Fragwürdiger Import

 

Wieder hat die Deutsche Oper Berlin  die Produktion eines anderen Hauses übernommen – in diesem Fall Bellinis La sonnambula aus der Oper Stuttgart, wo das Melodramma 2011 seine Premiere erlebte. Das zu unzertrennliche Regie-Duo Jossi Wieler/Sergio Morabito, sattsam bekanntes enfant terrible der Opernszene, präsentiert mal wieder mit der Ausstatterin Anna Viebrock das Werk in einer befremdlichen Sicht. Da sieht man den langen Speisesaal  eines Gasthofes mit gewölbter Tonnendecke, zwei Neonröhren an der Decke und Kleiderschränken zu beiden Seiten, einem hinteren Treppenaufgang und schäbigen Plüschsofa links. Der Einheitsschauplatz wird lediglich für das Gastzimmer, das Conte Rodolfo für eine Nacht in Anspruch nimmt, geringfügig modifiziert, indem eine Wand mit ornamentierter Tapete herabgelassen wird und den langen Raum in der Mitte teilt. Die im Libretto vorgegebenen Schauplätze wie Dorf, Mühle und Wald werden negiert – die nüchterne Szenerie versagt der Aufführung jede Magie, jeden romantischen Zauber. Und während des Abends hat man nicht selten den Eindruck, einer Parodie beizuwohnen, weil viele Szenen die Grenze zur Lächerlichkeit streifen. So lassen die Regisseure die ominöse Geistererscheinung, von der die Dorfbevölkerung berichtet und die doch niemand anders ist als die schlafwandelnde Amina, leibhaftig auftreten in Gestalt einer korpulenten Frau, die die von den Dörflern für sie bereitgestellten Speisen gierig aufnimmt. Das ist von unfreiwillig komischer Wirkung. Enttäuschend der ohne jedes Geheimnis inszenierte Nachtwandel der Amina, die durch ein Fenster in das Zimmer des Grafen steigt und sich in seinem Bett wiederfindet. Zwischen beiden gibt es eine heftige erotische Szene und danach präsentiert Lisa den Landleuten triumphierend den riesigen  Blutfleck auf dem Laken, um Aminas Schande öffentlich zu machen. Hat der Graf deren wehrlosen Zustand derart schändlich missbraucht, um sie zu deflorieren? Oder ist die Blutspur das Zeichen von Aminas Menstruation, welche möglicherweise den somnambulen Zustand bewirkt? Die Regisseure verrätseln die Geschichte noch mehr, wenn sie im 2. Akt Amina zu ihrer großen Szene „Ah! Non credea mirarti“ mit rot beflecktem Nachthemd und Blut verschmierten Schenkeln auftreten lassen. Und ihre Ziehmutter Teresa trägt ein blutiges Bündel herum, dass man glauben muss, Amina habe eine Fehlgeburt erlitten. Ihre Hochzeit mit Elvino beendet die Geschichte, doch am gemeinsamen Glück des Paares darf man zweifeln. Irritation und Distanz bestimmen das letzte Bild.

Er war nicht leicht, bei dieser irritierenden Optik die Leistungen der beteiligten Sänger gerecht zu beurteilen. Die Handlung wird eröffnet von der Wirtin Lisa, die früher mit Elvino liiert war und sich noch immer Hoffnung auf den reichen Gutsbesitzer macht. Alexandra Hutton gibt sie als resche, resolute Person, aggressiv im Verhalten zu ihrer Konkurrentin Amina, lustlos in ihren Verrichtungen im  Gasthof. Ihr robuster Sopran mit reicher Mittellage nahm in der Höhe eine grelle Färbung an. Das Regie-Duo lässt sie zu ihrer Eingangsarie unter Ohren betäubendem Krach die Bänke aufstellen. Solche die Musik störenden Szenen gibt es später noch mehrfach, wenn diese wieder zusammen- und erneut aufgeklappt werden. Der zweite Sopran der Oper ist eine Primadonnenpartie par excellence. Die russische Sängerin Verena Gimadieva gefiel  mit ihrer weichen, kultivierten Stimme, den duftigen Trillern und fließenden Koloraturen. Die Cabaletta ihrer Auftrittsarie („Sovra il sen la man mi posa“) verzierte und variierte sie kunstvoll, brillant geriet das „Ah! non giunge“ im Finale. Bei aller Virtuosität und Klangschönheit – die Stimme ist recht anonym und entbehrt eines persönlichen Timbres, verfügt auch nicht über sehr viele Farben. Neben ihr tat sich Jesús León in der extrem notierten Rubini-Partie des Elvino schwer. Vor allem im 1. Akt schien sein lyrischer Latino-Tenor dünnblütig. Im 2. gewann die Stimme an Substanz, doch wirkten die exponierten Noten weiterhin gekräht. Glänzend Ante Jerkunica als Conte Rodolfo mit klangvollem Bass von großer Autorität, der in seiner Kavatine „Vi ravviso“ mit strömendem Wohllaut begeisterte. Deutlich aufgewertet in dieser Inszenierung ist die Partie der Teresa, für welche die Stuttgarter Orginalbesetzung Helene Schneiderman gewonnen werden konnte. Als ältere, würdige Signora mit Handtasche ist sie so besorgt wie entschlossen und ließ einen noch immer intakten, frischen Mezzo hören. Auffällig der junge Bass Andrew Harris in der Minirolle des Alessio, der auf Lisas Zuneigung hofft.

Scheußlich gekleidet ist der Chor der Deutschen Oper Berlin (Einstudierung: Jeremy Bines) in billigen Anzügen, Kleiderschürzen und Kitteln. Anfangs ließ er einige zaghafte Einsätze hören, gewann aber später an Kontur. Das Orchester der Deutschen Oper Berlin wurde  geleitet von Stephan Zilias, der die Produktion ab der Hauptprobe von Diego Fasolis übernahm, der sich „zurückgezogen hatte“ . Über die Gründe dafür braucht nicht lange gerätselt zu werden. Zilas bot eine respektable Leistung, differenzierte gebührend zwischen den elegischen, süßen Kantilenen und den rhythmisch betonten Passagen, baute die Ensembles spannungsvoll auf und war den Sängern jederzeit ein aufmerksamer Begleiter. Das Premierenpublikum am 26. 1. 2019 feierte die Interpreten und strafte das Regie-Team mit deutlicher Ablehnung. Bernd Hoppe