 180 Jahre später wurde Lulu in der Gamle Scene, dem 1874 eröffneten historischen Gebäude der Königlichen Oper, also am selben Ort am Kongens Nytorv, wo seit Mitte des 18. Jahrhunderts Kopenhagens Theater stand, nun erstmals szenisch wiederaufgeführt (14. Januar 2017), nachdem Michael Schönwandt 2002 in Kopenhagen ein Konzert und eine nachfolgende Gesamtaufnahme bei der dänischen Firma Dacapo dirigierte.

In Kopenhagen: „Lulu“ von Kuhlau“ Szene/ Foto Miklos Szabo

Ausgangspunkt ist Christoph Martin Wielands zwischen 1786 und 1789 herausgegebene Märchensammlung Dschinnistan, zu der sein Schwiegersohn, der Pfarrer und Lehrer August Jacob Liebeskind, das in einem indisch-persischen Märchenreich spielende Kunstmärchen Lulu oder Die Zauberflöte beisteuerte, das eine der Keimzellen für Schikanders Zauberflöte wurde. In Kuhlaus Oper entspricht Lulu dem Prinzen Tamino, Sidi der Pamina, der durch und durch böse Dilfeng und sein verkommener Sohn Barca tragen Züge des Sarastro und Monostatos, Periferihme die der Königin der Nacht; weitere Personen sind Sidis Vertraute Vela sowie die drei Hexen, die Dilfeng aussendet, um Lulu zu blenden. Es beginnt mehr oder weniger wie im bekannten Vorbild. Lulu rettet die Schäfer und Schäferinnen vor einem Tiger, und erfährt, dass Sidi von dem bösen Zauberer Dilfeng entführt wurde, zu deren Befreiung er sich trotz aller Warnungen aufmacht. Die ihrem Grab entstiegene Periferihme teilt ihm zudem mit, dass Sidi bei ihrer Geburt von den Göttern eine Rose geschenkt erhielt, die sich öffnen wird, sobald sich Sidi verliebt, und Macht über die Natur verleiht. Verkleidet als alter Flötenspieler nähert sich Lulu der von Dilfeng gefangenen gehaltenen Sidi, gibt sich als Jüngling zu erkennen, in den sich Sidi auf Anhieb verliebt und schnappt sie, während bereits die Hochzeit mit Trinkgesängen vorbereitet wird, in letzter Minute Dilfeng weg. Lulu endet, wie die Zauberflöte, mit einem Jubel des Volkes, das das Paar Lulu und Sidi preist.

Die dreiaktige Oper ist nicht ganz kurz, hat dem Typ der Spieloper verpflichtet zudem ausführliche Sprechtexte. Doch Regisseur Christian von Götz und Dirigent Sébastien Rouland entschieden sich für eine zweieinhalbstündige Fassung, wofür Henrik Engelbrecht die Sprechtexte aufs Notwendigste reduzierte. Nicht notwendig gewesen wäre der Rahmen mit der sterbenskrank daniederliegenden und mit dem Tod ringenden jungen Frau, die sich mittels des Dschinnistan-Buches aus dem frühen 20. Jahrhundert in die phantastische Märchenzeit aus Wielands Märchensammlung träumt. Aus der Art déco-Kugel mit den Beardsley-Ondinen rundum in eine gar pittoreskes, satirisch zugespitztes Biedermeier, in dem sich Kuhlau und der zwanzig Jahre jüngere Hans Christian Andersen, deren Wohnungen sich quasi vis-a-vis am Nyhavn befanden, begegnen (Bühnenbild: Lukas Noll); reich berüschte Schäfer und Schäferinnen mit wild aufgetürmten Schneckerlfrisuren spielen Federball, winden Blumenkränze und lagern beim Frühstück im Rasen: ein Arkadien mit klassischen Statuen, Putti und der Aussicht auf die Akropolis als Reminiszenz an das sich als klassizistische Stadt nach 1800 neu erfindende Kopenhagen. Das Märchen als Gesundbrunnen. Sarah Mittenbühler hat nicht nur die Schäferszenen reich dekoriert, sondern auch die Fürsten, Zauberer und Hexen in phantastische Kostüme gesteckt und mit wilden Make-ups versehen. Ein bisschen wirkt diese Lulu, bei der am Ende Lulu und Sidi wie zwei Hälften eines Ganzen zusammenfinden, in ihrer phantastisch überbordenden Kostüm- und Farbenwut wie ein verspätetes Weihnachtsmärchen, ein juchzendes Opernvergnügen aus dem alten Kopenhagen. Von Götz, der in seiner Personenführung gerne die rockende Mechanik der Musik betont, findet nicht mehr zurück zum Ausgangspunkt. Lulu schreitet allein auf die weite Hinterbühne.

In Kopenhagen: „Lulu“ von Kuhlau“ Szene/ Foto Miklos Szabo

Rouland hat diese Ehrenrettung aufs allerfeinste vorbereitet und führt die Kongelige Kapel mit großer Akribie und Spiellust durch diese Märchenfahrt von der Wiener Klassik bis zur deutschen Romantik. Mögen dem französischen Dirigenten an seiner aktuellen Wirkungsstätte als GMD in Saarbrücken ähnliche Entdeckungen einfallen. Die Musik hat einerseits fast einen Sturm und Drang-Eifer, ist dann wieder von einer possierlichen Gefälligkeit, selten unoriginell, dabei abwechslungsreich, im höchsten Maß gefällig und unterhaltsam und löst die Handlung u.a. in Arien mit Chor, Duette sowie ein Quartett, jeweils vielfach gestaffelt, und Melodram auf. Vela klingt wie Webers Ännchen, der böse Dilfeng zitiert den Kaspar, wir meinen Osmin zu hören, das erste und zweite Finale – die aktuelle Aufführung unterteilt den Dreiakter in zwei Teile mit der Pause im zweiten Akt – funkeln wie bei Rossini. Als Tamino kann ich mir Gert Henning-Jensen schwer vorstellen, doch der Lulu ist eine schöne Anerkennung für das langjährige Mitglied der Kopenhagener Oper, der den Prinzen mit einer mädchenhaften Geschmeidigkeit und Eleganz spielt und dessen mittlerweile etwas harsch und trocken gewordener Spieltenor in der Cavatina noch spröde klingt, aber im Mittelteil voller Ausdruck ist. Dénise Beck bleibt etwas blass und unbedeutend, singt Sidis Koloraturen in der Arie im Schlussteil mit zirpendem Leichtsopran, doch ohne die nötige Bravour, auffallender ist Sofie Elkjaer Jensen als patente Vela. Henning von Schulman gibt den Dilfeng mit solidem Bass, als Barca kann Michael Kristensen ein gruselig-schönes Charakterporträt liefern.

 

Erstaunlich in der Stadt, die einen freien Shuttle zur hier beheimateten Brauerei mit dem vielleicht weltbesten Bier anbietet, dass sich auf der Bühne des neuen Opernhauses übers Wasser gegenüber vom Schloss, wo der Schauspielregisseur Christopher Berdal Puccinis Fanciulla del West in die Gegenwart holte, Bierkästen von Beck’s, Köstritzer und Radeberger, auch des guten San Pellegrino, befinden. Minnies Kneipe „Polka“ ist ein lieblos vollgeramschter Schuppen, in dem die Bergarbeiter, die mit Helmen und Sicherheitswesten aus dem Schacht kommen, stranden. An der Wand die Fotos der Opfer. Minnies Heim ist ein langer Wohnwagen, wo sich die ebenso resolute wie mädchenhaft verspielte Minnie einen pinkfarbenen Mädchentraum eingerichtet hat. Bett und Sofa ruhen auf Holzpaletten, hinter einer Lamellentür gibt es ein kleines Klo, die Rauten der Tapete sind erst auf den zweiten Blick als Etiketten von Dosengerichten erkennbar. Puccinis Cinemascope-Oper wurde von Palle Stehen Christensen ziemlich detailkundig auf die große Bühne der neuen Operaen gewuchtet, die immer noch zu den bemerkenswerten neuen Opernbühnen Europas gehört und sogar noch wie neu riecht. Einen rechten Zugriff findet Regisseur Berdal dennoch nicht. Der Blick auf das abendliche Kopenhagen und doe direkt gegenüberliegende Schlosskirche ist jedoch hinreißend. Doch im Inneren des neuen, architektonisch in vieler Hinsicht exquisiten Hauses erlebte man an diesem Abend (13. Januar 2017) braves Stadttheater.

In Kopenhagen: „La Fanciulla del West“ Szene/ Foto Miklos Szabo

Am Ende des recht verlegenen ausgefallenen dritten Aktes, hebt sich die Rückwand, die Goldgräber, spricht Bergarbeiter, sowie Rance und der für Dick Johnson bestimmte Galgen fahren in die Tiefe und das Traumpaar entflieht in das goldene Sonnenlicht. Ann Petersen hat mit kurzem, klangarmem Sopran wenig für die Minnie zu bieten. Kraft und Dramatik der Partie erkämpft sie sich unter Anstrengung, die Höhen sind geschrien, manche Passagen in der Mittellage erklingen mit Wärme, doch „Laggiù nel Soledad“ ist verschenkt. Klüger geht Niels Jørgen Riis mit seinem hellen, fast charaktertenoral grell schmalen Tenor um, der keine Italianità zu bieten hat und kraftvolle Szenen wie „Or son sei mesi“ glatt untergehen lässt. Auch er brüllt die Höhen heraus, doch im Laufe des Abends verführt er durch sein eindringliches Spiel und die Gestaltungskraft mit der er im gegen den Strich gebürsteten „Ch’ella mi creda“ überzeugt. Eine souveräne Leistung bietet Johan Reuter, dessen Rance ohne Scarpia-Grimassieren auskommt, aber auch ein wenig harmlos bleibt. Im Ensemble blitzen mehrere überzeugende Episodenpartien auf, darunter die Wowkle der Johanne Bock, der Sonora von Jens Søndergaard, der Nick von Michael Kristensen.

Die Oper selbst fand vornehmlich im Orchestergraben statt, wo der seit Beginn der Spielzeit als Chief Conductor amtierende Alexander Vedernikov mit der Fanciulla seinen Einstand gab. Mit der Kongelige Kapel reagierte er gewandt und liebevoll auf die Solisten und erzeugte einen sämigen Klang, der wendig und plastisch genug war, um auf die Modernität von Puccinis Partitur hinzuweisen (Foto oben: „Lulu“ von Kuhlau“ Szene/ Foto Miklos Szabo). Rolf Fath