Getanztes Gluck-Drama

 

Pina Bausch choreografierte 1974 für ihr Wuppertaler Tanzensemble Glucks Oper Iphigenie auf Tauris in der deutschen Fassung vom Komponisten und von Johann Baptist von Alxinger. Es war ihre zweite Arbeit für die Company, welche sie danach in Tanztheater Wuppertal umbenannte. Mit dem Untertitel Tanzoper kreierte sie auch ein neues Genre, anknüpfend an das französische opéra-ballet, welches um 1700 entstanden war und seinen Meister in Jean-Philippe Rameau gefunden hatte.

Das Semperoper Ballett ist das erste Ensemble außerhalb Wuppertals, das von der Pina Bausch Foundation autorisiert wurde, das Stück nachzutanzen – freilich unter der künstlerischen Beratung, Einstudierung und Aufsicht von legendären Tänzerpersönlichkeiten, die seit vielen Jahren mit dem Schaffen von Pina Bausch verbunden sind und zentrale Rollen in der Uraufführung kreiert hatten. Und natürlich wurde auch die Wuppertaler Ausstattung von Pina Bausch und Jürgen Dreier übernommen, welche die Szene ganz sparsam hält mit an Stangen aufgehängten weißen Betttüchern sowie einem Tisch, einer Leiter und einer Badewanne an der Rampe vor gleißend hellem Hintergrund für das Opferritual. Die Kostüme beschränken sich auf schlichte weiße und schwarze Gewänder, nur König Thomas trägt einen kompakten dunklen Ledermantel, der für Autorität, Machtanspruch und Gewalt steht. Bausch hat ihm eine Choreografie mit pathologischen Zügen verordnet und Casey Ouzounis setzt diese mit wilden, zuckenden Bewegungen bezwingend um. Gesungen wird die Rolle – wie alle anderen auch – aus einer Proszeniumsloge im 1. Rang von Lawson Anderson mit prägnantem Bassbariton. Aber die Premiere am 5. 12. 2019 tragen Orest und Pylades – und das gleichermaßen die Sänger mit ihren edlen Stimmen wie die Tänzer mit ihrer Körperkraft und sinnlichen Ausstrahlung. Sebastian Wartigs weicher, resonanter Bariton besitzt  einen enormen Ausdrucksradius und ist auch zu dramatischen Affekten fähig. Joseph Dennis verfügt über einen kultivierten Zwischenfachtenor und trägt seine Arie „Nur einen Wunsch, nur ein Verlangen“ bewegend vor. Überwältigend sind beider Duette, die das Hohelied der Freundschaftsliebe besingen. Jeder kämpft für das Leben des Anderen, will für den Freund sterben. Die beiden Tänzer Francesco Pio Ricci (Orest) und Julian Amir Lacey (Pylades) agieren halbnackt, werden zunächst als Gestrandete herein getragen, sind dann in enger Verschlingung auf einem Tisch zu sehen, wie ihre Tanzduos überhaupt einen stark homoerotischen Aspekt aufweisen. Bauschs skulpturale Körpersprache und Pietà-Haltungen schaffen faszinierende Bilder. Die Titelheldin der südkoreanischen Tänzerin Sangeun Lee erreicht diese Aura nicht. Hochgewachsen und extrem schlank, ist sie auch mimisch zu starr, um Emotionen stärker sichtbar machen zu können. Dabei hat sie sich den Stil der Bausch – die abgewinkelten Arme, die schreitenden Gänge, das Zusammensinken des Körpers – ganz zu Eigen gemacht, aber im Ausdruck gäbe es noch Reserven. Auch die Schweizer Sopranistin Gabriela Scherer braucht eine Anlaufzeit, um ihre dunkle, unruhig vibrierende Stimme unter Kontrolle zu bringen. Nach der Pause rundet sich der Sopran, aber insgesamt fehlt es ihr für die Partie an Noblesse. Berührend ist Iphigenies Wiederfinden mit ihrem Bruder Orest im 4. Akt, der mit der Vorbereitung des Opferrituals etwas zäh beginnt. Aber den Schluss bestimmt noch einmal ein starkes Duo zwischen den Geschwistern.

Abweichend von Glucks Oper fügte Pina Bausch in ihre Choreografie auch Figuren aus der Vorgeschichte als Tänzer ein – zum Teil in Rückblenden und Visionen, wie die Morde an Agamemnon (Gareth Haw) und Klytämnestra (Rio Anderson) oder die überlebende Elektra als psychisches Wrack (Svetlana Gileva). Auf erfreulichem Niveau musiziert die Sächsische Staatskapelle Dresden unter Jonathan Darlington, der Glucks erhabene Musik mit lebhaften Impulsen in jedem Moment spannungsvoll erklingen lässt. Klangvoll und mit schöner Fülle singt der Sächsische Staatsopernchor (Einstudierung: Gerd Amelung) aus dem Orchestergraben. Das Premierenpublikum zeigte sich begeistert und feierte alle Mitwirkenden enthusiastisch. Bernd Hoppe