Grau in Grau

 

Aus dem Jahr 2005 stammt Laurent Pellys Inszenierung von Offenbachs Opéra fantastique Les Contes d’Hoffmann in der Fasssung von Michael Kaye und Jean-Christophe Keck. Nach der Premiere an der Opéra National de Lyon ging die Produktion an das Gran Teatre del Liceu in Barcelona und von dort an die San Francisco Opera. Nun ist sie an der Deutschen Oper Berlin angekommen, wo sie am 1. 12. 2018 herauskam. Nach dem Besuch der Aufführung fragt man sich, warum sie international so gefragt und erfolgreich ist. Denn die Szene wird von einer öden Optik bestimmt und besitzt kaum Schauwert. Verschiebbare graue Wände rahmen die Bühne ein (Chantal Thomas), die Räume mit sparsamem Mobiliar sind abstrakt und ohne jeden lokalen Bezug. Im Weinkeller von Lutter & Wegner leuchten die Gesichter der Alkoholgeister aus dem Dunkel magisch heraus. Die Muse entsteigt einer dampfenden Vertiefung und verwandelt sich in Hoffmanns treuen Begleiter Nicklausse. Irene Roberts singt beide Partien mit jugendlicher Emphase und klangvollem Mezzosopran von potenter Höhe. Nicklausse ist in dieser Version sehr aufgewertet und hat mehrere anspruchsvolle Couplets zu singen. „C’est l’amour“ im 3. Akt klingt besonders betörend und verführerisch. Der schwedische Tenor Daniel Johannsson in der Titelrolle beginnt mit aufgeraut-spröder Stimme und gepresster Höhe, lässt jeden schwärmerischen Ausdruck, französische Eleganz und den Einsatz der voix mixte vermissen. Sein metallisches Timbre sichert ihm mühelose Durchschlagskraft und immerhin hält er die strapaziöse Partie bis zum Schluss ohne Problem durch, aber das Dauerforte wirkte doch sehr ermüdend.

„Les Contes d´Hoffmann“ an der deutschen Oper Berlin/ Szene/ Foto Bettina Stöß

Beim Physiker Spalanzani (Jörg Schörner) im 2. Akt gibt es den einzigen spektakulären Effekt der Aufführung, wenn Olympia im silbernen Korsagenkleid bei ihrer Koloraturarie in die Höhe und wieder herab  fährt, wie von Zauberhand durch die Luft schwebt. Das Produktionsteam lüftet das Geheimnis, wenn die Szene plötzlich beleuchtet und ein Kran mit mehreren Technikern sichtbar wird, der die Sängerin mechanisch bewegt. Cristina Pasaroiu singt die Partie solide und mit angenehmem Ton, wenn auch nicht spektakulär. Weit stärkeren Eindruck hinterlässt die rumänische Sopranistin als Antonia im schmucklosen schwarzen Kleid in einer winzigen Kammer mit Biedermeier-Tapete. Klangvoll und empfindsam ertönt ihr Sopran, viel lyrischen Zauber und zarte piani entfaltet sie bei dem sehnsuchtsvoll-innigen „Ella a fui“ Und mit einem delikaten Triller scheidet sie aus dem Leben. Alex Esposito, der die vier Basspartien interpretiert und insgesamt eine fulminante Stimme hören lässt, die sich enorm entwickelt und an Bassfundament gewonnen hat, wirkt in diesem Akt als Doktor Miracle besonders eindrucksvoll. Auf einem Podium fährt er wie ein dämonischer Todesengel in die Höhe. Als überdimensionales Negativ-Foto in Schwarz/Weiß erscheint Antonias Mutter, der Maiju Vaahtoluoto ihren satten, strömenden Alt leiht.

Gänzlich ohne Atmosphäre entfaltet sich der Giulietta-Akt von Venedig in einem Salon mit bescheidenem Mobiliar und duftigen Vorhängen. Als elegante Abendgesellschaft in Kostümen aus Spitze und Samt (ebenfalls von Pelly) kann der Chor der Deutschen Oper Berlin (Einstudierung: Jeremy Bines) seine Spielfreude einbringen und mit engagiertem Gesang punkten. Cristina Pasaroiu bleibt als Giulietta im mondänen schwarzen Taftkleid stimmlich verhalten. Die Partie wirkt insgesamt etwas unterbelichtet, liegt ihr wohl auch zu tief. Dapertutto singt eine andere, doch nicht minder wirkungsvolle Fassung seiner „Spiegelarie“. Danach stößt er Giulietta in Hoffmanns Degen und bricht gleich Mephisto in höhnisches Lachen aus.

Zurück im Weinkeller, gibt es mit dem Auftritt Stellas in schwarzer Robe mit Federbesatz noch eine attraktive Szene und Irene Roberts lässt als Muse, die Hoffmann Trost in der Kunst verspricht, zum Ausklang ihre betörend strömende Stimme vernehmen. Enrique Mazzola, regelmäßiger Gast am Pult des Orchesters der Deutschen Oper, sichert der Aufführung musikalischen Esprit, schwelgerische Lyrik und rhythmischen Drive. Die Missfallenskundgebungen nach der 3. Aufführung am 8. 12. waren gänzlich deplatziert. Bernd Hoppe