Großartig in Teilen

 

Man glaubt es kaum und es stellt den Verantwortlichen des Hauses kein Ruhmesblatt aus, dass ein  so wichtiger Dirigent unserer Tage wie Valery Gergiev vor dieser Parsifal-Serie kein einziges Mal Oper in der Staatsoper dirigiert hat. Gut, Holender mochte ihn aus nicht nachvollziehbaren Gründen nicht, aber warum Meyer so lange mit einem Engagement zugewartet hat, bleibt unverständlich. Die etwas hilflose Begründung in der Staatsopernpostille ist nicht mehr als eine Schutzbehauptung. Ich verstehe eigentlich nicht, warum die Philharmoniker, die Gergiev sehr schätzen, da nicht mehr Druck gemacht haben.

Nun, an diesem Abend wurde einem bewusst, was man jahrelang versäumt hat. Es war einfach großartig was da aus dem Orchestergraben kam. Hier war von Anfang an der musikalische Aufbau klar erkennbar, die einzelnen Themen setzten sich logisch zueinander in Beziehung und der große Bogen über den ganzen Abend war vorhanden. Auch das einmal aufgenommene Zeitmaß wurde vom Anfang bis zum Ende durchgehalten. Dabei gab es einen vollkommen durchsichtigen Orchesterklang, egal z.B. ob die Verwandlungsmusiken den Zuhörer mit voller Wucht trafen oder der Karfreitagszauber zart und ungemein berührend gespielt wurde. Den Sängern war Gergiev ein sorgsamer Begleiter und keiner von ihnen wurde zugedeckt.

Wagners „Parsifal“ an der Wiener Staatsoper/ Szene/ Foto Pöhl

Die zweite großartige Leistung bot Elena Zhidkova als Kundry. Sie ließ ihren schönen Mezzo wunderbar strömen und hatte weder mit den extremen Höhen als auch den Tiefen Probleme. Die Klippen des zweiten Aufzuges meisterte sie inklusiven einem tadellosen „lachte“ ausgezeichnet. Darstellerisch war sie überzeugend, besonders was die Bewegungen betrifft. Im dritten Aufzug konnte man wirklich sagen „Wie anders schreitet sie als sonst!“ Der Dritte im Bundes, der diese Aufführung zu einem Erlebnis machte, war René Pape als Gurnemanz. Sein herrlich weicher Bass klang wunderbar und er sang mit einer derartigen Selbstverständlichkeit, als ob das die einfachste Sache der Welt wäre. Dazu kam eine sehr menschlich berührende Rollengestaltung. Nicht ganz an die Leistung der beiden heranreichend, aber durchaus gut, war Simon O’Neill in der Titelrolle. Sein Problem ist, dass die Stimme kein schönes Timbre hat, aber was er tat, war ehrliche Arbeit. Er sang alles korrekt und hatte auch mit den extremen Stellen des zweiten Aufzuges keine Probleme. Zudem teilte er sich die Rolle klug ein, sodass auch für den Schluss noch genügend Kraft da war. Weniger Freude hatte man mit den beiden anderen tiefen Herrenrollen, wobei Boaz Daniel als Klingsor wenigsten eine gediegene Repertoirleistung bot, allerdings als Figur total blass und uninteressant blieb. Schlimm sah es um Thomas Johannes Mayer als Amfortas aus. Die Stimme klang, wenn überhaupt, fahl und flackerte mehr als deutlich. Außerdem bemerkte man kaum eine Rollengestaltung. In den kleineren Partien waren die Damen den Herren eindeutig überlegen, wobei positiv anzumerken ist, dass unter den Blumenmädchen auch Spitzenkräfte des Ensembles (Olga Bezsmertna, Maria Nazarova und Szilvia Vörös) waren, wie es sich für ein Haus wie die Staatsoper gehört.

Großartig auch das Orchester. Die Musiker lasen dem Dirigenten jeden Wunsch von den Augen ab und spielten, wie ich es gerne nenne, auf der Sesselkante. Das bedeutet, sie waren ungemein konzentriert und bewiesen einmal mehr, dass sie das beste Opernorchester der Welt sind. Auch der Chor (Leitung: Martin Scherbesta) legte sich voll ins Zeug und bot ebenfalls eine sehr gute Leistung. Am Ende gab es viel Jubel für Gergiev, Zhidkova, Pape und auch O’Neill, allerdings auch – und das sage ich sehr ungern – verdiente Buhs für Mayer (24.4.2019). Heinrich Schramm-Schiessl  Mit freundlicher Genehmugung des Online-Merker