Gnadenlos

 

Als Berliner Erstaufführung präsentiert die Komische Oper Aribert Reimanns 2010 in Wien uraufgeführte Oper Medea in einer musikalisch glanzvollen Interpretation. Benedict Andrews’ Inszenierung auf der bis auf die schwarzen Brandmauern leere Bühne (Johannes Schütz) arbeitet mit den Mitteln des epischen Theaters, so dass die Aufführung zunächst kühl und unsinnlich wirkt. Die Sängerdarsteller aber stürzen sich mit solcher Intensität, Hingabe und Bedingungslosigkeit in ihre Aufgaben, dass man schon bald überwältigt ist von dieser enormen Spannung und Dramatik. Vor allem Nicole Chevalier mit flammendem Sopran in der Titelrolle übertrifft sich selbst und bietet ihre bisher eindringlichste Leistung am Haus. Mühelos bewältigt sie die extremen Intervalle der Partie, die vertrackten Koloraturen, die wild heraus gestoßenen gesprochenen Worte. Reimanns Musiksprache ist gnadenlos, fordert den Interpreten das Letzte ab an vokalem Einsatz und technischem Können. Die Amerikanerin, seit Jahren Ensemblemitglied des Hauses, sorgt mit ihrem großen Monolog am Ende des ersten Teils, in welchem sie von ihrer Verbannung aus Korinth erfährt, für den gesanglichen wie szenischen Höhepunkt der Aufführung. Hier erlebt man eine Rasende im Ausnahmezustand – mit wilden Ausbrüchen, taumelnd, schreiend, stürzend –, der schließlich in ihrer Fassungslosigkeit die Sprache versagt. Erschütternd auch der Mord an ihren Kindern, dem ein Aufschrei des groß besetzten Orchesters folgt. Sie zerstört ihr Haus, das nur von dünnen Schnüren markiert war, und ist am Ende ganz bei sich, wenn sie sich entschließt, das Goldene Vlies nach Delphi zurückzubringen und sich dem Richtspruch der Priester zu stellen. Da hat der Komponist ihr beinahe verklärte Töne zugeordnet und danach versinkt auch das Orchester in Schweigen.

Dieser Schluss weicht ab von den anderen bekannten Vertonungen der Tragödie und geht zurück auf das gleichnamige Drama von Franz Grillparzer (als letzter Teil von dessen Trilogie Das goldene Vlies), aus welchem der Komponist seine Textfassung erstellte. In ihr steht Medea als Fremde, als Flüchtling im Mittelpunkt, während der Aspekt der Rächerin, Mörderin, Zauberin in den Hintergrund rückt.

Aribert Reimanns „Medea“ an der Komischen Oper Berlin/ Szene/ Foto Monika Rittershaus

Alle Personen der Handlung sind auf der Szene fast durchgängig gegenwärtig. Man glaubt, dass in diesem Raum, über dem ein seltsamer Leuchtkörper (Lampe, Sonne, Mond?) unmerklich hin und her fährt,  Medeas Schicksal vor allen Anwesenden verhandelt wird. Zu Beginn vergräbt sie in einem weißen Unterkleid, das so zeitlos ist wie auch die anderen Kostüme (Victoria Behr), im Torfboden eine Truhe mit Erinnerungsstücken aus ihrer Heimat Kolchis. Später finden dort auch ihre ermordeten Kinder, in der Inszenierung sind es Puppen, die letzte Ruhestätte.

Neben der Protagonistin ist ein erstklassiges Ensemble versammelt, das zum hohen Standard der Produktion beiträgt. Günter Papendell als Jason mit markantem, sinnlichem Bariton formt auch die melodischen Inseln, welche Reimann der Rolle gegönnt hat, wirkungsvoll aus. Sehr klangvoll und gerundet singt Anna Bernacka die Vokalisen und Melismen der Kreusa, die zuerst in einem attraktiven, neogrünen Kleid erscheint und am Ende in Flammen aufgeht. Nadine Weissmann ist die treue, schwarz gekleidete Gora mit charaktervollem, in der Höhe streng vibrierendem Mezzo. Ivan Tursic gibt den Kreon mit eiferndem Charaktertenor. Das unheilvolle Urteil – Verbannung oder Tod – über Medea und Jason verkündet der glatzköpfige, grell geschminkte Herold als Transvestit im grün glitzernden Kleid. Eric Jurenas singt ihn mit flexiblem, weichem Countertenor und lässt sich auch die extravagante Wirkung seiner Auftritte nicht entgehen.

Steven Sloane und das Orchester der Komischen Oper Berlin stellen sich mit vollem Einsatz hinter das Werk, schonen die Zuhörer nicht mit den eruptiven Klangblöcken der Komposition, deren Dissonanzen, nervös vibrierenden Spannungen und unbequemen Rückungen. Aber sie entfalten auch die sphärisch flirrenden Teile, die schmerzlich schönen Passagen der Streichergruppen. Das Publikum der 2. Aufführung am 25. Mai 2017 anerkannte die Bedeutung dieses hochrangigen Musiktheaterabends und würdigte die Leistungen der Interpreten mit enthusiastischem Beifall (Foto oben: Aribert Reimanns „Medea“ an der Komischen Oper Berlin/ Szene/ Foto Monika Rittershaus). Bernd Hoppe