Glitter and be gay…

 

Den großen Musiker und Komponisten Leonard Bernstein ehrt die Komische Oper Berlin anlässlich seines 100. Geburtstages mit einem Festival, in dessen Mittelpunkt die Neuinszenierung seiner Comic Operetta Candide steht. Regisseur Barrie Kosky, der am Haus schon die West Side Story mit großem Erfolg herausbrachte, wählte die Fassung von 1999 in der deutschen Übersetzung von Martin G. Berger aus dem Jahre 2017. Sie ist mit ausgedehnten gesprochenen Dialogen und einer Aufführungsdauer von mehr als drei Stunden eindeutig zu lang, zumal der Regisseur die Spannung nicht durchgängig halten kann, vielfach ins Schrille und Tuntige abkippt, auch  geschmacklich fragwürdige Szenen nicht scheut.

Dabei ist die Produktion in ihrem immensen Aufwand von hohem optischem Schauwert. Auf der fast leeren schwarzen Bühne von Rebecca Ringst wirken Klaus Bruns’ Kostüme in ihrer Vielfalt und phantasievollen Gestaltung umso eindrucksvoller. Da der Titelheld wie sein Lehrer Pangloss gemäß Voltaires literarischer Vorlage ein bedingungsloser Optimist ist und durch die Welt reist, hat das Ausstattungsteam viele Stationen zu bebildern. Diese werden von Voltaire (Franz Hawlata in riesiger Allonge-Perücke mit Dialekt gefärbtem Dialog) als Spielführer angekündigt. Nach dem Unterricht auf harten Schulbänken, gemeinsam mit dem Hausmädchen Paquette (Maria Fiselier mit munterem Soubrettenton), wird Candide Soldat in der bulgarischen Armee. Von dort geht es weiter nach Holland, wo er eine Gruppe von Kriegsversehrten mit Krücken und im Rollstuhl trifft – dieses „Krüppelballett“ ist einer der zweifelhaften Einfälle von Kosky und seinem ständigen Choreografen Otto Pichler. Er hat mehreren Produktionen des Hausherrn (West Side Story, Anatevka) mit seinen rasanten Tanzschöpfungen zum Erfolg verholfen. Hier wirken sie eher abgestanden, wiederholen sich und zeigen die fetzigen Revue-Nummern und sattsam bekannten Tänzerreihen in Glitzerkostümen und Federschmuck an der Rampe. Einzig die träumerischen commedia dell’arte-Figuren in weißen Anzügen vor nächtlichem Sternenhimmel zu sphärischer Musik in Venedig zeigen eine ungewohnte Handschrift des Choreografen. Vorher aber ging Candides Reise nach Paris, Wien und Lissabon, wo seine geliebte Kunigunde als Hure einem Großinquisitor und einem reichen Juden zu Diensten ist. In dieser Rolle hatte man vom Sopranstar des Ensembles Nicole Chevalier einen spektakulären Auftritt erwartet, fällt ihr doch der Hit des Stückes zu – die von der Barockmusik inspirierte Bravourarie „Glitter and be gay“. Kosky arrangiert diese als Table Dance-Auftritt auf einem runden Podest, wo die Sängerin an der Stange gebührend exaltiert agiert und auch einen Strip andeutet. Stimmlich aber bleibt sie nur solide, kann die Erwartungen nicht erfüllen, weil es ihr an akrobatischer Stimmkunst mangelt und der Schluss der Nummer verpufft. Stärkeren Eindruck hinterlässt sie in den Ensembles, welche sie mit durchschlagenden Spitzentönen dominiert. In Lissabon wird man Zeuge eines Autodafés, bei dem Juden und Migranten von Maschinengewehrsalven niedergestreckt werden  – auch dies ein streitbarer Moment der Inszenierung.

Komische Oper Berlin: „Candide“/ Szene/ Foto wie auch oben  Monika Rittershaus

Eine alte Frau, die mit einem Einkaufswagen voller Tüten als Obdachlose daherkommt,  führt Candide und Kunigunde wieder zusammen. In dieser Partie der Old Lady sind viele legendäre Sängerinnen aufgetreten – hier ist es Anne Sofie von Otter, die gesanglich allerdings matt bleibt und ihr Solo „I am easily assimilated“ nicht zu gebührender Wirkung führen kann. Großes Opernpathos zelebrieren Candide und Kunigunde in ihrem Liebesduett nach dem Wiederfinden. Als der Großinquisitor und der Jude erscheinen, werden sie von Candide getötet, was ihn, seine Geliebte und die alte Frau zur Flucht nach Spanien zwingt. Das führt zur ärgerlichsten Szene des Abends, wenn in drei überfüllten Schlauchbooten Flüchtlinge in roten Schwimmwesten auf Rettung hoffen – ein allzu vordergründiger Verweis auf die aktuelle politische Situation.

In Montevideo wollen die Fliehenden ihr Glück finden, wo Kunigunde auf Anraten der alten Frau einem reichen Gouverneur zugeführt werden soll. Beide singen hier ein wirkungsvolles Sopran/Alt-Duett, das die berühmten Vorlagen aus den Belcanto-Opern Bellinis parodiert. Chevalier und von Otter haben hier ihren stärksten Moment. Weiter geht es nach Paraguay und Eldorado, wo von oben herabrieselnder Flitter den Reichtum des Königreiches anzeigt. Entsprechend ganz in Gold gekleidet ist der Chor, der danach in „Bon voyage“ eine großen Auftritt hat und sich einmal mehr durch sein gesangliches und darstellerisches Engagement auszeichnet (Einstudierung: David Cavelius). In Marseille bietet Tom Erik Lie als Straßenkehrer Martin, einem Transvestiten, ein glänzendes Intermezzo, wenn er bei einem Glas Champagner alle denkbar schlechten Eigenschaften der Menschen aufzählt. Während der Überfahrt nach Venedig auf dem Schiff sorgt Kosky mit dem durch den hohen Wellengang schwankenden Kellner für ein Kabinettstück in Slapstick-Manier. Wenn Candide Kunigunde in Venedig wiedertrifft, muss er erkennen, dass sie ihm fremd geworden ist: „Ist das das, wofür ich alles gab?“ Allan Clayton, in seiner Korpulenz alles andere als Liebhaber und  Held, gefällt mit seinem Tenor von lyrischen Qualitäten und kultiviertem Vortrag, imponiert darüber hinaus mit erstaunlicher körperlicher Agilität. Am Ende irritiert ein aufgesetztes Öko-Finale, wenn sich alle in den Bergen niederlassen und ein Haus bauen wollen. In bunter Alltagskleidung postiert sich der Chor für eine Hymne an der Rampe, während die Tänzer einen großen Erdball theatralisch in die Höhe heben.

Jordan de Souza am Pult des Orchesters der Komischen Oper Berlin sorgt schon mit der fetzigen Ouvertüre für einen gelungenen Auftakt, hält auch danach immer die Balance zwischen temperamentvollen Rhythmen, Volksmusik, europäischen Tanzstilen und lyrischem Melos. Die Premiere am 24. 11. 2018 in Anwesenheit von Bernsteins Töchtern Nina und Jamie sowie eines Neffen war ein rauschender Erfolg – und damit eine angemessene Würdigung zu seinem Geburtstag. Bernd Hoppe