Großes Kino

 

Es war das Operndebüt des argentinischen Filmregisseurs Damián Szifron, der auf Einladung von Daniel Barenboim an der Lindenoper Saint-Saëns’ Samson et Dalila inszenierte und bei diesem ersten Versuch im neuen Genre scheiterte. Die deutlichen Buhs nach der Premiere am 24. 11. 2019 zeugten von der Konsequenz des Publikums, eine solch geschmäcklerische Inszenierung mit vielen Episoden nahe dem Kitsch nicht goutieren zu wollen. Dabei begann die Aufführung stimmungsvoll, denn Ètienne Pluss hatte für den 1. Akt in der Stadt Gaza vor dem Tempel des Dagon eine atmosphärische Kulisse mit felsiger Höhlenlandschaft in diffusem Licht (Olaf Freese) erdacht. Die grauen Gewänder der Hebräer  (Gesine Völlm) inmitten dieser Szenerie ergaben eine monochrome Optik von hoher Ästhetik, einem Gemälde vergleichbar. Und erfreut registrierte man nach den vielen nüchternen oder vermüllten Bühnen und dem ewigen Up-dating im noch immer vorherrschenden Regietheater eine historisch orientierte Ausstattung. Aber schon hier gab es auch die ersten seltsamen Einfälle des Regisseurs, wie einen Hund, der über die Bühne läuft und von einem leblos auf dem Boden liegenden Kind  angelockt wird. Es ist Opfer des Konfliktes zwischen Hebräern und Philistern, wird unter großer Anteilnahme der Menschen bestattet. Samson zieht bei seinem ersten Auftritt einen getöteten Stier hinter sich her, im Hintergrund färbt sich der Himmel rot als Ankündigung des Sonnenaufgangs, später folgen noch zuckende Blitze, wallender Nebel sowie Sternenhimmel und Vollmond. Vieles erinnert an Hollywoods Schwerter- und Sandalenfilme, die Kopfhelme der Philisterkrieger mit ihren Stachelschweinborsten lassen gar an Star Wars denken. Durchaus anerkennenswert ist, dass die in einer Grand opéra obligatorischen Ballettszenen in dieser Produktion nicht gestrichen sind, aber zur Danse des prêtresses de Dagon im 1. Akt ein Tanzpaar als Doubles von Samson und Dalila agieren zu lassen, während die Sänger der Titelpartien regungslos an der Rampe verharren, zeugt von wenig Geschmack (Choreografie: Tomasz Kajdanski). Denn die beiden Tänzer (Nikos Fragkou/Lisa Schramm) zeigen in Kurzfassung das illusionäre Glück des Paares mit Liebe, Schwangerschaft und Geburt. Ähnlich irritierend ist die Verführungsszene im 2. Akt in Dalilas Felsengrotte mit einem Beischlaf auf dem Boden, der in seiner naturalistischen Ausführung nur als peinlich zu werten ist.

Ist die Personenführung in den beiden ersten Akten von dilettantischer Unbeholfenheit, überwiegen im letzten Szenen von brutaler Gewalt und Massenhysterie. In einer Halle wird auf hohem Gerüst ein Mordopfer vollzogen, halbnackte Jünglinge führen ähnliche Gräueltaten aus, barbusige Tänzerinnen wiegen sich in Trance, zunehmen in wilde Ekstase gerät die Menge. Überraschend erscheint Dalila prachtvoll gewandet wie Turandot, noch überraschender ist der Einfall der Regie, sie den Oberpriester ermorden zu lassen, was das Libretto nicht vorsieht. Am Ende steigt Samson auf das Gerüst und zerbricht die Säulen, wofür keine spektakuläre szenische Lösung gefunden wurde, während an der Rampe wieder die Doubles des Titelpaares auftauchen.

„Samson et Dalila“ an der Berliner Staatsoper/ Szene/ Foto wie auch oben Matthias Baus

Erfreulicher war die musikalische Seite der Aufführung, zumal für das Titelpaar zwei international renommierte Sänger-Persönlichkeiten aufgeboten waren. Der Amerikaner Brandon Jovanovich als Samson das Ebenbild von Jesus Christus – imponierte mit einem baritonal grundierten, heldischen Tenor, der die strapaziöse Partie bis zum Schluss fast ohne Einbuße durchstand. Nur in der exponierten Höhe kam er in wenigen Momenten an seine Grenzen. Erstaunlich, dass er zu Beginn des letzten Aktes – geblendet, geschoren, gefesselt – auch zu lyrisch zarten Tönen fähig war. Elina Garanca sang Dalilas Arien  mit exquisiter Tongebung und schöner Linie. Die Tiefe wirkte künstlich abgedunkelt und erotisches Raffinement spürte ich nicht wirklich, aber das ist eine subjektive Wahrnehmung. Die am wenigsten französische Interpretation lieferte Michael Volle als Oberpriester des Dagon mit dröhnend wuchtigem Bariton, der zwar grimmigen Zorn und Rachegelüste überzeugend zu vermitteln wusste, aber stilistisch fremd wirkte. Eindrucksvoll behauptete sich Kwangchul Youn in seinem kurzen Auftritt als Abimélech, während Wolfgang Schöne als Alter Hebräer über nur noch wenige stimmliche Möglichkeiten verfügt.

Der Staatsopernchor (Martin Wright) wirkte uneinheitlich, zuweilen stark vibrierend und in der Intonation nicht durchgängig vollkommen. Besonders gelungen war der Auftritt der Philisterinnen („Voici le printemps“) mit einem Gesang von betörendem Liebreiz. Daniel Barenboim hat seit Jahren eine besondere Affinität zum französischen Repertoire, was seine Berlioz-Einspielungen und die von Saint-Saëns’ Oper bezeugen. Mit der Staatskapelle Berlin setzte er im 1. Akt auf eine dramatisch orientierte Deutung, die er gelegentlich zur Lärmorgie aufpeitschte. Aber es gab auch blühende und schwelgerische Klanginseln sowie im 3. Akt beim Bacchanale orientalisches Kolorit von sinnlichem Flair. Bernd Hoppe

  1. Reiner Ernst

    Der Autor selbst sollte sich fragen, ob seine geschriebenen Sätze eine dilettantische Unbeholfenheit aufweisen. Im nachfolgend zitiertem Satz gibt es mehrere grammatikalische Fehler. „Ist die Personenführung in den beiden ersten Akten von dilettantischer Unbeholfenheit, überwiegen im letzten Szenen von brutaler Gewalt und Massenhysterie.“.

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    1. Geerd Heinsen Artikelautor

      was, verehrter herr ernst, wollen sie uns damit sagen? ich sehe da keine grammatischen fehler, eher einen etwas individuellen wortstil. und so ein kommentar führt zu nichts, führt nicht weiter und ist schlicht rechthaberei. der autor schreibt seit vielen jahren und ist sich seiner sprache sehr bewusst. was also soll so ein kommentar? dass sie mit seinem stil und seinen sätzen unzufrieden sind? wie kleinlich! entschuldigen sie dass ich so deutlich bin. sie müssen´s ja nicht lesen. mit grüßen geerd heinsen

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