Hochpoetische Gräue

 

„Nemica ebbi la luce, amica ebbi la notte“, sagt der schöne Paolo. Und Francesca seufzt kurz danach “Ah, Paolo, Paolo“. Die Annäherung des nach Romeo und Julia bekanntesten italienischen Liebespaares geschieht im keuschen Worten. Paolo und Francesca sind „Nachtgeweihte“ und fürchten wie Tristan und Isolde den Tag, von denen das ahnungsvolle Lied des Spielmanns Francesca und ihren Schwestern kündet. Die Opéra national du Rhin in der Weihnachtsstadt Straßburg spielt Riccardo Zandonais Francesca da Riminiin der sich italienischer Wagnerismo, Impressionismus und Fin-de-siècle begegnen, durchtränkt vom Ästhetizismus des Gabriele d’Annunzio, dessen Versdrama Zandonai in Musik setzte. Es ist dieses Suchen nach neuen Möglichkeiten, das die Komponisten der späten Verdi-Zeit abseits des Verismo vereint. Man denke nur an den istrischen Komponisten Antonio Smaregelia, dessen Falena Braunschweig im vorigen Jahr in Deutschland vorgestellt hatte. Zandonai war zwar Schüler Mascagnis, doch mit seinem im späten 13. Jahrhundert spielenden Hauptwerk – mit Giulietta e Romeo konnte er an die Liebenden von Ravenna und Rimini nicht heranreichen – brachte er wenige Monate vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs eine Oper zur Uraufführung, in der das auch musikalisch naturalistisch ausgemalte Gemetzel zwischen Guelfen und Ghibellinen zwar die Kriegsschrecken zu evozierten scheint, das aber in seiner hochpoetischen Sprache, mit der d’ Annunzio die höfische Kultur des Mittelalters umkleidete, und einer entsprechend filigranen Wort-Ton-Verbindung eher zu Debussy und Wagner schielt als zu Mascagnis sizilianischen Dörflern.

Zandonais „Francesca da Rimini“ in Strasbourg/ Szene/ Foto Klara Beck

Francesca da Rimini ist ein Werk, das sich dem Hörer nicht an den Hals wirft. Das sich schwer erschließt, weil es von Kultur und Bezügen strotzt. Man muss es Nicola Raab hoch anrechnen, dass sie in ihrer auf den ersten Blick schlichten Inszenierung die vielen Verweise so übersichtlich anordnete und im grauen Bühnenbild von Ashley Martin-Davis und in seinen ebenso grauen Kutten und Langkleidern einen italienischen Tristan im Spiegel der Dekadenz zeichnete.

Die Dame sitzt auf einer klassizistischen Chaiselongue, daneben eine Vase mit Rosen. So könnte sich Gabriele d’Annunzio selbst in Szene gesetzt haben, der in den Jahren vor und nach 1900 mit seinen worttrunkenen Stücken für Skandale und Aufsehen sorgte. So auch in der von der Duse uraufgeführten Francesca. Bis auf die roten Rosen scheint es keine Farbe in der Ausstattung von Martin-Davis zu geben, der Grauschattierungen, den Palast in Ravenna und Festung und Hof in Rimini in burghohe Kreissegmente auflösen, die von den wie auf einen Fließ schreitenden Kriegern und Söldnern in neue Gestalt gebracht werden, und bruchlos in das Bild des düsteren Meeres überblenden. Nicola Raab filtert diese Vergegenwärtigung einer früheren Epoche so geschickt, dass sie dem beziehungsreichen Werk gerecht wird. Raab zelebriert dazu eine tristanhaft reduzierte Spielführung, welche die Musik und Textornamente nicht zusätzlich belastet. Wie eine Vision erlebt die auf der Vorderbühne sitzende Francesca die Ereignisse, durch die sie eine stumme Spielfigur führt. Erst langsam lässt sie sich in das tödlich endende Geschehen einbeziehen, aus dem wiederum ihr stummes Alter Ego übrigbleibt; sozusagen die von Dante aufgeschriebene und unzählige Male weitergetragene Legende der Francesca.

Zandonais „Francesca da Rimini“ in Strasbourg/ Szene/ Foto Klara Beck

Die Spanierin Saioa Hernández ist ein geborener Spintosopran mit satter Mittellage und ungefährdeter Fülle, auch in der Höhe, sicherlich verfügt sie für Francescas poetische Ergüsse nicht über die gestalterische Finesse einer Scotto und Kabaivanska, doch an stimmlicher Expassionsfähigkeit und Glut hat sie viel zu bieten. An schierer Kraft und Volumen, baritonal robustem Tenormaterial und draufgängerischer Emphase steht ihr der Argentinier Marcelo Puente als Paolo Il Bello in nichts nach. Böser als Scarpia singt Marco Vratogna den wütend bellenden Giovanni, und den von ihm als „Plage der Hölle“ bezeichneten Malatestino gibt Tom Randle mit schmeichelnder Fiesheit. Aus der Reihe von Francescas solistisch geforderten Schwestern sticht Francesca Sorteni als Biancofiore sowie als Sklavin Smaragdi Idunnu Münch heraus. Großer Erfolg (8. Dezember 2017)!

Mit Rückgriffen auf einen frühmittelalterlichen Schalmeienton, der die höfische Welt illustriert, exzessiven Schlachtgemälden, deren orchestrale und chorische Wut, den Plafond des nicht sehr großen Straßburger Hauses zu sprengen droht, und einer expliziten Gewaltdarstellung, verbindet Zandonai Archaisches mit Modernem. Dazu im zarten musikalischen Präraffaelimus der Viola pomposa die Begegnung Francescas, die sich in den schönen Paolo verliebt, weil sie ihn für ihren künftigen Gatten hält. Stattdessen muss sie seinem Bruder, dem finsteren, hüftlahmen Giovanni nach Rimini folgen, wo die Liebe auf den ersten Blick bei der gemeinsamen Lektüre der Lancelot-Geschichte mit einem ersten Kuss besiegelt wird. Hintertrieben wird die Liebe von der zweiten Missgestalt, dem dritten der Malatesta-Brüder, Malatestino, der Francesca zu erpressen versucht und ihrem Gatten alles steckt. Giovanni ersticht die Ehebrecher. Mit einer Musik, die den Belcanto des 19. Jahrhunderts durch ariose Deklamation elastisch unterfüttert, wird dieser Strang mit seinen hochpoetischen Bildern und Motiven zur Gegenwelt des rüden Alltags. Giuliano Carella hat Erfahrung mit Zandonais Musik, die er mit viel Gespür dirigierte. Im engagierten Spiel des Philharmonischen Orchesters ließen sich viele Farben der Partitur erfassen (Foto oben: Zandonais „Francesca da Rimini“ in Strasbourg/ Szene/ Foto Klara Beck).  Rolf Fath