Geschmackloses Affentheater

 

Weimar: Eine positive Folge der Rossini-Renaissance der letzten Jahrzehnte ist die Tatsache, dass sich auch kleinere Theater nördlich der Alpen an die Opern des italienischen Komponisten heranwagen. Vor allem die Cenerentola und der unverwüstliche Barbiere tauchen regelmäßig auch in Theatern diesseits der Alpen auf, wo man keine Rossini-Pflege vermuten würde. Weimar verfügt allerdings über eine eigene Rossini-Tradition. Mit der Semiramide wurde 1825 (d.h. erst zwei Jahre nach der Uraufführung in Venedig) ein Vorgängerbau des jetzigen Theaters eingeweiht. Goethe sah die Oper nicht, vielleicht wegen der für ihn nicht annehmbaren Umstände der Neueröffnung, vielleicht auch, weil er Rossinis serie gering schätzte (1828 äußerte er sich zumindest negativ zu Moses).

Die Aufführung der Italiana in Algeri am Deutschen Nationaltheater Weimar steht somit in einer gewissen, wenn auch brüchigen Kontinuität. Und da ein interessanter Spielleiter und junge, aber schon bewährte Sänger engagiert worden waren, reiste man mit Vorfreude nach Thüringen. Regisseur Tobias Kratzer hat mit seinen Meyerbeer-Arbeiten in Nürnberg und Karlsruhe überzeugt. Das berechtigte zu Hoffnungen, die jedoch enttäuscht wurden. Man fragt sich, warum für Regisseure, die mit bestimmten Stücken nichts anfangen können, inzwischen immer die Fauna herhalten muss. Vielleicht, weil sie sich nicht wehren kann? Ob Bienen, Hennen oder Bären: Tiere sind offenbar letzte Rettungsanker für Theaterleute ohne Inspiration. Diesmal waren Affen an der Reihe. Der Vorhang geht auf, und man sieht ein Labor, in dem Primaten in weißen Kitteln einen Menschen (Lindoro) untersuchen (das langweilige, sperrige Einheitsbühnenbild stammte von Rainer Sellmaier, der auch die Kostüme samt Drahtmasken entworfen hatte). Wird uns also ein mondo alla rovescia gezeigt? Thematisiert das Konzept die Beziehung zwischen Mensch und Tier? Oder soll das nur ein großer Spaß sein? Die ernüchternde Antwort lautet: Es war kein Konzept, und es hat keinen Spaß gemacht. Der Schreibende gehört nicht zu denjenigen, die sich an kostümierten Konzerten ergötzen, und ist gerne bereit, Härten in Kauf zu nehmen, wenn sie eine brauchbare Idee beinhalten. Das war z.B. in Kratzers Nürnberger Huguénots der Fall. Hier aber konnte das lustige Treiben der Primaten nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Inszenierung zwischen Biederkeit, Leerlauf und TV-reifer Vulgarität pendelte. Bald war auch vergessen, dass die Affen die Menschen zum Objekt ihrer Wissensneugier gemacht hatten. Teutonischer Humor von zweifelhaftem Geschmack trat an die Stelle einer Interpretation. Natürlich ist es lustig, wenn der gefoppte Obergorilla Mustafà voller Wut die anderen zur Hölle schickt, indem er behauptet, er sei schließlich kein Pavian („Andate alla malora, non sono un babbuino“). Aber drei Pointen tragen nicht einen ganzen Abend. Und jeder wird darüber hinaus für sich entscheiden müssen, ob es in einem Theater, das nur 10 Km von Buchenwald entfernt ist, wirklich opportun ist, vor der Ouvertüre eines Dramma giocoso den Nazi-Sympathisanten Heidegger auf den Vorhang zu projizieren, der über das Menschsein sinniert (falls das als Versuch einer Provokation gemeint war, ging das übrigens daneben: einige Zuschauer fragten verdutzt den Nachbarn, wer da überhaupt spreche).

Das Engagement der Protagonisten, die allesamt in ihren Rollen debütierten, grenzte an Selbstopferung. Sie ließen sich ein auf die Albernheiten, die von ihnen verlangt wurden und für störende Lacher an unpassender Stelle sorgten, und sangen trotzdem auf hohem Niveau. Ihre hervorragende Diktion ließ dabei das Gefälle zwischen Libretto, Musik und Inszenierung noch klaffender erscheinen. Am schwierigsten hatten es Mustafà und Isabella. Uwe Schenker-Primus konnte sein Ganzkörperkostüm und die Maske keine Sekunde ablegen. Er musste somit ohne Zuhilfe der Gesichtsausdrucks den dümmlichen und doch bedrohlichen Bey von Algier darstellen, was ihm unter den gegebenen Umständen bewundernswert gelang. Vokal konnte er nicht ganz vergessen machen, dass sein voluminöser Bass für Rossini nicht prädestiniert ist. Doch sang er durchgehend rollendeckend, war in der Lage, seine große Stimme zu zähmen (so in seiner Arietta im ersten Akt) und hatte gegen Ende noch genügend Kraftreserven, um in der Pappataci-Szene mit mächtigen Spitzentönen aufzutrumpfen. Tamara Gura musste als Isabella die Italienerin als eine oberflächliche Nymphomanin geben, welcher der Regisseur unsinnigerweise ganze Szenen im Bikini vorschrieb (aber das war sicherlich nicht als Sexismus gemeint, schließlich musste der Tenor die ganze Oper in Unterhemd und Slip bestreiten). Gura ließ sich nicht irritieren und führte ihre schöne Mezzo-Stimme sicher und stilistisch überzeugend. Wie bei allen echten Vertreterinnen dieses Fachs fehlt es ihrer Stimme an Durchschlagskraft, aber die Sängerin setze sie sehr gekonnt ein und klang angenehm in allen Registern, die beinahe bruchlos geführt wurden. Der Dirigent (falls er das war) entschied sich dafür, den Sängern und namentlich Isabella eine größere Freiheit bei der Gestaltung der Gesangsnummern zu gewähren, die mit Spitzentönen, Oktavsprüngen und Variationen verziert wurden. Das klang bisweilen penetrant, sorgte aber für einen lebendigen Vortrag, und vor allem Gura konnte sich damit hervortun. Eine Entdeckung war der Taddeo von Alik Abdukayumov, der einen festen, schön timbrierten Bariton sein Eigen nennt. Auch wenn man für ihn leicht eine Zukunft in einem anderen Repertoire voraussagen kann (etwa als Verdi-Bariton), konnte er die undankbare Rolle ohrenfällig aufwerten. Positiv fiel auch der vierte Debütant auf. Der Bonner Tenor Miloš Bulajić hat Erfahrungen in der Accademia rossiniana in Pesaro gesammelt, und das hörte man durchaus, so in der geläufigen Koloratur und den gestochen scharfen Akzenten. Es ist bedauerlich, dass ihm im zweiten Akt lediglich die übliche Cavatina zugebilligt wurde, dies umso mehr, als er davor die Auftrittsarie z.T. im Käfig singen musste und dadurch schlecht  hörbar war. Das enge, näselnde Timbre und der Vibratello werden gleichwohl nicht jedem gefallen haben. Daeyoung Kim (Haly), Caterina Maier (Elvira) und Kathrin Filip (Zulma) vervollständigten die Besetzung achtbar, die vom hervorragenden Chor (Einstudierung: Markus Oppeneiniger) und von der nicht minder brillanten Staatskapelle, bei denen die Bläsersolisten, etwa Horn und Flöte, sich auszeichneten, begleitet wurde. Der junge, in Weimar ausgebildete Zweite Kapellmeister, Dominik Beykirch leitete die Weimarer Kräfte souverän. Er bot einen spritzigen, an einigen Stellen (etwa im ersten Finale) freilich etwas hektischen Rossini, achtete aber auf die Verständlichkeit der Sänger, die er auf Händen trug und an heiklen Stellen mit langsameren Tempi unterstützte. Das entschädigte für das bisweilen peinliche Bühnengeschehen. Im März 1826 forderte Goethe in einem Vierzeiler die Jugend auf, zu „wirken, zielen, schaffen“, denn: „Nur im Palmenbaum der Affe spielt und tändelt alle Zeit“. Es wäre besser gewesen, wenn man ihn dort hätte gewähren lassen (Premiere am 15. Oktober 2016). Michele C. Ferrari