Grandioser Tschajkovskij

 

Tschajkovskij besitzt als Komponist von Opern wie von Instrumentalmusik einen Personalstil, der ihn so leicht wiedererkennbar macht wie etwa Verdi. Das kann darüber hinwegtäuschen, dass jede seiner Opern eine ausgeprägte eigene Dramaturgie besitzt, beinahe könnte man schon von verschiedenen Genres sprechen. Seine Orleanskaja Deva (Die Jungfrau von Orléans), die als Gemeinschaftsprojekt des Orchestre de la Suisse Romande und des Grand Théâtre de Genève viermal konzertant in der prächtig-plüschigen Victoria Hall zu hören war, folgt direkt auf Evgenij Onegin und enthält fast alles an Personal und Art des Geschehens, wovon der Komponist im Vorfeld des Onegin erklärt hatte, er könne es in einem Libretto nicht brauchen. Fast alle Szenen spielen sich in der Öffentlichkeit ab, meist in Anwesenheit von Volksmengen (was den Chor mehr beschäftigt als in jeder anderen Oper Tschajkovskijs); nach den psychologisch feinstgesponnenen „Lyrischen Szenen“ nach Puschkin nun ein russisches Pendant zur französischen Grand opéra. Die Musik ist fast ohne Pause dramatisch, voll großer Gesten, dem Sujet entsprechend auch pompös, in Formen wie Märschen und Gebeten auch rituell. Vielleicht die erstaunlichste Nummer ist Joannas und Lionels erstes Duett, ihr erstes Zusammentreffen auf dem Schlachtfeld, ein Liebesduett im Allegro furioso einer Schlachtszene.

Dmitrij Jurovskij am Pult hält während den fast 3 Stunden reiner Spielzeit eine mitreißende, fiebrige Spannung aufrecht, oft bei beachtlicher Lautstärke, aber so ist es eben, wenn ein stürmisches Werk, ein temperamentvoller Dirigent und ein für die Besetzung vielleicht fast ein wenig zu kleiner Saal zusammenkommen. Und das Ganze nun v.a. pompös und laut, aber auch etwas oberflächlich? Ganz gewiss nicht. Tschajkovskijs Melodienreichtum entfaltet sich inspiriert; neben der bekannten Arie der Titelheldin bleibt etwa das von ihr angeführte Gebet im 1. Akt hängen, das mich erstaunlich an die Schlusshymne der Contes d’Hoffmann erinnert – die jedoch im selben Jahr wie die Orleanskaya Deva, 1881, erst uraufgeführt wurden. Das Orchester breitet Farbenreichtum und warmen Klang aus und besticht in den zahllosen Soloaufgaben; als Beispiel sei die vielbeschäftigte Soloflöte bejubelt.

„Orleanskaja Deva“ von der Grand Opéra de Genève/ Konzert-Szene/ Foto Magali Dougados/ GOG

Eine fabelhafte Besetzung war ebenso dazu angetan, dem Saal die Rarität nahezubringen und ans Herz zu legen. Ksenija Dudnikova strahlt auch in der Konzertsituation mühelos das Charisma der von Engelsstimmen verfolgten und zu Heldinnen-Taten angestachelten Joanna aus, der sie eine voluminöse, aber geschmeidige Stimme verleiht. Das hohe Register ist in der Partie (die ursprünglich für einen Sopran konzipiert war, diese Version wird gelegentlich auch noch aufgeführt, wenn eine Sängerin wie z.B. Mirella Freni die Rolle zur ihren macht) gefordert; das bereits erwähnte erste Duett mit Lionel ist gespickt voll mit Ges und As und einem einsamen hohen C; Dudnikova hat diese Töne alle sicher und mit in der Höhe noch heller, strahlender werdendem Timbre, auch wenn mir der Stimmsitz da ein ganz klein wenig weiter hinten, um ein Geringes weniger in der Maske zu liegen schien. Die Kombination aus Verve und Schönheit von Klang und Phrasierung, mit der sie keinen Zweifel daran lässt, wer die Protagonistin ist, sollte unbedingt bald auch in einer vollen Inszenierung eingesetzt werden dürfen. Ihr würdiger Partner als Kriegsgegner und Geliebter Lionel ist Boris Pinkhasovich mit so potentem wie elegant strömendem Bariton; ihr zweites Duett, einer der wenigen fast introvertierten Momente des Stücks, beginnt in auffällig tiefer Lage, was sie beide klangvoll und entrückt aussingen, pure Magie.

Ihr aufgebrachter Vater Thibaut ist mit mächtigem, kultiviertem Bass und intensiver emotionaler Gestaltung Alexej Tichomirov, den von ihm vorgesehenen Schwiegersohn Raymond singt Boris Stepanov traumhaft schön mit weichem, elastischem und leuchtendem Tenor, der an die legendären lyrischen russischen Tenöre denken lässt. Angemessen kontrastiert dazu Migran Agadzhanyan als französischer König Charles VII. mit heldischerem Tenor, hellem, nicht unangenehm nasalem Timbre und engagierter Gestaltung; eine Tendenz zum Singen unter Druck, die sowohl Linie als auch Intonation gefährdet, kann bei dem jungen Sänger, der diese Saison zur „Troupe de jeunes solistes en résidence“ der Genfer Oper gehört, gewiss noch bereinigt werden. Seinen treuen Ratgeber Dunois singt Roman Burdenko mit dunklem, metallischem und geschmackvoll geführtem Bariton, auch er trotz Konzertsituation alles andere als unbeteiligt. Einziger Schwachpunkt der Besetzung Marek Kalbus als Erzbischof, dessen schütterer Bass weder im Volumen noch im Stimmumfang der Partie gewachsen war; vielleicht handelte es sich um eine nicht angesagte Indisposition? Als Agnès Sorel ließ ein weiteres Mitglied des Genfer Opernstudios, Mary Feminear, mit schön gerundetem und höhensicherem Sopran nebst respektabler Aussprache aufhorchen, Luxusbesetzungen für die kleineren Botenpartien Alexander Milev (ebenfalls aus dem Studio) als Bertrand und aus dem Chor Peter Bae-Keun Cho als Soldat und Aleksandar Chaveev als Loré (im Programmheft freilich verkehrt herum angegeben) sowie Lulia Elena Preda als Engelsstimme; die Aufgaben des Chors sind wie gesagt umfangreich und vielfältig, und der Chor des Grand Théâtre (Alan Woodbridge) erfüllte sie zum uneingeschränkten Entzücken des Publikums farbig und mit der erforderlichen dynamischen Bandbreite, nicht zu vergessen die sehr gute Diktion. Nach einer solchen Aufführung bleibt kein Zweifel mehr an der Qualität dieser wenig gespielten Tschajkovskij-Oper, die vielleicht weniger ins etablierte Bild des Komponisten passt, aber auch gerade darum unbedingt häufiger gespielt werden sollte.Samuel Zinsli