Wiener Block

 

150 Jahre ist sie nun alt, unsere Wiener Staatsoper am Ring. Hatte man 1969 das Hundertjahr-Jubiläum zwar mit einer glanzvollen Ausstellung in der Hofburg, aber ohne festliche Premiere, sondern mit einem Überblick über das damals aktuelle Repertoire gefeiert, so gibt es heuer am Jubiläumstag selbst die Premiere eines Werkes, das in diesem Jahr selbst ein Jubiläum feiert. Vor hundert Jahren, konkret am 10.10.1919, wurde die Die Frau ohne Schatten als einziges Werk von Richard Strauss im Haus am Ring uraufgeführt. Es war daher klar, dass da heuer in jedem Fall eine Neuinszenierung stattfinden muss und es wäre nicht Wien, gäbe es hiezu nicht eine durchaus skurril anmutende Vorgeschichte. Ursprünglich war Alvis Hermanis als Regisseur vorgesehen, aber nach dem Desaster des Parsifal zog Direktor Meyer die Notbremse und löste den Vertrag. Daraufhin kam es – um aus einem anderen anderem Strauss-Werk zu zitieren – zu einer typisch wienerischen „Kreuzerkomödie“. Irgendwer setzte das Gerücht in die Welt, dass es nun keine Neuinszenierung, sondern lediglich eine Neueinstudierung der Carsen-Inszenierung von 1999 geben werde. Obwohl jedem klar sein mußte, dass ein derartiges Unterfangen eine Riesenblamage wäre, hielt sich das Gerücht mit einer Beharrlichkeit bis eine Woche vor der Spielplan-Pressekonferenz dieser Saison. Bei dieser präsentierte der Direktor dann ein für Wien bis dahin unbekanntes französisches Regieteam. (…)

Nun haben wir das Werk also endlich wieder im Repertoire der Staatsoper und die Produktion muss in der Gesamtsicht als gut bewertet werden, wobei das Hauptereignis des Abends im Orchestergraben stattfand. Was Christian Thielemann mit dem Staatsopernorchester da zum Klingen brachte war großartig. Egal, ob es imposante Entladungen oder die zartesten Pianissimo-Stellen waren, alles klang wie selbstverständlich und als ob die Realisierung dieser schwierigen Partitur das einfachste auf der Welt wäre. Trotzdem blieb der Orchesterklang transparent, sodass die Sänger nie zugedeckt wurden. Dazu kam natürlich noch, daß er einen großen Bogen  über den ganzen Abend spannen konnte. Das Orchester las ihm jeden Wunsch von den Augen ab und spielte wieder einmal „auf der Sesselkante“.

Die Sänger waren im gesamten gesehen gut, allerdings mit Abstrichen. Die beste Leistung des Abends bot für mich Stephen Gould als Kaiser. Natürlich, ich kenne ihn als verlässlichen Sänger, aber eine derartige Leistung hätte ich ihm nicht wirklich zugetraut. Man hatte nie das Gefühl, dass er mit dieser immens schwierigen Partie – wahrscheinlich die schwierigste Tenorpartie, die Strauss geschrieben hat – kaum Probleme hatte.Die Höhen kamen sicher und auch sonst stimmte eigentlich alles. Lediglich gestalterisch wirkte er etwas lethargisch, aber das liegt auch an der Rolle. Ebenfalls überrascht hat mich Camilla Nylund als Kaiserin. Sie sang die Partie sehr schön auf Linie und hatte mit der nicht einfachen Tessitura nicht wirklich Probleme. Nur in den daramtischen Stellen wäre etwas mehr Kraft von Vorteil gewesen. Darstellerisch konnte sie durchaus überzeugen. Dem gegenüber war ich von Nina Stemme, eine Sängerin die ich an sich sehr schätze, als Färberin etwas enttäuscht. Sie sang zwar durchaus intensiv, aber die extremen Höhen wirkten zeitweise mehr geschrien als gesungen. Wobei bei mir wahrscheinlich mitspielt, dass ich die aus dem Mezzofach kommenden Färberinnen lieber habe, weil dieser Stimmtypus besser zum Charakter dieser Rolle passt. Darstellerisch hätte ich mir von ihr mehr Emotionen gewünscht..  Evelyn Herlitzius sang mit der ihr eigenen Stimme eine sehr gute Amme und konnte wieder einmal durch ihre Persönlichkeit punkten.Am wenigsten gefallen hat mir Wolfgang Koch als Barak. Einerseits klang die Stimme eher flach und beiläufig und andererseits konnte er überhaupt nicht rühren. Sebastian Holecek war ein durchaus stimmgewaltiger Geisterbote. Ordentlich das Trio der Brüder des Färbers – Samuel Hasselhorn, Ryan Speedo Green und Thomas Ebenstein – sowie in den kleineren Rollen Maria Nazarova (Falke und Hüter der Schwelle), Monika Bohinec (Stimme von oben) und Benjamin Bruns (Jüngling).  Der von  Thomas Lang einstudierte Chor entledigte sich seiner Aufgabe ebenfalls gut.

Wiener Staatsoper: „Die Frau ohne Schatten“/ Szene Foto Thilo Pöhl

Kommen wir nun zur Inszenierung und hier wird es schwieriger, als ich nach dem 1. Akt angenommen habe. In diesem 1. Akt verfolgt Regisseur Vincent Huguet nämlich die Intentionen von Richard Strauss und inszenierte das Stück märchenartig. Auch wenn eine Personenführung, wenn überhaupt, so nur in Ansetzen vorhanden war, hatte man das Gefühl, mit dieser Inszenierung „leben“ zu können. Das änderte sich im 2. Akt. Da ist dem Regisseur sein Konzept irgendwie entglitten. War es Angst vor der eigenen Courage oder schlichtweg Einfallslosigkeit, aber plötzlich tauchten immer wieder nicht verständliche Elemente auf. Vor dem Falknerhaus lagen Unterstandslose oder Verwundete – genau war das nicht auszumachen – , die Szene im Schlafgemach der Kaiserin spielte zum Teil vor dem Zwischenvorhang und wurde so völlig verschenkt und das dramatische Finale des Aktes blieb völlig wirkungslos. Im 3. Akt ging es dann mit Merkwürdigkeiten weiter. So spielt die erste Szene nicht in zwei Einzelkammern, sondern in einem Gefängnis oder Lager und ganz besonders schlimm wird es bei der Szene der Kaiserin an der Quelle des Lebens. Zunächst findet auch diese Szene vor dem Zwischenvorhang statt, auf den ein Wasserfall projiziert wird und als sich der Vorhang dann wieder öffnet, ereignet sich auch praktisch nichts. Das Bühnenbild von Aurélie Maestre war zwar etwas eintönig, aber eigentlich praktikabel. Etwas mehr Farbe hätte nicht geschadet. Diese fand man allerdings in den Kostümen von Clémence Pernoud. Wozu es einen eigenen Lichtdesigner gibt, habe ich mich allerdings gefragt. Die Kaiserin und die Amme warfen den ganzen Abend über einen Schatten und dann, als der Schatten auch in der Musik vorkommt, passiert praktisch nichts. Am Ende gab es viel Jubel für alle, besonders natürlich für Thielemann. Ein einsamer Buhrufer vor dem 3.Akt sorgte für Unverständnis. Heinrich Schramm-Schiessl (P.S.: Vor Beginn der Aufführung trat Direktor Meyer vor den Vorhang und würdigte das 150 Jahre alte Haus. Irgendwie klang es auch schon nach einer ersten Abschiedsrede. Mit freundlicher Genehmigung des Online-Merker )

 

Man glaubt es kaum und es stellt den Verantwortlichen des Hauses kein Ruhmesblatt aus, dass ein  so wichtiger Dirigent unserer Tage wie Valery Gergiev vor dieser Parsifal-Serie kein einziges Mal Oper in der Staatsoper dirigiert hat. Gut, Holender mochte ihn aus nicht nachvollziehbaren Gründen nicht, aber warum Meyer so lange mit einem Engagement zugewartet hat, bleibt unverständlich. Die etwas hilflose Begründung in der Staatsopernpostille ist nicht mehr als eine Schutzbehauptung. Ich verstehe eigentlich nicht, warum die Philharmoniker, die Gergiev sehr schätzen, da nicht mehr Druck gemacht haben.

Nun, an diesem Abend wurde einem bewusst, was man jahrelang versäumt hat. Es war einfach großartig, was da aus dem Orchestergraben kam. Hier war von Anfang an der musikalische Aufbau klar erkennbar, die einzelnen Themen setzten sich logisch zueinander in Beziehung und der große Bogen über den ganzen Abend war vorhanden. Auch das einmal aufgenommene Zeitmaß wurde vom Anfang bis zum Ende durchgehalten. Dabei gab es einen vollkommen durchsichtigen Orchesterklang, egal z.B. ob die Verwandlungsmusiken den Zuhörer mit voller Wucht trafen oder der Karfreitagszauber zart und ungemein berührend gespielt wurde. Den Sängern war Gergiev ein sorgsamer Begleiter und keiner von ihnen wurde zugedeckt.

Wagners „Parsifal“ an der Wiener Staatsoper/ Szene/ Foto Pöhl

Die zweite großartige Leistung bot Elena Zhidkova als Kundry. Sie ließ ihren schönen Mezzo wunderbar strömen und hatte weder mit den extremen Höhen als auch den Tiefen Probleme. Die Klippen des zweiten Aufzuges meisterte sie inklusiven einem tadellosen „lachte“ ausgezeichnet. Darstellerisch war sie überzeugend, besonders was die Bewegungen betrifft. Im dritten Aufzug konnte man wirklich sagen „Wie anders schreitet sie als sonst!“ Der Dritte im Bundes, der diese Aufführung zu einem Erlebnis machte, war René Pape als Gurnemanz. Sein herrlich weicher Bass klang wunderbar und er sang mit einer derartigen Selbstverständlichkeit, als ob das die einfachste Sache der Welt wäre. Dazu kam eine sehr menschlich berührende Rollengestaltung. Nicht ganz an die Leistung der beiden heranreichend, aber durchaus gut, war Simon O’Neill in der Titelrolle. Sein Problem ist, dass die Stimme kein schönes Timbre hat, aber was er tat, war ehrliche Arbeit. Er sang alles korrekt und hatte auch mit den extremen Stellen des zweiten Aufzuges keine Probleme. Zudem teilte er sich die Rolle klug ein, sodass auch für den Schluss noch genügend Kraft da war. Weniger Freude hatte man mit den beiden anderen tiefen Herrenrollen, wobei Boaz Daniel als Klingsor wenigsten eine gediegene Repertoirleistung bot, allerdings als Figur total blass und uninteressant blieb. Schlimm sah es um Thomas Johannes Mayer als Amfortas aus. Die Stimme klang, wenn überhaupt, fahl und flackerte mehr als deutlich. Außerdem bemerkte man kaum eine Rollengestaltung. In den kleineren Partien waren die Damen den Herren eindeutig überlegen, wobei positiv anzumerken ist, dass unter den Blumenmädchen auch Spitzenkräfte des Ensembles (Olga Bezsmertna, Maria Nazarova und Szilvia Vörös) waren, wie es sich für ein Haus wie die Staatsoper gehört.

Großartig auch das Orchester. Die Musiker lasen dem Dirigenten jeden Wunsch von den Augen ab und spielten, wie ich es gerne nenne, auf der Sesselkante. Das bedeutet, sie waren ungemein konzentriert und bewiesen einmal mehr, dass sie das beste Opernorchester der Welt sind. Auch der Chor (Leitung: Martin Scherbesta) legte sich voll ins Zeug und bot ebenfalls eine sehr gute Leistung. Am Ende gab es viel Jubel für Gergiev, Zhidkova, Pape und auch O’Neill, allerdings auch – und das sage ich sehr ungern – verdiente Buhs für Mayer (24.4.2019). Heinrich Schramm-Schiessl  Mit freundlicher Genehmugung des Online-Merker