Grosse Emotionen zum 70.

 

Unvergessen ist Walter Felsensteins legendäre Inszenierung von Jerry Bocks Musical Der Fiedler auf dem Dach 1971 an der Komischen Oper, die über 500 Aufführungen erlebte. Aus Anlass des 70. Jahrestages des Hauses hat Chefregisseur Barrie Kosky das Stück unter dem in Deutschland geläufigen Titel Anatevka neu inszeniert und mit dem sensationellen Premierenerfolg am 3. 12. 2017 dem Ensemble und Publikum das denkbar schönste Geburtstagsgeschenk bereitet. Nach der Rede des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier vor der Aufführung und der des Intendanten danach, in der er einige ehemalige Ensemblemitglieder auf die Bühne gebeten hatte, wurde dann auch mit Sekt und dreistöckiger Geburtstagstorte angemessen gefeiert.

Im ersten Teil erreicht der Regisseur vielleicht nicht ganz die Poesie und stille Nachdenklichkeit wie die Inszenierung seines Vorgängers, aber er versagt sich glücklicherweise auch jede Aktualisierung und die sattsam bekannten Chagall-Assoziationen. Die strenge, triste Bühne von Rufus Didwiszus mit dem verschwommen grauen Foto eines Birkenwaldes im Hintergrund (in der Manier eines Gemäldes von Gerhard Richter) lässt fast an eine Tschechow- oder Turgenjew-Inszenierung denken. Das Zentrum der Szene beherrscht ein hoher Berg von aufgestapelten Möbeln – ein Koloss wie Böcklins Toteninsel – mit Kommoden, Stühlen und vor allem Kleiderschränken, aus denen die Figuren auftreten oder in die sie abgehen und in denen sie sich häuslich eingerichtet haben. Auch der kleine Junge zu Beginn (Maxime Bergeron) entnimmt seinen Geigenkasten einem Kleiderschrank und intoniert auf dem Instrument die bekannte Erkennungsmelodie des Stückes. Danach strömt die ganze Dorfbevölkerung von Anatevka zum „Tradition“-Song auf die Szene – in proletarischer, ärmlicher Einheitskleidung von Klaus Bruns ohne jedes folkloristische Ornament oder heitere Buntheit. Die Chorsolisten der Komischen Oper (Einstudierung: David Cavelius) erreichen einmal mehr überwältigende Wirkung durch ihr bedingungsloses Engagement, das überschäumende Temperament und die differenzierte Zeichnung der einzelnen Charaktere. Und wiederum ist der Choreograf Otto Pichler eine Trumpfkarte der Produktion, der hier an seinen Erfolg mit der West Side Story anknüpfen kann. Er erdachte mitreißend wirbelnde Tänze von oft geradezu animalischer Wildheit, die in ihrem Anspruch seinen zwölf Tänzern alles an artistischer Bravour und stupender Bravour abverlangen. Schließlich sorgt Koen Schoots mit dem Orchester der Komischen Oper Berlin für musikalischen Drive und überschäumende Vitalität, aber auch für die Schwermut und Traurigkeit im zweiten Teil. Ich empfand das Sounddesign von Sebastian Lipski und Simon Böttler allerdings oft als zu dröhnend.

„Anatevka“ an der Komischen Oper Berlin/ Szene/ © Iko Freese / drama-berlin.de

Ein Glücksfall ist die Besetzung der zentralen Rolle des Milchmanns  Tewje mit Max Hopp, der mit seinem Karren umher zieht wie Mutter Courage bei Brecht. Er ist kein behäbiger großväterlicher Typ, sondern ein vitaler, agiler Mann in den besten Jahren. In seiner Interpretation der Figur bietet er ein reiches Spektrum an Farben, Zwischentönen und Stimmungswechseln. Den berühmten Song „Wenn ich einmal reich wär“ serviert er sehr differenziert und mit visionärem Ausdruck. Seine Zwiesprachen mit Gott an der Rampe im Spot zeigen ihn zwischen dem Beharren auf der Tradition und der Liebe zu seinen fünf Töchtern. Die wollen sich nicht von der resoluten und drallen Heiratsvermittlerin Jente (Barbara Spitz) unter die Haube bringen lassen. Da ist Talya Lieberman als Zeitel, die statt des ihr zugedachten Fleischers Lazar Wolf (rabiat und grollend: Jens Larsen) den armen Schneider Mottel (Johannes Dunz mit jugendlicher Emphase) erwählt. Hodel (Alma Sadé mit klarem Sopran) verliebt sich in den Hauslehrer Perchik (Ezra Jung als leidenschaftlicher Agitator), während Chava (sympathisch und selbstbewusst: Maria Fiselier) in ihrer Zuneigung zu dem russischen Christen Fedja (Ivan Tursic) den Unmut des Vaters auslöst. Er bleibt hart und verweigert sich dieser Verbindung. Rührend ist der Abschied von seiner Tochter, Tränen erstickt das  traurige Lied „Kleiner Spatz“. Ähnlich bewegend ist das Duett mit seiner Frau Golde („Ist es Liebe?“), in dem auch Dagmar Manzel (mit Berliner Jargon ihr schieres Selbst) zu ganz schlichten Tönen findet.

Einen jähen Stimmungsumschwang bietet die Inszenierung, wenn bei der Hochzeit von Zeitel und Mottel am Ende des ersten Teils eine lärmende Horde von wilden Schlägern einfällt und die Milchkübel über die Feiernden kippt. Es sind die ersten Anzeichen der bevorstehenden Pogrome – Tewje kann das nur mit einer fragenden und aufbegehrenden Geste an seinen Gott kommentieren. Nach der Pause kippen Vitalität, Frohsinn und Lebensfreude in Melancholie, Abschiedsschmerz und Trauer. In einer tristen Schneelandschaft steht nur noch ein einziger Kleiderschrank und bald sieht man die vertriebenen Menschen mit ihren wenigen Möbeln das Dorf verlassen, den traurigen, stockenden „Anatevka“-Abgesang auf den Lippen. Der Wehmut dieses Abschieds von der Heimat entspricht der nochmalige Auftritt des jungen Geigers, der mit seiner Melodie das Publikum nachdenklich und berührt entlässt („Anatevka“ an der Komischen Oper Berlin/ Szene/ Ausschnitt/ © Iko Freese / drama-berlin.de). Bernd Hoppe