Glanz im Repertoire

 

Die Premiere von Christof Loys Inszenierung der Alcina in der gediegenen Ausstattung von Herbert Murauer liegt schon 16 Jahre zurück, doch erst 25mal wurde Händels Dramma per musica seither gespielt. Das spricht für die Schwierigkeit, das Werk angemessen zu besetzen. Für eine Aufführungsserie Ende September/Anfang Oktober war es dem Betriebsbüro des Hauses gelungen, zwei ausgewiesene Barockspezialisten (und Exklusivkünstler der Universal) zu verpflichten, die den Abend des 3. Oktober 2018 zu einem denkwürdigen machten.

Der russischen Sopranistin Julia Lezhneva gelangen mit jubilierendem Sopran, delikaten Trillern und betörenden piani geradezu mirakulöse Momente als Morgana. Ihre Arie „Tornami a vagheggiar“ mit brillanten staccati, eingelegten Tönen in der Extremhöhe und phantasievollen Verzierungen im da capo ließ den 1. Akt spektakulär enden. Fein gesponnen und innig-entrückt im Ausdruck geriet „Credete al mio dolore“ zu Beginn des letzten Aufzugs. Der argentinische Counterstar Franco Fagioli demonstrierte mit jedem Auftritt als Ruggiero seine ungebrochene Bravour und Kunstfertigkeit des Vortrags. Gab es also in der Virtuosität keinerlei Einbußen, so waren in der Klanqualität seiner Stimme Veränderungen zu bemerken. Ein sehr starkes, zuweilen gar rissiges Vibrato ließ seine Tonproduktion herber, strenger erscheinen als erinnert. Aber immer wieder gab es auch überwältigende Momente in seiner Interpretation – den maskulinen Aplomb, die unendlich scheinenden Koloraturgirlanden, die stupenden baritonalen Tiefen. „Mi lusinga il dolce affetto“ war ungemein kunstvoll geformt, „Verdi prati“ von betörendem Klang und zärtlichster Emphase, das Bravourstück „Sta nell’Ircana“ im letzten Akt ein Feuerwerk an virtuoser Attacke, ausgereizt in den Extremen der Tiefe wie Höhe. In der Titelpartie klang Agneta Eichenholz anfangs etwas eindimensional im Farbspektrum und in der exponierten Höhe nicht durchweg sicher. Auch wirkte sie in der Aura zunächst blasser als ihre prominente Vorgängerin in der Premiere. Aber spätestens bei „Ombre pallide“ am Ende des 2. Aktes setzte sie sich stimmlich und darstellerisch durch mit einer Gestaltung von existentieller Dimension (vor allem im rasenden Furor des Mittelteils der Arie), welche den konfusen Seelenzustand der Figur plastisch spiegelte. Verzehrende Intensität und leuchtend hohe Töne bestimmten „Mi restano le lagrime“  am Ende der Oper. Sonia Prina ist eine prominente Interpretin im barocken Repertoire. Für meine Ohren klang ihre Bradamante zu guttural-streng, hatten die Koloraturen einen geradezu gurgelnden Effekt, wirkte ihr Spiel outriert. Ausgewogen und angenehm in der Stimmführung gelang ihr die letzte Arie „All’alma fedel“. Gebührend jugendlich und lieblich tönte der Sopran von Narea Son als Oberto. Ziad Nehme war der Oronte mit kultiviertem Tenor und beherztem Gesang, Alin Anca der Melisso mit resonantem Bass.

Händels „Alcina“ an der Hamburgischen Staatsoper/ Szene mit Franco Fagioli/ Foto Hans Jörg Michel

Mit Riccardo Minasi stand ein Barock-Experte am Pult des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg, der die Musiker zu straffen Tempi, musikalischem Schwung, energischen Akzenten und  zauberischen Klängen beflügelte.  Dankenswerterweise erklangen auch die Ballettmusiken des Werkes. Einzig das gebrochene lieto fine am Ende befremdete, wenn Ruggiero, der offenbar den Verlust Alcinas nicht verwinden kann, leblos zusammenbricht.

 

Seit 20012 ist Andres Homokis Inszenierung von Verdis Sturm und Drang–Oper  Luisa Miller im Repertoire des Hauses. Die Attraktion der Besetzung der aktuellen Aufführungsserie war Joseph Calleja in der Partie des Rudolfo.  Die Partie liegt ihm perfekt in der Stimme mit dem schmelzeichen, singulären Timbre und dem schwärmerischen Ausdruck. Schwelgerisch im Fluss und schmerzlich-verzweifelt im Ausdruck geriet die große Arie, überwältigend in der Stimmfülle und Attacke die Cabaletta. Zwei kritische exponierte Töne und eine Konditionsschwäche im letzten Duett mit Luisa trübten seine Leistung kaum. Wie bei der Premiere sang Nino Machaidze die Titelrolle und überzeugte mit einer gerundeten, ausgeglichenen Stimme. Perfekt gelangen ihr die staccati und Triller in der Auftrittsarie „Lo vidi/T’amo d’amor“. Die große Szene im 2. Akt („Tu puniscimi“) geriet zunächst recht verhalten, doch hatte die nachfolgende Cabaletta „A brani“ umso stärkeren Aplomb. Visionär-verzückt mit ekstatischer Steigerung gestaltete sie das letzte Duett mit ihrem Vater Miller, den Roberto Frontali mit gebührend reifem, aufgerautem Bariton von ausladendem Volumen und teils fast veristischen Effekten gab. Herz zerreißend in seinem Gram, sorgte er im letzten Bild für ungemein starke Momente. Grandios der ukrainische Bass Vitalij Kowaljow als Conte die Walter mit machtvoller Stimmfülle und reichem Fundament in der Tiefe. Wunderbar der strömende Fluss und die Kantilene bei „Il mio sangue“, gewaltig die Wirkung im Duett mit Wurm „L’alto retaggio“. Diesen sang Ramaz Chikviladze mit potentem Bass, der sowohl über den perfid-grimmigen Ausdruck als auch ein donnerndes forte verfügte. Sensationell die Federica der Nadezhda Karyazina, die mit sinnlichem, resolut-dunklem  Mezzo von Amneris-Potential die Partie vom seconda donna-Anstrich befreite. Es spricht für das Betriebsbüro, dass auch die Nebenrollen mit qualitätvollen Stimmen (vom Internationalen Opernstudio) besetzt waren. Vor allem Ruzana Grigorian entzückte als Laura mit feinem Sopran, und auch Sungho Kims Tenor als Contadino klang sehr solide.

Der dramatische Impetus, den Alexander Joel mit dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg schon der Sinfonia gab, bestimmte die gesamte Aufführung. Auch das farbenreiche und differenzierte Spiel des Orchesters imponierte. Die Produktion dagegen irritiert auch nach Jahren noch. Paul Zollers Einheitsbühne macht die Schauplätze der Handlung nicht eindeutig erkennbar, Gideon Daveys durchweg elegante Kostüme lassen die Standesunterschiede verschwimmen. Homoki karikiert vor allem die Chorszenen – ob mit exaltierten Hofschranzen oder den hopsenden Freundinnen Luisas mit Schafsköpfen. Aber es waren die Sänger und das Orchester, die den Abend des 4. 10. 2018 trugen und am Ende stürmisch gefeiert wurden. Bernd Hoppe