Händels Heroinen

Frauen standen im Mittelpunkt der 40. Händel Festspiele des Badischen Staatstheaters, einerseits in zwei Oratorien, Semele wurde neu inszeniert, Theodora gab es konzertant, andererseits hatte man mit Vivica Genaux, Sandrine Piau, Patrizia Ciofi und Anna Bonitatibus bekannte Größen des Barockgesangs engagiert. Im Mittelpunkt stand die szenische Produktion von Händels Oratorium Semele. Händel selber bezeichnete es als „after the manner of an oratorio“. Das Thema über Ehebruch und Vergeltung, Sinnenfreuden und Erotik passt so gar nicht in den sittlichen Rahmen des konzertanten Oratoriums, sondern wirkt wie eine ironische Transformation einer italienischen Oper für die Bedürfnisse eines sittenstrengeren englischen Zeitgeistes. Im Barock war die politische Zuordnung etabliert: Jupiter/Zeus ist der Souverän, Juno/Hera seine Gattin und Semele seine Mätresse. Semele ist auch ein didaktisches Oratorium, das Gleichnis hatte seinen Ursprung in den politischen Gegebenheiten der Zeit, die Geschichte vom Scheitern einer Mätresse, die mehr sein will, gab es zu allen Zeiten. Die mythologischen Quellen und die barocke Verwendung laden also zu einem ironischen und aktualisierenden Umgang mit der Handlung ein.

Händels „Semele“ am Badischen Staatstheater/ Szene/ Foto Falk von Traubenberg

Regisseur Floris Visser hat das erkannt und versetzt die Handlung in die USA. Dem Inszenierungsteam gelingt es dabei, diese mythologische Geschichte kurzweilig, überzeugend und mit leichter Hand in eine politische Gegenwart zu transformieren. Jupiter ist der amerikanische Präsident, Juno ist die First Lady, die Figur der Semele erinnert von fern an die Affäre, die Bill Clinton vor knapp 20 Jahren im Weißen Haus mit der Praktikantin Monica Lewinsky hatte. Bühne und Kostüme von Gideon Davey imitieren mit einem Kuppelbau amerikanische Machtarchitektur – die Handlung wird komplett nach Washington transferiert. Athamas wird zum US-Offizier, Cadmus und seine Töchter gehören zur Machtelite, Juno zahlt Cadmus Geld, um seine Tochter mit einer Ehe aus der Reichweite des Präsidenten zu bringen. Die Entführung Semeles geschieht durch militärische Spezialkräfte. Juno geht es um ihre Macht als First Lady, sie will Semele stürzen. Somnus – der Gott des Schlafes – ist der Sicherheitsexperte, der mit Kameras die Zuflucht Jupiters und Semeles bewacht. Semele wird von den Medien und den Blitzlichtern „verbrannt“, die sie durch ihre Berichterstattung bloß stellen und ein normales Leben für Semele unmöglich machen; sie und ihr Kind sterben. Jupiter tritt als Apollo auf, die Geburt Bacchus wird zum Wahlkampf-Gerede. Am Ende triumphiert der Opportunismus der Macht. Als Semele steigerte sich die Sopranistin Jennifer France in der Premiere von Akt zu Akt, am Anfang wirkte sie noch etwas verhalten, im dritten Akt lief sie zu großer Form auf. Ihre Semele ist vielleicht ein wenig zu mädchenhaft, etwas mehr Sinnlichkeit und Verführung könnten noch hinzukommen. Geradezu eine ideale Wahl ist der Tenor Ed Lyon als Jupiter / Apollo – ein schön klingender und koloratursicherer Tenor, der auch noch das Aussehen und die sportliche Figur hat, um seine Rolle  typgerecht zu verkörpern. Den ersten großen Szenenapplaus hatte Katharine Tier, die als Präsidentengattin und First Lady Juno mit hoher Bühnenpräsenz ihre Rolle spielte. Als Athamas hatte Countertenor Terry Wey die erste bemerkenswerte Arie am Ende des 1. Akts. Nicht richtig warm wurde Dilara Baştar mit ihrer Rolle als Ino – ihre Stimme blieb auf Distanz zur Figur, ihr fehlte die Emotionalität. Die Szene zwischen Athamas und Ino im ersten Akt war der sterilste Moment des Premierenabends. Viel Applaus gab es auch für die kleineren Rollen: Edward Gauntt als Cadmus / Priester, Hannah Bradbury als Iris, Yang Xu als Somnus und Ilkin Alpay als Cupid sowie einen sehr gut aufgelegten Festspielchor. Das hauseigene Festspielorchester der Deutsche Händel-Solisten spielte mit einem wunderbar kantablen Klang. Dirigent Christopher Moulds setzte auf Spielfluss; er begleite die Sänger vorbildlich und überwiegend zurückhaltend, gelegentlich konnte man sich wünschen, daß er noch stärker akzentuieren und in den Vordergrund treten würde. Eine kurzweilige Inszenierung und überzeugende Darbietung, für die alle Beteiligten viel Applaus und Zustimmung vom Publikum bekamen.

Von David Hansen ist u. a. bei dhm eine Arienplatte erschienen.

Das konzertant aufgeführte Oratorium Theodora steht in der Tradition einer künstlerischen Auseinandersetzung mit der Christenverfolgung im römischen Reich, ähnliche Geschichten erzählen auch Donizettis Oper Pollione oder der Hollywood-Monumentalfilm „Quo vadis?“ nach dem Roman von Henryk Sienkiewic. Das Oratorium spielt im Nahen Osten zu Beginn des 4. Jahrhunderts, der Stadthalter Valens befiehlt Opfergaben zum kaiserlichen Geburtstag, die Christin Theodora weigert sich, sie wird als Zwangsprostituierte in ein Bordell gesteckt. Der sie liebende römische Offizier Didymus verhilft ihr zur Flucht und wird verhaftet. Theodora stellt sich, beide werden zum Tode verurteilt und besingen ihre Liebe im Duett, bevor beide in den Märtyrertod gehen. Die Titelrolle sang die Dänin Sine Bundgaard mit warmer, ausdrucksvoller Stimme. Die beiden aufeinanderfolgenden Arien im 2. Akt „With darkness deep, as is my woe“ und „Oh, that I on wings could rise“ gehörten zu den emotionalen Höhepunkten, ebenso ihr Duett mit Didymus „To thee, thou glorious son of worth“, das an starke Duette der Händelschen Opern anknüpft. Besonders im Fokus der Karlsruher Aufmerksamkeit stand der Sänger des Didymus – der australische Countertenor David Hansen singt bei den Händel Festspielen 2018 den Ruggiero in Alcina. Bereits mit seiner ersten Arie „The raptur’d soul defies the sword“ bewies er, dass man freudig gespannt darauf sein darf, wie sich Hansens schöne Stimme nächstes Jahr im italienischen Fach entwickelt, an Emotionalität sollte sie noch hinzugewinnen. Bariton Morgan Pearse legte expressive Emotionalität in seinen kernigen Bariton und sang einen skrupellosen Valens. Die norwegische Mezzosopranistin Tuva Semmingsen  glänzte als unaufgeregte Irene besonders mit „Defend her, Heav’n! Let angels spread“,  die schöne und lyrische Tenorstimme des Briten Samuel Boden, überzeugte mit unangestrengten Höhen als Septimus. Der Kölner Kammerchor und Dirigent Peter Neumann arbeiten seit vielen Jahren erfolgreich zusammen, die mit ventillosen Hörnern spielende Badische Staatskapelle bewies, dass es nicht immer ein Originalklang-Ensemble sein muss. Musikalisch war Theodora weniger expressionistisch und aufregend und stärker impressionistisch und innig angelegt.

Händels „Arminio“ am Badischen Staatstheater/ Szene/ Foto Felix Grünschloß

Als Wiederaufnahme gab es die umjubelte Erfolgsproduktion des Vorjahrs: Arminio mit Max E. Cencic als Titelfigur und Regisseur. Es gibt Barockopern, die nur von ihren Bravourarien leben, Stimmakrobatik und Virtuosität als Selbstzweck konterkarieren emotionalen Tiefgang, sorgen aber für schwungvoll gute Laune – Armnio gehört nicht dazu: Händels Arien haben dafür eine andere Qualität – musikalische Substanz, die in der Regel nicht vordergründig ist, sondern die Psychologie der Charaktere beachtet, die Geschichte und das Drama erzählt und tiefer geht als bei anderen Barockkomponisten üblich. Arminio gehört wirklich nicht zu Händels besten Opern – in denen ist das Orchester variabler, die Bandbreite größer. Das bedeutet aber gerade nicht, dass Arminio schwach ist, vielleicht ist er relativ schwach und dennoch stärker als viele andere Barockopern mit austauschbaren Nummern. Bei Arminio scheint es mehr Folgerichtigkeit zu geben, und dass Regisseur Max E. Cencic dies erkannt hat und dadurch die Spannungsmomente betonen konnte, macht die besondere Leistung dieser Inszenierung aus. George Petrou und Armonia Atenea spielen mit plastischem Klang,  variabel, akzentuiert und Wärme ausstrahlend. Petrou als Dirigent zeigt mit Arminio eine großartige Interpretation. Sängerisch gab es einige Wechsel auf Augenhöhe zum Vorjahr, etwas vernachlässigt hat man dabei dieses Jahr die Figurenzeichnung. Die amerikanische Sopranistin Lauren Snouffer übernimmt von Layla Claire (die 2018 in Karlsruhe die Titelrolle in Alcina singen wird). Sie spielt zwar Tusnelda nicht mit der adlig-hochmütigen Selbstsicherheit und Selbstverständnis, doch sängerisch ist sie mit ihrer sehr gut sitzenden, schönen Stimme die interessanteste Entdeckung der Festspiele. Weiterhin wurde das komische Paar Ramise-Sigismondo neu besetzt. Die italienische Mezzosopranistin Gaia Petrone ist anstelle von Ruxandra Donose zu hören, stimmlich überzeugt sie, darstellerisch übertreibt sie als versoffene Ramise. Vince Yi mußte aus familiären Gründen die Rolle des Sigismondo zurückgeben, der als Ersatz nominierte französische Countertenor Nicolas Zielinski sagte aus gesundheitlichen Gründen ab, eine Woche vor der Wiederaufnahme wurde Aleksandra Kubas-Kruk als kurzfristige Einspringerin bekannt gegeben. Kubas-Kruk hat nicht die androgyne Stimme eines Countertenors, meisterte dafür die technische anspruchsvolle Rolle trotz sehr kurzer Vorbereitung mit Bravour – sie ist eine weitere bemerkenswerte Entdeckung der Festspiele. Unverändert stark ist die restliche Vorjahresbesetzung: Max E. Cencic als Arminio, Juan Sancho als testosterongeladener Varo, Owen Willetts als Tullio und Pavel Kudinov als Segeste.

Zwei Sängerinnen mit Reputation sowie Musik, Arien und Duette aus Georg Friedrich Händels Opern Alessandro, Riccardo Primo, Radamisto, Ottone, Scipio, Sosarme, Tolomeo, Rodelinda, Alcina und Giulio Cesare standen im Mittelpunkt des geglückten Abschlusskonzerts der Karlsruher Händel-Festspiele 2017. Zwei Primadonnen bewiesen, daß sie noch immer anderen beispielhaft etwas vormachen können. Mit großen Stimmen zeigten Sandrine Piau und Vivica Genaux ein kaleidoskopisches Spektrum der Affekte – Liebe und Eifersucht, Begeisterung und Verzweiflung, gesungen mit Ausdruck und Emotionalität sowie vorbildlichen Koloraturen und Verzierungen. Beide können immer noch zulegen, neue Nuancen zeigen, das Publikum neu bannen. Und Sandrine Piau war der perfekte Moment vorbehalten: bei der Arie der Alcina „Ah, mio cor“ blieb die Zeit stehen, man kann diese Arie anders, aber nicht besser singen. George Petrou dirigierte 21 Musiker der Armonia Atenea und als Klangkörper war diese Kombination gleichberechtigter dritter Star des Abends – ein mustergültiger Klang mit abwechslungsreicher Akzentuierung. Das Publikum hörte erst auf zu klatschen, als auch das Orchester genug hatte und sich entschloss, von der Bühne zu gehen (Foto oben:Händels „Arminio“ am Badischen Staatstheater/ Szene/ Foto Felix Grünschloß) . Marcus Budwitius