Grandios

 

„Verdis Don Carlos ist sehr schlecht […] Don Carlos ist eine Art Kompromiß. Keine Melodie, kein Ausdruck. Er zielt auf Stil, aber er zielt bloß. [ …] Es war ein vollständiger und ausgesprochener Flop.  […] Verdi ist nicht mehr Italiener; er möchte schreiben wie Wagner. Das hat weder Hand noch Fuß.“ Nicht nur Georges Bizet war in seiner Kritik vernichtend; auch Eduard Hanslick ließ kein gutes Haar an Verdis Grand opéra, deren Premiere am 11. März 1867 bei Publikum und Kritik nur ein mäßiger Erfolg war. Auch der Komponist selbst betrachtete diese seine vierte Schiller-Oper als sein Schmerzenskind, das bis zu einer weiteren Adaption in italienischer Übersetzung bis 1886 (Modena) mehrfachen Änderungen unterzogen wurde. Verdi  genehmigte vier verschiedene Versionen, während man in der Musikwissenschaft nicht weniger als sieben Fassungen unterscheidet, die heutzutage aber auch in individuellen Mischformen auf die Bühne gelangen (s. dazu auch die erschöpfende Ausführung in operalounge.de).

Nachdem das Werk gerade auch im letzten Jahr an mehreren großen Bühnen gespielt wurde (Antwerpen, Stuttgart, Nürnberg, Paris), entschied sich die Opéra Royal de Wallonie (ORW) in Liège für die Aufführung der fünfaktigen französischen Urform, die zuvor in der knapp 200jährigen Geschichte des Opernhauses noch nie hier zu sehen war, und zwar für die vollständige Probenfassung von 1866, ohne das „Ballet de la Reine“ im 3. Akt, das erst für die Uraufführung nachkomponiert wurde (wenngleich handlungstragend). Man beherzigte offensichtlich das, was Verdi 1871 in einem Brief an seinen Freund Cesare De Sanctis geschrieben hatte: “Es ist eine lange Oper, das ist wahr. Aber sie muß so sein. Es handelt sich nicht darum, mit Stimmen zu prunken, noch Zeit zu lassen, die Beine einer Ballerina zu zeigen.“ Stefano Mazzonis di Pralafera, der Hausherr der ORW, der sich in seiner Karriere als Regisseur zum ersten Male mit Don Carlos auseinandersetzte, blieb auch in dieser Inszenierung seinem Prinzip treu, eine Oper so zu präsentieren, wie es einer der drei Bausteine seiner Arbeit an der ORW programmatisch fordert: „Respekt gegenüber den Intentionen von Komponist und Librettist.“ So illustrieren rund 400 prachtvolle Kostüme (Fernand Ruiz) den historischen Kern der Handlung (um 1560), und in Zeiten des Einheitsbühnenbilds kann nicht nur der an der Historie interessierte Zuschauer mit Hilfe von sieben verschiedenen Bühnenaufbauten (Gary Mc Cann) die Stationen der Handlung verfolgen: Mit kurzen Umbaupausen und geschickter variabler Verwendung dreier Bauelemente sind wir, adäquat unterstützt von Lichteffekten im überwiegend düsteren Ambiente (Franco Marri), im Wald von Fontainebleau, im Kloster Saint-Juste mit einer Statue Kaiser Karls V., in den Gärten der Königin (sogar mit dem in der Bühnenanweisung des Librettos genannten plätschernden Brunnen), in Philipps Arbeitszimmer, sind im Gefängnis bei Carlos und sind Zaungäste beim Autodafé, das eine aufgedrehte Volksmenge erlebt, die einen Straßenzug mit einem großen Platz in Valladolid säumt. Die Inszenierung dieses „ohne Zweifel besten Stücks der Oper“ (Brief von Verdi an Giulio Ricordi) ließ allerdings nur wenig von der  Grausamkeit und der unmenschlichen Sensationsgier jener Zeiten erahnen und erinnerte eher an ein Volksfest harmloserer Art. So blieb auch die „Stimme aus der Höhe“ (Louise Foor durchaus kraftvoll aus dem Off), die Verdi als trostspendende innere Stimme der Verurteilten verstanden wissen wollte, ihre dramatische Wirkung schuldig. Im übrigen zeigte sich Mazzonis, wie schon zuletzt bei Anna Bolena, als versierter Gestalter historischer Szenen und Tableaus und einfühlsamer wenn auch zurückhaltender Personenregisseur. Es ist auch schon eine langjährige Tradition, dass er immer wieder Bewohner eines Wohnheims für Menschen mit Handicaps als Statisten integriert (hier passenderweise als Führer für den librettogemäß blinden Großinquisitor) und dass auch Tiere ihren Auftritt haben – in diesem Fall vier Windhunde als „Ansprechpartner“ für verborgene Gefühle bei Philipp und Elisabeth.

Verdis „Don Carlos“ an der Opéra Royal de Wallonie in Liège/ Szene/ Foto wie auch oben Opéra Royal de Wallonie in Liège

Zu Beginn des Premierenabends trat Mazzonis in seiner Funktion als „Directeur général et artistique“ vor den Vorhang, ein eigens für diese  Produktion von Gary Mc Cann nach barockem Vorbild gedrucktes Vanitas-Stillleben. Er bat um Nachsicht für krankheitsbedingte stimmliche Einschränkungen bei der Sängerin der Elisabeth de Valois, Yolanda Auyanet. Die Sopranistin, die ich zum ersten Male im April vorigen Jahres als Alice in der Brüsseler Aufführung von Robert le diable gehört hatte, ließ dann auch vor allem im tieferen Bereich Unebenheiten in der Tonproduktion hören, bot aber unter diesen Umständen eine mehr als respektable Leistung, die auch von ihren Kollegen beim Schlussbeifall ostentativ gewürdigt wurde. In der zweiten Vorführung tauchten gegen Ende des ersten Teils dieselben Probleme wieder auf, und so erlebten wir nach der Pause Leah Gordon, die von einer Proszeniumsseite aus Elisabeth ihre Stimme lieh – und das bravourös. Kate Aldrich, zum ersten Male in Lüttich zu Gast, kannte ich bisher nur via Internet von Le prophète in Toulouse (2017). Hatte sie mich dort als Fidès positiv überrascht, so überzeugte sie auch ohne größeres Stimmvolumen in dieser hochliegenden Mezzo-Partie, etwas weniger im chanson du voile (2. Akt) als in den dramatischeren Passagen der Akte III und IV. Ildebrando D’Arcangelo, zuletzt in Lüttich noch gefeierter Mittelpunkt eines Galakonzerts, war ein glaubwürdiger König Philippe II., gerade auch in seinen emotionalen Momenten (Duett mit Rodrigue und natürlich in seiner bewegenden Selbstanalyse „Elle ne m’aime pas“). Ein anderes Bass-Kaliber ist Roberto Scandiuzzi, der immer noch eine beeindruckend-bedrohliche vokale Schwärze als Le Grand Inquisiteur demonstrierte. Das von ihm geforderte politische Opfer in Gestalt  des Marquis de Posa war der einzige frankophone Sänger im  Protagonistensextett, und Lionel Lhote präsentierte einen in jeder Hinsicht mitreißenden Sympathieträger Rodrigue, der von seinen belgischen Landsleuten deshalb auch nicht zufällig beim Ranking des Schlussapplauses beide Male vorne lag. Gregory Kunde, der Sänger der Titelrolle, ist und bleibt ein Phänomen: In Liège bereits mehrfach zu erleben ( zuletzt als Pollione), ist sein Tenor immer noch kristallklar ohne jedes wabernde Vibrato und weiterhin absolut höhensicher. Auch wenn er nicht ein Verditenor par excellence ist, war seine Leistung brillant, zumal der Mittsechziger auch in puncto Agilität seine Rolle als junger Mann  angemessen ausfüllte. Unter den zahlreichen gut besetzten Nebenrollen seien stellvertretend der Thibault von Caroline de Mahieu, der Tenor Maxime Melnik als Comte de Lerme/Un Héraut royal und Patrick Bolleire als „Un Moine“ genannt. Diese geheimnisvolle Figur erschien bereits im kurzen Vorspiel in ihrer Doppelrolle als Mönch-Kaiser und nahm in zentralen Szenen des Geschehens im Mönchsgewand fast omnipräsent eine unaufdringliche Beobachterposition ein. Zu den Schlussversen der Oper wurde er dann wieder zu Karl V., der selbst die Nichtigkeit dieser Welt erkannt hatte, und entzog wie ein antiker deus ex machina Don Carlos der  Staatsgewalt.

Chor (Einstudierung Pierre Iodice) und Orchester der ORW boten wie eigentlich immer eine Leistung ohne Fehl und Tadel. Der musikalische Spiritus rector  Paolo Arrivabeni gilt als Verdi affin, doch wirkte manches im Dirigat des früheren musikalischen Leiters der ORW, gerade auch im kammerspielartigen Fontainebleau-Akt, etwas betulich und versprühte erst in den folgenden Akten das angemessene Feuer.

„Es ist eine lange Oper“. Wie wahr: Nach 4 Stunden  35 Minuten und nur einer Pause ging eine Aufführung des Don Carlos zu Ende, den ich in dieser Vollständigkeit noch nicht gehört hatte. Und wenn auch in Zukunft bei weiteren Produktionen dieses Schlüsselwerks in Verdis Œuvre wieder kürzere Mischversionen zu hören sein werden, war diese „Originalversion“ das lange Ausharren wert. Das Publikum im wie meist ausverkauften Lütticher Opernhaus sah das wohl auch so und akklamierte laut und heftig (Besuchte Aufführungen am 30.01. und 02.02.20). Walter Wiertz