Geduld-strapazierend

 

 „Suspense“ ist angesagt. Wie bei einem Alfred Hitchcock-Film., „Believe only half of what you see“ flimmert es auf der Leinwand. Edgar Allan Poe wird zum Gegenstand einer Unterhaltung in einem Club, wo die Herren am Ende von The Fall of the House of Usher über Sinn, Inhalt und Ausgang der 1840 erschienenen Kurzgeschichte debattieren. Es ist kein gediegener Club, den Anna Viebrock auf die Bühne des Mannheimer Nationaltheaters stellte, wo sie Claude Debussys Opernfragment La chute de la maison Usher unnötigerweise durch weitere Musik von Debussy und eine Erzählung von Poe (The Tell-Tale Heart) sowie Filmchen zum abendfüllenden Musiktheater House of Usher anreicherte. Nach einer Stunde war die Aufführung fertigerzählt und bei den Fressattacken der Madeline und der Poe-Erzählung durch den Schauspieler Graham F. Valentine die Geduld des Publikums erschöpft.

Die Herren in Viebrocks Club, der aussieht wie der vollgekrempelte Salon einer heruntergekommenen Pension, entstammen einem dieser rührend altmodischen Filme, wo in jeder Ritze das Unheil lauert. Bedeutungsvoll schwenkt die Kamera auf der für alle Filmsequenzen (Lisa Böffgen) vorgesehenen oberen Bühnenhälfte über das zusammengewürfelte Mobiliar, das Viebrock aus anderen Inszenierungen – u.a. in Köln, Wien und Basel sowie dem Bayreuther Tristan – zusammenklaubte und auf der Drehbühne zu einem Irrgarten zusammenwürfelte, fängt bedeutungsvoll Gegenstände und Gesten ein. Derweil einer der Gäste zu Poes Geschichte greift und die Aschenbecher überquellen, tritt ein Fremder herein, der sich als Rodericks Freund herausstellt, den dieser auf das Schloss seiner Ahnen beorderte. Argwöhnisch beäugt wird er vor allem von dem Schachspieler, der sich als Arzt der Familie zu erkennen gibt.

Ob es das Eigenleben des Hauses war, das ihn so sehr an Allemonde erinnert haben muss, weshalb Debussy nach seiner Maeterlinck-Oper zu Poe griff? Auf jeden Fall beschäftige er sich ab 1908 bis zu seinem Tod 1915 intensiv mit La chute de la maison Usher, von dem schließlich nur eine halbe Stunde Musik überlebt hat. In den 2000er Jahren ging der Musikologe Robert Orledge daran, durch eigene Ergänzungen aus dem Fragment eine 50minütige spielbare Fassung zu erstellen, deren szenische deutsche Erstaufführung im Zentrum von Viebrocks geheimnisvollem 1 1/2stündigem Musiktheater steht. Die Uraufführung der Rekonstruktion hatte Lawrence Forster 2006 in Bregenz (mit Roman Trekel als Roderick Usher) dirigiert, wo man das kurze Werk in Phyllida Lloyds Inszenierung als „eine Familiengeschichte in Tanz und Gesang“ mit dem Ballett Prelude a l’apres-midi d’un faune zum 90minütigen Abend erweiterte (wovon es eine DVD bei Capriccio gab); in Deutschland wurde La Chute de la Maison Usher (zusammen mit dem 36minütigen Le Diable dans le Beffroi) im Dezember 2013 konzertant in Göttingen aufgeführt (Panclassics PC 10342).

„The Fall of the House of Usher“ in Mannheim/ Szene/ Foto wie oben Mair

Das Wesentliche bleibt auch bei Viebrock hier unausgesprochen: Das Eigenleben des Hauses, die Beziehung der Zwillingsgeschwister Madeline und Roderick, der Inzest, das Begehren des Freundes, die Bestattung der Madeline bei lebendigem Leib.

Der große Monolog Rodericks, der einen Großteil von Debussys Original ausmacht, und den Thomas Jesatko mit einem nach und nach an Wärme und dramatischer Wucht gewinnenden Bariton sang, verliert sich in ein labyrinthisches Phantasieren wie die winkeligen Raumfluchten der Anna Viebrock, die hier einen physisch und psychisch bedrückenden Irrgarten realisierte, den die Kamera zusätzlich mit Bildern der verendeten Hunde illustriert. Benjamin Reimers dirigierte die beiden umfangreichen Szenen mit großer Emotionalität (17. April), gar nicht so impressionistisch leicht wie die von dem Barpianisten (Antonis Anissegos) gespielten Debussy-Piècen, darunter die Ballade und Nuages. Der Bariton Jorge Lagunes gab den Freund als tumben Stichwortgeber. Die Geschichte, welche er Roderick gegen Ende zur Beruhigung erzählt, teilt Vierbrock der personifizierten Angst zu, „La Peur“ (Graham F. Valentine), die Roderick umschlingt und schließlich sanft das Genick bricht. Der Tenor Uwe Eikötter blieb als Arzt hinreichend zwielichtig und finster, als Madeline hat Estelle Kruger neben ihrem darstellerischen Großeinsatz nur das kleine Liedchen vom wunderbaren Palast, Le palais hanté, zu singen. Genretypisch, doch viel zu spät, endet Viebrock ihren Thriller mit einem Coup, einem doppelten sogar. Doch da haben wir es längst aufgegeben, uns in dieser musiktheatralischen Erkundung des Herrenhauses zurechtzufinden.   Rolf Fath