Aus der Rumpelkammer

 

Der Karlsruher 4-Regisseure-Ring geht in die dritte Runde. Nach einem aus folgenlosen Illustrationen durchaus einfallsreich zusammengesetztem Rheingold ohne Interpretation (Regie: David Hermann) und einer gänzlich visuell gedachten Walküre, bei der Design statt Deutung im Mittelpunkt stand und der dramatische Bezug in der Erstellung von Bühnenbildern und Effekten oft verloren ging (Regie: Yuval Sharon), löste Siegfried beim Premierenpublikum zwiespältige Reaktionen und viele Buhrufe für die Regie aus. Einem guten ersten Akt folgte viel Zähes mit dem Reiz des irgendwie Improvisierten. Da die Karlsruher Prämisse des Nichtvorhandenseins einer großen Erzählung bzw. der nicht schlüssig möglichen Nacherzählbarkeit der Ringhandlung zu Atoll-Inszenierungen mit vier Regisseuren führte, fehlen zudem Sinnzusammenhänge, die nun die übersichtliche Handlung bei Siegfried in einen Kontext stellen können. Regisseur Thorleifur Örn Arnarsson schöpfte scheinbar aus dem Vollen und erklärte: „Wir hatten für Siegfried fünf Konzepte, die alle in das Endergebnis eingeflossen sind. Das waren eher unterschiedliche Welten, teilweise Welten, die das ganze Stück in den Blick nahmen, teilweise Welten, die sich an einzelnen Momenten entzündeten. …. Der Masterplan … besteht darin, daß das Ganze eine Art Wotanscher Truman-Show ist, wo Siegfried wie eine Ratte im Labor gezüchtet wird. ….. das ganze Stück spielt in einem Käfig. Da kommt niemand raus. Erst als Siegfried sein Märchen durchlebt hat, ist er fähig auszubrechen. Deswegen bekommt er vom Waldvogel die Partitur und merkt: Ich bin eine Figur in einem Stück, das ein Anderer geschrieben hat. Da spiele ich nicht mehr mit. Das fordert natürlich Wotans Widerstand heraus. So entsteht der letzte Konflikt.“ Fünf Konzepte, und keines scheint durchdacht und tragfähig gewesen zu sein. Die Truman-Show erweist sich schnell als Sackgasse, denn was sollte diese Truman-Show bezwecken, was nicht schon in Libretto angelegt ist? Siegfried wächst weit weg der Welt auf und wird instrumentalisiert, Mime will durch ihn an den Ring kommen. Wotan ist nun der Spielleiter dieser Show, er sitzt neben der Bühne in einem Kontrollraum mit einigen Bildschirmen und beobachtet, was bei Mime und Siegfried passiert. Mehr entwickelt sich aus diesem „Masterplan“ nicht, einen tieferen Sinn kann der Regisseur dieser Masterplan-Laune nicht entlocken. Nicht umsonst heißt der abgedankte Wotan inzwischen Wanderer, ihm nun wieder Wotansches Wirken zu unterstellen macht innerhalb der Ring-Dramaturgie keinen Sinn. Hätte man auf die überflüssigen Szenenelemente der Truman-Show verzichtet, hätte sich nichts Wesentliches an dieser Inszenierung geändert – es ist eine Klammer, die nichts zusammenhält. Tatsächlich scheint nur eine Idee über die Akte bestehen zu bleiben: „Zentrales Thema des Stücks ist der Generationenkonflikt. Jung gegen Alt, Siegfried gegen Wotan“, erklärt der Regisseur. Sie kulminiert dann aber falsch im dritten Akt, wenn Siegfried Wotan nicht nur verjagt, sondern ihn vorher demütigt und verhöhnt. Wotan wird zur bemitleidenswert hilflosen Figur und verlässt verstört die Bühne – sein Enkel ist ein Sadist. Wie der niederträchtige Kotzbrocken-Siegfried dieser Szene dann kurz darauf den Wechsel zum Siegfried der Brünnhilde-Szene schaffen soll, lässt der Regisseur offen. Aber so vieles will in dieser Inszenierung nicht recht zusammenpassen, dass man es kaum alles aufzählen kann.

Wagners „Siegfried“ in Karlsruhe/ Szene/ Foto Falk von Traubenberg

Dabei beginnt es gut, der erste Akt ist kurzweilig, die Szenerie ist vielversprechend. Die Bühne des litauischen Bühnenbildners Vytautas Narbutas ist ein Museum, ein großer, mit allem möglichen Plunder voll gestellter Raum mit der Last der Historie, im Hintergrund schwebt eine Kuppel, der Drache zeichnet sich als Skelett auf der Empore bereits ab. Mime und Alberich sind unförmige, grüngraue Wesen, ein wenig erinnern sie Orks, Wotan tritt als Wanderer in prominenter Verkleidung auf, nämlich als Gandalf (langer weißer Bart, Mantel und spitzer hoher Hut) – beides Figuren aus der Verfilmung des Herrn der Ringe. Siegfrieds Entwicklung wird durch wechselnde Kostüme gezeigt, er probiert aus und sucht, welcher Stil zu ihm paßt. Als großes Kind im Dinosaurierkostüm tritt er auf, darunter trägt ein Superman T-Shirt, später sieht er wie ein goldener Götterbote aus. Im zweiten Akt trägt er u.a. ein T-Shirt mit fluoreszierendem  Skelettaufdruck und schmiert sich Farbe ins Gesicht, im dritten Akt trägt er eine weiße Perücke und ähnelt Wotan und als er auf Brünnhilde trifft, trägt er auch noch einen langen Mantel. Die Kostüme von Sunneva Ása Weisshappel sind insgesamt nicht stimmig, drei Waldvögel in  geschmacklosen Fummeln fliegen über die Bühne und die bedauernswerte Heidi Melton als Brünnhilde muss ein lieblos unvorteilhaftes Kostüm als robuste Maid mit langen blonden Zöpfen tragen, für das sie Schmerzensgeld bekommen sollte.  Doch zurück, Entwicklung und Geschehen im ersten Akt sind schlüssig, bei den Schmelz- und Schmiedeliedern steht Siegfried hinter einer Blechtonne, in dessen Tiefe er ein wenig herumhantiert, ohne dass man viel Wert auf Effekt gelegt hat. Der zweite Akt wird statisch und hat einigen Leerlauf. Siegfried versucht zuerst auf einem verstimmten Klavier Kontakt zum Waldvogel aufzunehmen, dann mit einem Gartenschlauch – die Töne, die er fabriziert sind schief und provozieren wenigsten einige Lacher. Der Kampf mit Fafner ist nur angedeutet, der Sänger tritt nicht auf, sondern singt versteckt aus dem Gerippe im Obergeschoss, während Siegfried ein Stockwerk tiefer sein Schwert in die Decke steckt. Siegfried tötet Mime nicht, er vertauscht die Becher mit den Getränken. Auch zu Beginn des dritten Akts ist man noch im Museum, die Szene zwischen Erda und Wotan bleibt unbedeutend, erst nachdem Siegfried Wotan fertig gemacht hat, ändert sich die Szene: Siegfried reißt die Wände entzwei, verschiebt die Wandelemente an den Rand und öffnet die Tiefe – keine wirklich überraschende Metapher, was für eine Macht mit der Truman-Show beendet wurde (der Voyeurismus der Medienzeit?), ist nicht weiter bestimmt. Im Hintergrund ist nun eine Videoleinwand mit verschiedenen Motiven, u.a. Flugszenen über einer weiten Landschaft. Die Videoeinspielungen sind oft wenig interessante Motive, aber ein bisschen Stimmung kommt rüber. Es gibt keine Erweckungsszene, Siegfried erzählt sitzend alleine, was geschah. Brünnhilde fährt dann rechtzeitig aus dem Boden nach oben, was folgt ist ideenloses Rampensingen – die große Schlussszene ist  uninspiriert und statisch.
Justin Brown hat sich in Karlsruhe bereits als großer Wagner-Dirigent bewiesen, auch gestern gab es vor dem 2. und 3. Akt erste Bravo-Rufe und das zurecht: Siegfried klang gestern nie pauschal, immer wieder arbeitete Brown überraschende Stellen heraus, phrasierte geschickt und erreicht eine lebendige, nie ins zu Leichte absackende Bedeutungsperspektive. Bravo! Nur am Ende des dritten Akts bremste er teilweise stark ab und blieb manchmal fast stehen. Ob das Browns Konzept oder evtl. ein Unwohlsein einer Sängerin war, bleibt offen. In der Titelrolle ist mit Erik Fenton ein Debütant zu hören, der die schwere Last hatte, sich gegen einen anderen Debütanten des letzten Jahrzehnts in dieser Rolle zu behaupten, den in der badischen Metropole beliebten Lance Ryan, der hier seinen ersten Siegfried sang. Fenton wird wahrscheinlich nicht den Sprung nach Bayreuth schaffen, aber er schlug sich höchst respektabel. Er teilte sich seine Kräfte sehr gut ein, seine Stimme hat einen passenden metallischen Glanz, Schmelz- und Schmiedelieder sowie der zweite Akt gelangen ihm kraftvoll. Nur im Duett mit Brünnhilde konnte er nicht umschalten, ihm fehlte die Verführungs- und Überzeugungskraft. In der Summe eine sehr gute Leistung! Heidi Melton als Brünnhilde schien nicht ihren besten Tag zu haben: ihre Stimme war kraftvoll und voluminös, sie schien aber nicht ganz auf dem Damm, versuchte etwas zu defensiv lang gedehnt zu betonen (oder wollte es der Dirigent so langsam?)  und hatte doch Probleme mit der Aussprache („ch“ wurde zu „sch“). Dazu sprang sie etwas abrupt stimmlich in die Höhe, eher aus dem Stand als mit Vorbereitung. Ein unsicher wirkender Auftritt.
Mime ist (wie Loge) eine Paraderolle für Matthias Wohlbrecht und er bekam gestern auch die meisten Bravos – er hat die Rolle mit einer Selbstverständlichkeit und Sicherheit durchdrungen, dass er zukünftig noch oft Einladungen an andere Häuser bekommen sollte. BRAVO!
Als Wanderer (Wotan) hatte Renatus Meszar endlich einen souveränen Auftritt, warmer, farbiger Ausdruck, schöne Legati, seine bisher stärkste Ring-Partie brachte ihm ebenfalls viele Bravos. In den kleineren Rollen hinterließen. Jaco Venter als Alberich und der kaum auf der Bühne sichtbare Fafner von Avtandil Kaspeli einen starken Eindruck. Sowohl Katharine Tier als Erda als auch Uliana Alexyuk  als Stimme des Waldvogels hatten Probleme mit der deutschen Aussprache – ein Manko, das sich bei den kommenden Aufführungen legen könnte.
In der Summe bleibt der Eindruck einer durchwachsenen Produktion. Licht und Schatten, starke und schwache Momente, spannende Passagen, aber auch inszenatorischer Leerlauf und Langeweile.  Sänger und Musiker bekamen viel Zustimmung im ausverkauften Haus, die Regie wurde einigen Missfallensbekundungen konfrontiert (Foto oben: Ankündigungsfoto zur Neuproduktion des „Siegfried“ in Karlsruhe/ website Badisches Staatstheater/ Foto Grünschloß). Marcus Budwitius