Handschuhwechsel in Rom

 

Einen Tag nach der Premiere von Hänsel und Gretel wartete die wiedereröffnete Staatsoper mit einer weiteren Neuinszenierung auf – Monteverdis L’incoronazione di Poppea –, die an die alljährlichen glanzvollen Tage der Alten Musik an diesem Hause erinnerte. Wie so oft saß die Akademie für Alte Musik im Graben, verstärkt durch Mitglieder des italienischen Ensembles I Barocchisti. Dessen Leiter Diego Fasolis, ein ausgewiesener Spezialist der Alte-Musik-Szene, stand am Pult und ließ die um Kompositionen von Cavalli, Laurenzi, Sacrati und Ferrari angereicherte Musik mit großem Farbreichtum erblühen, ihre rhythmische Verve und das mitreißende Temperament sprühen, die pompösen Marschklänge gebührend zur Wirkung kommen. Hinsichtlich der Akustik bestand das Haus diese Prüfung perfekt und erwies sich für das Genre der Barockmusik als ideal.

Monteverdis Oper „L´Incoronazione di Poppea“ an der Berliner Staatsoper/ Foto Bernd Uhlig

Die Besetzung wurde dominiert von Roberta Mameli in der Titelrolle, die als Romy-Schneider-Typ mit Modellkörper, dem Spiel von katzenhafter Agilität, dem lasziven Raffinement und der stupenden Ausdruckspalette die Figur hinreißend verkörperte. Dazu gesellte sich ihr idiomatischer Gesang mit reichem Farbspektrum – mit klagenden, flehenden, lockenden, hinterhältigen, auffahrenden Tönen. Neben ihr behauptete sich gleichrangig als Ottone mit seinem Counter von resonantem, sinnlichem Ton und schwärmerischem Ausdruck, der sich auch in einen ausufernd-jähzornigen wandeln konnte. Zwiespältig dagegen der zweite Countertenor des Abends – Max Emanuel Cencic als Nerone. Der geschätzte Sänger bestach in der Mittellage mit sehr klangvollem Ton, hatte jedoch mit der exponierten Tessitura der Partie Probleme mit dem Ergebnis eines grell gekeiften Klanges, den man in einigen Szenen durchaus auch seinem hysterischen Ausdruck zuordnen konnte. Die verstoßene Gattin Ottavia zeichnete Katharina Kammerloher optisch eindringlich. Ihr Auftritt für „Disprezzata regina“ wird vom Orchester majestätisch eingeleitet, doch blieb die Sängerin der Szene die satte Fülle und das imperiale Pathos schuldig. Auch ihr Abschied von Rom entbehrte der grandeur. Ihre Amme, die Nutrice, gab Jochen Kowalski mit kaum mehr vorhandener Stimme. Nur mit einigen veristisch gesprochenen Phrasen in der Tiefe versuchte der Sänger, Effekt zu machen. Anders Poppeas  Amme Arnalta mit Netzstrümpfen unter dem Gewand, als die Mark Milhofer als spinöses Wesen mit langen Haarfäden und wunderlichem Gehabe imponierte. Ein Kabinettstück sein Triumphgesang mit charaktervollem Tenor über Poppeas Aufstieg zur Kaiserin, der auch ihm eine gehobenere Stellung verleiht. Franz-Josef Selig brachte als Seneca mit balsamischem Bass die dunklen Töne ein und berührte in seiner Sterbeszene mit Würde und Autorität. Weiter überzeugten Evelin Novak als Drusilla mit hübschem Sopran von klarer Höhe, Lucia Cirillo als überdrehter Valletto und herzförmig hereinschwebender Amor und der wie stets mit seinem virilen Bariton bestechende Gyula Orendt als Lucano.

Monteverdis Oper „L´Incoronazione di Poppea“ an der Berliner Staatsoper/ Foto Bernd Uhlig

In Eva-Maria Höckmayrs erotisch betonter Inszenierung fällt ihm eine besondere Rolle zu, erweist er sich doch als der Lustknabe Nerones, der sich ihm immer wieder nähert und ihn umgarnt. In einer erotischen Episode der beiden Männer gesellt sich gar Poppea zu ihnen, was zu einer Menage à trois führt. Und am Ende – nach Poppeas Ernennung zur Kaiserin – wird sich Nerone wiederum Lucano zuwenden und Poppea allein zurücklassen. Vorher hatte er Ottavia ihres Schmuckes entledigt und ihr die langen roten Handschuhe ausgezogen, um sie als Zeichen der Macht an Poppea weiterzureichen. Doch im finalen Duett „Pur ti miro“ wirkt diese zunehmend verunsichert und beklommen, als ahnte sie künftige Gräueltaten und ihr eigenes Schicksal. Dieser Gesang kündete nicht von gemeinsamem Glück, sondern von Ängsten und Zweifeln.

Die Aufführung ist optisch von bestechender Eleganz, denn Jens Kilian hat den Bühnenboden mit einem mattgoldenen Blattgoldband bedeckt, das sich nach hinten und in die Höhe bis zum Schnürboden zieht. In stimmungsvolles Licht von Olaf Fresse und Irene Salka getaucht, leuchtet die Szenerie immer wieder magisch auf. Julia Röslers Kostüme atmen barocke Kostbarkeit mit typischen Accessoires der Epoche  – Krinolinen. Halskrausen, Schnallenschuhe –, die in Situationen der Erregung und des Zorns auch abgelegt werden. Und stets lassen die Kostüme in Details auch die Gegenwart durchscheinen. Die Staatsoper hat mit dieser Doppelpremiere an einem Wochenende ein Achtungszeichen für ihre ernst zu nehmende Position im Reigen der drei Berliner Opernhäuser gesetzt (13. 12. 2017/ Foto oben „L´Incoronazione di Poppea“ an der Berliner Staatsoper/ Foto Bernd Uhlig). Bernd Hoppe