Griechisch-Deutsche Barockmischung

 

Der Winter in Schwetzingen -das Barock-Festival der Heidelberger Oper im Rokokotheater des benachbarten Schwetzingen- widmet sich nach vielen Ausgrabungen italienischer Opern nun der stiefmütterlich behandelten deutsch gesungenen Barockoper. Der Komponist Georg Caspar Schürmann (1672/73-1751) war Nachfolger von Reinhard Keiser an der Hamburger Gänsemarktoper (dem ersten öffentlichen Opernhaus Deutschlands) und Vorgänger von Carl Heinrich Graun in Braunschweig, wo diese Alceste 1719 uraufgeführt wurde. 2016 gab es eine halbszenische Aufführung inkl. CD-Aufnahme (CPO) in Hamburg, in Schwetzingen hat man sich dieses Werks nun bravourös im Rokokotheater angenommen. Die getreue Alceste verzaubert musikalisch und sängerisch und ist eine der schönsten Produktionen, die der Winter in Schwetzingen bisher zu bieten hatte.
Die Handlung mischt Mythologie mit neuen Elementen. Admetus (König von Thessalien) liegt im Sterben. Er hat Licomedes getötet, der Alceste entführte, und wurde selber dabei tödlich verwundet. Die Trauer seiner Verlobten Alceste erweicht die Götter, Admetus darf leben, wenn ein anderer für ihn stirbt. Alceste opfert sich aus Liebe, damit ihr Mann leben kann. Admetus wiederum beauftragt Herkules, Alceste aus der Unterwelt zurückzuholen. Doch nichts ist umsonst, Herkules ist selber in Alceste verliebt und fordert sie für sich, Admetus willigt ein, er will seine Geliebte lieber lebend an der Seite eines anderen sehen als tot im Hades. Doch die Liebe der zurückgeholten Alceste zu Admetus erweicht letztendlich Herkules, er verzichtet und sorgt für ein Lieto fine. Die Geschichte ist bei Schürmann um neue Handlungsstränge ausgebaut, weitere Personen dem Liebeskarussell hinzugefügt. Strato (ein Berater des Königs Licomedes) liebt Cephise (Alcestes Vertraute), Cephise hat sich in Hippolyte verliebt, die allerdings nur als Mann verkleidet und tatsächlich eine Amazone ist, die in Herkules verliebt ist, der wiederum Alceste begehrt.
Regisseur Jan Eßinger konzentriert sich auf eine unaufgeregte Handlungsführung rund um das barocke Beziehungskarussell ohne Überpsychologisierungen, er legt weder falsche Fährten, die ins Leere führen noch konstruiert er abwegige Abgründe, sondern erzählt die Geschichte in vier schlüssigen Bildern. Bühne und Kostüme von Benita Roth versetzen das mythische griechische Königsdrama im ersten Bild an die griechische Küste der Neuzeit, die Handlung beginnt als geselliges Zusammensein auf einer sommerlichen weißen Terrasse mit Liegestühlen und Sonnenschirmen vor blauem Himmel. Licomedes entführt Alceste am Tage ihrer geplanten Hochzeit mit Admetus, die Nymphe Thetis läßt einen musikalischen Sturm aufziehen. Im zweiten Bild treffen die Figuren im Freien aufeinander, ein windschiefer Baum und Büsche bilden die Szenerie des Opfertods. Das dritte Bild zeigt Pluto und Prosperine in der gänzlich unbedrohlichen Unterwelt vor herbstlichem Braun, Alceste hat Visionen ihres verpaßten Lebens. Die Befreiung durch Herkules ist hier noch unspektakulär und nicht weiter vom Librettisten dramatisiert, er kommt mit Charon in dessen Boot und nimmt Alceste mit. Alcestes Rückkehr im vierten Bild findet auf leerer, dunkler Bühne statt, im  Hintergrund ein Scheinwerfer zeigt die Öffnung zur Rückkehr, die dann auch schmucklos endet. Der obligatorische Schlußjubel wird szenisch gebrochen, die mythischen Figuren verschwinden langsam im Hintergrund. Eine schöne und solide Inszenierung, die der Oper Raum zum Atmen und Wirken gibt.

Schürmanns „Getreue Alceste“ in Schwetzingen/ Foto Susanne Reichardt

Nur drei Opern Schürmanns sollen die Zeiten überstanden haben, Die getreue Alceste ist für die Schwetzinger Aufführung adaptiert, gekürzt und gestrafft worden, das Resultat ist kurzweilig (ca. zwei Stunden Musik) und bühnentauglich. Schürmanns Musik ist melodisch und einfallsreich und für Barockfreunde attraktiv, Fagott, Oboe, zwei Flöten, Pauke und Windmaschine sorgen für farbigen und abwechslungsreichen Klang. Die renommierte Lautenistin und Dirigentin Christina Pluhar leitet das Philharmonische Orchester Heidelberg, das durch Barockspezialisten (Viola da gamba, Theorbe/Barockgitarre, Cembalo) verstärkt wird, und von Jahr zu Jahr vertrauter mit barocker Spielweise zu werden scheint und idiomatischer klingt als noch vor einem Jahrzehnt. Pluhar gelingt es einen Klang zu schaffen, der nahe herankommt an ein Originalklangensemble. Ihr geschmeidiges und nuanciertes Dirigat sind ein starker Erfolgsfaktor dieser Produktion. Das Libretto stammt von Johann Ulrich von König, dessen Operntexte auch von Telemann und Keiser vertont wurde und zu seiner Zeit ein bekannter Poet war. Es wird deutsch gesungen und deutsch übertitelt, Königs Sprache ist heute noch verständlich und wird auch textverständlich dargeboten. Neben Arien gibt es auch Duette und Solisten-Chöre. Die belgische Sopranistin Sophie Junker als Alceste ist der Star dieser Produktion. 2010 gewann sie den London Händel Wettbewerb in London, 2012 den Cesti Wettbewerb bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik. Ihre warme, flexible und leuchtende Stimme ist fast zu groß für das kleine, intime Rokokotheater, die emotionale Achterfahrt gelingt ihr voller Innigkeit und Intensität.  Admetus ist mit dem jungen britischen Countertenor Rupert Enticknap ebenbürtig besetzt. Sein Timbre ist angenehm weich, auch die Höhen sind nicht spitz oder hart, seine Klagen sind nicht wehleidig – ein Counter, von dem man in den kommenden Jahren noch öfters hören sollte. Als Cephise glänzt die französische Sopranistin Emmanuelle de Negri, deren Stimme ebenfalls bei renommierteren Barockfestivals gut aufgehoben ist. Hercules singt Ipča Ramanović mit kernigem Bariton. Die ihn liebende Hyppolite Elisabeth Breuer kontrastiert durch jugendliches Flair. Ergänzt wird das homogene Ensemble in den kleineren Rollen durch Stipendiaten: vier junge Sänger, die aus über 100 Bewerber sämtlicher deutscher Musikhochschulen ausgewählt wurden. Lars Conrad als um Cephise werbender Strato sowie als Charon sowie Tenor Stefan Sbonnik in der Doppelrolle als Licomedes und Admetus‘ Vater Pheres haben starke Auftritte. Weiterhin singen die lettische Baiba Urka in der Dreifachrolle als Thetis/Pallas/Prosperin, Aline Quentin als Page Cleantes sowie Bassist Maximilian Haschemi als Pluto. Sängerisch und musikalisch ist diese Produktion sehr gut besetzt. Der Heidelberger Oper könnte ein Coup gelingen, wenn die in den kommenden Jahren gespielten deutschen Barock-Opern das Niveau dieser bemerkenswert schön gelungenen Alceste halten können (5. 12. 2019). Marcus Budwitius