Heiteres im Osten

 

Sollte mir nochmals jemand den Trovatore als kompliziert schildern, so werde ich ihn einfach in eine Vorstellung von Suppés Operette Der Teufel auf Erden schicken. Auf diese Weise wird er schnell lernen, dass der Trovatore bestenfalls ein harmloses Kindermärchen ist… Aber das ist natürlich nicht das eigentliche Problem des Teufels. Die grundsätzliche Schwierigkeit liegt darin, dass das Werk viel zu lang ist. In Chemnitz wurde am 27.4.2019 dies Problem durch die Zusammenarbeit mit der Volksoper Wien verschärft: VO-Dramaturg Christoph Wagner-Trenkwitz beauftragte seinen Freund Alexander Kuchinka damit, ein vollkommen neues Libretto in „zeitgemässer Sprache“ zu schreiben. Der Rest ist schnell erzählt: Heraus kam eine völlig unnötige Neufassung, die vor allem durch äußerst schwache Texte „besticht“. Dazu wurde gegen alle Erkenntnisse aus dem Operettenbetrieb der Dialog in seiner ganzen (Über-)Länge, offenbar völlig ungestrichen, gespielt – so überlang, dass bereits heute feststeht, dass für die späteren Aufführungen an der Volksoper entscheidend gekürzt werden muss. Soviel habe ich bereits aus „gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen“ erfahren. Man würde nicht denken, dass ein solches Produkt aus Geist und Feder sogenannter Theaterfachleute fließen kann.

Positiv war das Bühnenbild: Fast durchgehend ein Teufelsrachen als Höhle, in dem sich die etwas überdrehte Handlung abspielt. Richtig komisch wird`s im ganzen Stück sehr selten, peinlich war das Couplet im dritten Akt (Oberst Donnersbach, gesungen von Gerhard Ernst).

Zu den Sängerleistungen äußere ich mich nur pauschal. Man gab sich (und hatte teilweise) Mühe mit den Anforderungen, die Operette nun einmal stellt. Da fiel Dagmar Schellenberger als Stiftsvorsteherin und Intendantin dank ihrer Erfahrung und Routine schon vorteilhaft auf: Sie verfügt über die Fähigkeit, billigen Effekten elegant aus dem Wege zu gehen. Matthias Winter als „Engel a.D.“ stellte eine diskret-witzige Figur auf die Bühne und das waren die beiden hervorragenden Leistungen. Ausgezeichnet und speziell lobenswert sind die Chöre. Ich meine, sehr viel Potenzial im Ensemble wurde durch die Textfassung zunichte gemacht. Schade um die ganzen Bemühungen, denn in der Musik sind wahre Perlen zu finden. Das Personal in der Neufassung erfuhr starke Vermehrung und viele Namen wurden geändert.

Das Orchester der Oper Chemnitz darf sicher zu den sehr guten gezählt werden. Schade, dass Dirigent Jakob Brenner nicht fähig war, Suppés italienisch-wienerische Farben aufzugreifen und das Ganze in angemessenen Tempi spielen zu lassen. „Getragen“ geht nur dann, wenn man Klemperers Spannungsbögen herstellen kann!

Meine Vergleichsmöglichkeit ist eine Aufnahme des ORF unter Paul Angerer aus dem Jahre 1984, deren Text unterhaltsam ist und ausgezeichnet musiziert wurde. Text und Musik waren von Paul Angerer bearbeitet, resp.gekürzt worden.

Fazit: Ein Besuch in Chemnitz ist für Fachleute aufschlussreich und macht mit einem praktisch ungespielten Werk bekannt. Ein unterhaltsamer Abend aber sieht anders aus…

 

 

Lortzings Operette „Zum Großadmiral“ in Chemnitz/ Szene/ Foto Nasser Hashemi – und oben eine Szene aus Suppés Operette „Der Teufel auf Erden“ im Ernst-von Winterstein-Theater Annaberg/ Foto Rückschloss

Und dann noch kurz ein Abstecher nach Annaberg-Buchholz , dort gab es Lortzings Operette Zum Großadmiral am 28. 4. 2019. Es sei vorgängig erwähnt, dass das Ernst-von-Winterstein-Theater in Annaberg-Buchholz ein kleines Haus mit dreihundert Sitzplätzen ist. Der Intendant Ingolf Huhn gilt als hervorragender Kenner der Sparte „Spieloper“ und hat eine ausgesprochene Affinität zu Albert Lortzing. Mit der Aufführung von dessen zwanzigstem Bühnenwerk Zum Grossadmiral hat Ingolf Huhn sich auch einen persönlichen Wunsch erfüllt, nämlich den, endlich sämtliche Bühnenwerke des Komponisten, Sängers und Dirigenten Lortzing in heutiger Zeit auf der Bühne zu erleben.

Huhns Regie bringt die Oper in Originalfassung und lässt in passendem, sprich „biedermeierndem“ Bühnenbild spielen. Das ist weder veraltet noch verstaubt, sondern werkgerecht und über weite Strecken einfach nur schön. Außerdem kommen witzige Handlungsideen wie die Kneipenbesuche des Prinzen auf diese Weise klar „herüber“.

Im Ensemble gibt es überraschende Entdeckungen zu machen, in erster Linie den (ausgezeichnet deutsch singenden und sprechenden!) Tenor Jason Lee oder die Soubrette Madelaine Vogt als Pagen (Bariton Jason-Nandor Tomory wurde als krank angesagt, sieht aber wenigstens gut aus). Ansonsten gilt, was in kleinen Häusern eben meist hingenommen werden muss: Die „ganz große Klasse“ singt dort, wo auch „die ganz große Kasse“ steht und somit wird man sich damit bescheiden, die „Ausgrabung“ in Annaberg-Buchholz mit Dankbarkeit und einem großen Lob für die Gesamtleistung zu genießen (mit Copp Movbrai, László Varga, Anna Bineta Diouf, Michael Junge, John Snakfield, Jens Langhans, Matthias Stephan Hildebrandt, Anne Wolff).

Das Orchester spielte unter der Leitung des GMD Naoshi Takahashi temperamentvoll, differenziert und sauber und man wünschte sich insgeheim, dieser Dirigent hätte am Abend zuvor in Chemnitz gewirkt…© Rico K.Oberleitner, 2019

  1. Peter Röhner

    Der Teufel auf Erden am 02.06.2019 im Theater Chemnitz.
    Auszüge aus meiner E-mail an das Theater Chemnitz und an Manuela Miebach von Merker-online und Opernfreund:

    Sehr geehrte gnädige Frau,
    Sie sind vermutlich, wie eine große Anzahl über Theateraufführungen Schreibende, „embedded“ im großen, übergreifenden, allumfassenden Netzwerk von Theatern, Intendanten, KBBs, Operndirektoren, Regisseuren, Solisten, Agenturen, Verlagen, Musikzeitschriften, Plattenfirmen, und, und, und.
    Wenn das Opernhaus Chemnitz aus Suppés Operette „Ein Teufel auf Erden“, die etwas über 1 Stunde Musik enthält, ein aufgeblasenes Aufführungsmonstrum von 3 Stunden (plus 20 Minuten Pause) macht, stellen sich die Macher selbst als Nichtkönner bloß.
    Franz von Suppé hätte sich über das sich 2 Stunden lang hinziehende Gequatsche und Geblödel, mit welchem seine herrliche Musik eingeknebelt wurde, im Grabe umgedreht. Wenn sich das Publikum über jeden noch so bescheuerten Gag auf die Schenkel klopft, ist das noch lange keine gelungene Operetteninszenierung. Nach Ihrer Meinung aber „Eine verdammt gute teuflische Leistung“, ach Frau Miebach, inkompetent und ahnungslos!
    Falls dem Theater Chemnitz die Dauer von „Ein Teufel auf Erden“ zu kurz war, hätte man Franz von Suppé entweder mit zwei seiner Kurzoperetten an einem Abend, oder durch einen Abend mit einem großen Querschnitt seines Musikschaffens durch das Ensemble des Theaters Chemnitz zu seinem 200. Geburtstag ehren können.
    In den letzten dreißig Jahren war Chemnitz das Haus, wo nach unserer Ansicht Operette sehr ernst genommen und genauso sorgfältig gepflegt wurde wie die Oper. Wir haben bisher in Chemnitz, neben den wunderbaren Opernraritäten, viele herrliche Operettenaufführungen erlebt.
    Und nun diese unterirdische Klamauk-Inszenierung. Armer Suppé, arme Operette, armes Theater Chemnitz. Peter Röhner

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