Grüße aus den Alpen

 

Richard Wagners Ring des Nibelungen am Oldenburgischen Staatstheater – das klingt abenteuerlich. Und es ist auch erstmalig, dass sich das Theater in seiner langjährigen Geschichte an die gesamte Tetralogie wagt. Seit der Spielzeit 2016/2017 ist Hendrik Vestmann neuer Generalmusikdirektor in Oldenburg, der sich den immensen Herausforderungen eines kompletten Rings stellt. Im April 2017 fiel mit dem Rheingold der Startschuss für dieses ehrgeizige Projekt. Inzwischen ist man beim Siegfried angelangt – und dem Oldenburgischen Staatstheater ist anerkennend zu bescheinigen, dass es die gewaltige Aufgabe bisher glänzend bewältigt hat.

Regisseur Paul Esterhazy entführt bei seinem Ring in die Welt eines alpinen, abgeschiedenen Bergdorfs in der Schweiz. Das wird vom Rheingold bis zum „Siegfried“ durchgehalten.

Wotan ist ein herrischer Bauer, ehemals der mächtigste Großgrundbesitzer des Dorfes. Seine Vormachtstellung bröckelt und so streift er verkleidet und mit einem angeklebten Bart durchs Dorf, um die Lage zu eruieren. Insbesondere will er nach seinem Enkel Siegfried schauen, auf den sich seine Hoffnungen für den Fortbestand der Macht setzen. Der wächst bei Mime, dem zwielichtigen und hinterhältigen Dorfschmied auf. Alberich ist Wotans trunksüchtiger Nachbar, Erda die Dorfälteste mit seherischen Fähigkeiten.

„Siegfried“ am Oldenburgischen Staatstheater/ Szene/ Foto wie auch oben Stephan Walzl

Wie schon im Rheingold und in der Walküre arbeitet Bühnen- und Kostümbildner Mathis Neidhardt intensiv mit der Drehbühne. Die vielen Räume mit dunklen Holzwänden gehen (fast filmisch) nahtlos ineinander über. Es ist ein wahrer Irrgarten, der hier auf die Bühne gewuchtet wird. der oft in geheimnisvolles Halbdunkel getaucht und von sanften Nebelschleiern eingehüllt wird. Obwohl Neidhardt dieses Gestaltungsprinzip seit dem Rheingold nicht verändert und nur in Einzelheiten variiert hat, ist die Faszination ungebrochen geblieben. Von besonderem, geradezu poetischem Reiz gelingt das Waldweben, bei dem die Weltesche in herbstlichen Farben und mit fallenden Blättern im Mittelpunkt der Bühne steht.

Die Personenführung von Paul Esterhazy ist auch im Siegfried bis ins kleinste Detail ausgelotet. Alle Figuren bleiben auch in dieser Bergwelt von archaischer Größe. Esterhazy weist in seiner Inszenierung auch sehr kunstvoll auf vergangene und auf zukünftige Elemente der Handlung hin. Alles greift sinnvoll ineinander über. Man spürt, dass Esterhazy bei seiner Regie die gesamte Tetralogie im Blick und den großen Zusammenhang konzipiert hat. So geisterte Erda bereits in der Walküre über die Bühne und im Siegried scharen sich bereits die Nornen um sie herum. Auch Loge hat hier im Siegfried einen stummen Auftritt, wenn er dem Wanderer das Feuer reicht. Grane ist (wie schon in der Walküre) ein Greis auf Krücken.

Der Zweikampf zwischen Fafner und Siegfried wirkt wie ein neckisches Lausbubenspiel. Fafner hat hier nicht die Gestalt eines Drachens. Den gibt es vorher in der Projektion eines echsenartigen Ungeheuers zu sehen, das bedrohlich ein Auge öffnet. Wenn Siegfried die auf einem Kaminsims gebettete Brünnhilde mit einem Kuss aus ihrem Dornröschen-Schlaf erweckt, scheint diese den Verlust ihrer Göttlichkeit zu ahnen, wenn sie sich auf Siegfried einlässt. Und so kann sie sich erst nicht entscheiden, in welchem der vielen Betten sie sich ihm hingibt.

Zoltán Nyári ist Siegfried. Mit nie versiegender Kraft und imponierendem Glanz singt er die Riesenpartie von den heroischen Schmiedeliedern über das lyrische Waldweben bis zum ekstatischen Finale ohne geringste Ermüdungserscheinungen und mit durchgängig schönem Ton. Mit dieser Leistung könnte er an den größten Häusern bestehen. Auch Nancy Weißbach ist eine Brünnhilde, die mit kraftvollem und leuchtendem Sopran mühelos über das Orchester tönt und keine Wünsche offen lässt. Auch darstellerisch ist sie absolut überzeugend.

Die Partie des Wotan/Wanderer ist bei Thomas Hall bestens aufgehoben. Sein voluminöser Bariton erfüllt die Anforderungen mit heldischem Glanz, seine Gestaltung ist bis in die großen Ausbrüche äußerst differenziert. Mit Kihun Yoon als Alberich hat er allerdings einen starken Gegner. Auch Yoon kann mit seinem wuchtigen Gesang überzeugen und wäre ebenfalls ein potentieller Wotan. Die Begegnung der beiden ist an dramatischer Spannung kaum zu übertreffen. Ein eindringliches Rollenporträt liefert Timothy Oliver als Mime. Mit seinem ausdrucksvollen Charaktertenor verdeutlicht er die Verschlagenheit der Figur punktgenau. Marta Świderska ist eine pastos klingende Erda, Ill-Hoon Choung mit profundem Bass ein bedrohlicher Fafner. Sooyeon Lee trägt als Waldvogel ihren schon in der Walküre zu sehenden Vogelkäfig grazil über die Bühne und singt die Partie mit bezaubernder Leichtigkeit.

Die Leistung des Oldenburgischen Staatsorchesters unter Hendrik Vestmann verdient höchste Bewunderung. Trotz reduzierter Besetzung kann ein überwältigender Klang realisiert werden. Dieser „Siegfried“ wird dabei dennoch mit feinsten Details musiziert. Seine Wiedergabe ist von sicherer Disposition für die dramatischen Momente ebenso geprägt wie von dem lyrischen Klangzauber des Waldwebens oder dem mit großem Atem genommenen Finale. Man darf sich jetzt schon ungeduldig auf die Götterdämmerung im nächsten Jahr freuen. Wolfgang Denker