Hochwasser im Klassenzimmer

 

Ein Bonmot der Theaterwelt besagt, dass ein echter Klassiker jene Oper oder jenes Theaterstück ist, die man trotz der Regiearbeit wieder erkennt. Manchmal muss man sich aber anstrengen: Regisseurin Lydia Steier ließ in ihrer Inszenierung aus der vorigen Saison, die jetzt in Heidelberg wieder aufgenommen wurde, den Fliegenden Holländer im Theater Heidelberg in einer amerikanischen Militärakademie spielen, offenbar um etwas über Kriegsverherrlichung und das Schicksal von mehr oder weniger pazifistisch eingestellten Außenseitern auszusagen. Ist das aber das Thema der Oper? Man wird der Inszenierung machen guten Effekt bescheinigen (so im belustigend grotesk inszenierten Chor des Spinnerinen, die hier an Sprengköpfen schrauben), dies auch dank der bunten Kostüme von Gianluca Falaschi, aber der Zweifel bleibt, zumal das Geschehen am eindringlichsten wirkte, als die Gestalten miteinander im intimen Rahmen agierten. In Wahrheit stellten das Mit- bzw. Nebeneinander von politischer Absicht und Psychologisieren einen Widerspruch dar, und das Einheitsbühnenbild (Susanne Gschwender), das einen Unterrichtsraum darstellte, stand einer differenzierten Deutung zusätzlich im Wege.

Durch Umbesetzungen bekam das Heidelberg Publikum am 7. März 2017 die Möglichkeit, zwei interessante Gäste zu erleben. Joachim Goltz ragte als Holländer heraus. Er war für James Homan kurzfristig einsprungen und nennt einen festen, kerngesunden und mit sehr klarer Diktion ausgestatteten Bariton sein eigen. Man hätte sich vielleicht mehr elegische Töne gewünscht, um die Zerrissenheit der Gestalt nachzuvollziehen, aber Goltz beeindruckte trotzdem und spielte die Rolle nicht weniger überzeugend (zumal als Einspringer). Die Schwedin Liine Carlsson ist manchem Liebhaber von Opernraritäten als Königin Christina von Schweden in der gleichnamigen Oper von Jacopo Foroni bekannt, die sie auch auf CD aufgenommen hat. Als Senta konnte sie nur zum Teil überzeugen. Sie setzte ihre dunkel gefärbte, zur Dramatik fähige Stimme zwar gekonnt ein, aber man verstand kein Wort. Gelegentlich kam sie aus der Linie und schloss die Phrasen nicht richtig ab. Ihre besten Momente hatte sie im dritten Akt. Und den tollpatschigen Backfisch, den sie dazustellen hatte, nahm man leider der hochgewachsenen, eleganten Sängerin nicht ab. Die anderen Künstler lieferten gute Rollenporträts: Winfrid Mikus gab trotz der langen Karriere (er ist in Heidelberg seit 1991 engagiert) einen jugendlich tönenden, sicher gesungenen Erik, Namwoh Huh verlieh dem Steuermann seinen strahlenden, angenehmen und sehr gut artikulierenden Tenor. Als Daland trumpfte Wilfried Staber mit mächtigen Spitzentönen auf, Mary profitierte von der szenischen Präsenz von Carolyn Frank. Chor und Extrachor des Theaters und Orchesters Heidelberg (vor allem die Männer) waren von Anna Töller bestens vorbereitet worden. Sie wurden vom geradezu lustvoll, virtuos aufspielenden Philharmonischen Orchester Heidelberg begleitet. Das Dirigat lag in den erfahrenen Händen von  von Dietger Holm, der das Ensemble mit sicherer Hand leitete. Er deutete die Partitur aus ihrer Zeit heraus, und man hörte klarer denn je, wie Wagner 1843 noch im Bann des französischen Grand Opéra und Marschners stand. Daraus resultierte eine mitreißende Deutung, die vom Publikum zu Recht gefeiert wurde (Foto oben: „Der fliegende Holländer“ in Heidelberg/ Szene/ Foto Annemone Taake). Michele C. Ferrari

(Foto oben: „Der fliegende Holländer“ in Heidelberg/ Szene/ Foto Annemone Taake).