Geglückter Einstand

 

Nicht mit einer populären Oper hat der neue GMD des Theaters für Niedersachsen Florian Ziemen seine erste Spielzeit eröffnet, sondern mit Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny der immer noch hochaktuellen Geschichte von Bertolt Brecht und Kurt Weill mit seiner eigenwilligen, teilweise jazzigen Musik und den bekannten Songs „Oh Moon of Alabama“ oder „Denn wie man sich bettet, so liegt man“ – ein mutiger, aber geglückter Einstand. (…)

Diese „bitterböse Analyse der Wirklichkeit des Kapitalismus“ (Ulrich Schreiber) von so bedrückender Aktualität hat in Hildesheim der 84-jährige Hans Hollmann neu inszeniert. Dazu hatte die Ausstatterin Romina Kaap eine überdimensionale Kommode erstellt, vor und neben der sich das Geschehen meist abspielte. Darüber schwebte ein Bilderrahmen mit einer weißen Totenmaske. Hier oben gab es dann zum Finale ein paar kleine Flammen – ein bisschen dürftig für den Untergang einer ganzen Stadt. Ihre ganze überbordende Fantasie hatte die Ausstatterin allerdings in grelle, knallbunte Kostüme gesteckt, in denen sich das überaus spielfreudige Ensemble und die Choristen auf der sonst eher leeren Bühne tummelte. Das war überhaupt das Auffälligste dieser Inszenierung, wie lebendig alle agierten. Der österreichische Altmeister der Regie hat hier erneut bewiesen, wie ausgezeichnet er Darsteller zu bewegen weiß.

„Mahagonny“ in Hildesheim/ Szene/ Foto © Isabel Winarsch

Dabei gelang es allen, bei der lebendigen Spielweise auch noch prächtig zu singen und die hohen Anforderungen, die der Komponist an sie stellt, mit Sprechgesang, aber auch mit ausladenden Kantilenen gut zu erfüllen. Einziger Wermutstropfen in diesem Zusammenhang war die schlechte Textverständlichkeit, was wohl auch der dicken, bläserlastigen Instrumentierung geschuldet war.

Da war zunächst das Gaunertrio, angeführt von Leokadja Begbick, die mit Neele Kramer erstklassig besetzt war; die junge Sängerin versah die „Chefin“ der Truppe mit einem gehörigen Schuss Sex-Appeal und ihrem in allen Lagen gut ansprechenden Mezzosopran. Ihr zur Seite profilierten sich tenoral sicher Christoph Waltle als Fatty, der Prokurist, und der stimmkräftige Uwe Tobias Hieronimi als skurriler Dreieinigkeitsmoses. Meike Hartmann punktete als Jenny Hill mit dem bekanntesten Song des Werkes, dem sehnsuchtsvollen „Oh Moon of Alabama“, den sechs Chordamen ebenso innig begleiteten. Das sentimentale Liebesduett präsentierte sie ausgesprochen schönstimmig gemeinsam mit Hans-Jürgen Schöpflin (Jim Mahoney), der im Übrigen mit kraftvollem Tenor beeindruckte.

Seine Holzfäller-Kumpel waren mit polterndem Bass Levente György (Sparbüchsenbill), mit gepflegtem Bariton Peter Kubik (Alaskawolfjoe) und mit vielseitigem Tenor Aljoscha Lennert (Jakob Schmidt), der auch den Mörder Tobby Higgins gab.

Schließlich waren ebenfalls mit auffallender Spielfreude die Mitglieder des Opernchors, des Extra- und Jugendchors bei der Sache, ohne dass die Klangausgewogenheit der unterschiedlichen Chöre darunter litt (Einstudierung: Achim Falkenhausen). Den Ausdrucksreichtum dieser doch sehr speziellen Oper brachte der neue musikalische Leiter des TfN Florian Ziemen mit sicherer Hand zur Geltung. Ob es die technisch nicht einfache Fuge beim Nahen des Taifuns, die sechs konzertierenden Blasinstrumente beim Liebesduett oder die ausladenden Chorszenen waren, er sorgte am Pult des an diesem Abend sehr gut disponierten Orchesters mit präziser Zeichengebung und nie nachlassender Energie dafür, dass sich der typische Weill’sche Sound in ansprechender Weise entfalten konnte. Starker, begeisterter Beifall des Publikums belohnte alle Mitwirkenden (29. 10. 2017/ Foto oben: „Mahagonny“ in Hildesheim/ Szene/ Foto © Isabel Winarsch). Gerhard Eckels