Galantes Europa

 

Die Musikfestspiele Potsdam Sanssouci mit ihrer einzigartigen Verbindung von Musik, Kunst, Architektur und Landschaft wurden seit 28 Jahren von der Künstlerischen Leiterin Andrea Palent geprägt, die mit ihren originellen Konzepten, ihrem hohen Anspruch, ihrer Leidenschaft und Energie das Festival weit über die regionalen Grenzen hinaus bekannt und zu einem bedeutenden Ereignis im internationalen Festspielreigen gemacht hat. Im nächsten Jahr wird sich Dorothee Oberlinger der enormen Herausforderung stellen, ihre Nachfolge anzutreten und die Leitung der Festspiele zu übernehmen.

Ansicht der Potsdamer Friedenskirche von Norden/ Wiki

Grenzenlos Europa! hieß das diesjährige Motto, und wer wäre berufener gewesen, den musikalischen Reigen zu eröffnen, als das italienische Ensemble Europa Galante? Unter seinem Gründer und Leiter Fabio Biondi offerierte es am 8. 6. 2018 in der Friedenskirche ein sehr originelles Konzert von außergewöhnlicher Konzeption. Da hatten die Programmgestalter in mehreren Concerti und Suiten Komponisten verschiedener Nationen aufeinander treffen lassen und aus deren einzelnen Sätzen Werke in neuer Zusammenstellung und Ordnung gefügt. Da begegneten sich Italiener, Franzosen und Deutsche, da kreuzten sich Briten, Schweden und Spanier. Einige weniger bekannte Tonsetzer waren dabei, wie die Italiener Michele Mascitti und Francesco Barsanti oder der Schwede Johan Helmich Roman, und in der zweiten Programmhälfte hörte man auch Ausschnitte aus Opern- und Ballett-Raritäten: Martín y Solers La bella Arsene und I ratti Sabini, Boccherinis La casa del diavolo und Nicola Confortos Le Cinesi.

Das Orchester bot ein reiches Spektrum von Klangfarben und Affekten – delikate und graziöse Töne, stampfende Rhythmen, kämpferische Energie, kantable Lyrik, majestätischen Pomp, gravitätische Würde, stürmisches Bläsergeschmetter. Im Allegro aus Leclairs Violinkonzert op. 7 Nr. 3 C-Dur konnte Biondi neben seiner Funktion als Dirigent auch als Geiger brillieren und den Streicherteppich mit seinem Instrument dominieren.

 

Natürlich waren auch die beiden Opernproduktionen des Sommers dem Motto der Festspiele verpflichtet. In der Ovidgalerie der Neuen Kammern Sanssouci gab es am 14. 6. Alessandro Melanis einaktigen Opernprolog L’Europa, den die Regisseurin Deda Cristina Colonna sowie der Dramaturg und Textautor Thomas Höft zu einem Musiktheaterpasticcio erweitert hatten. Zuvor bot die Neue Hofkapelle Graz unter Michael Hell Georg Muffats Fasciculus I. Nobilis Juventus d-Moll von 1691, dessen tänzerisch orientierte Sätze Vertreter verschiedener Völker charakterisieren. Die neun Musiker des Ensembles in schäbiger Migrantenkleidung (Ausstattung: Alfred Peter) spielten mit großem Farbenreichtum, pulsierender Energie und prägnanten rhythmischen Akzenten.

Davon profitierten auch Melanis reizvolle, affektreiche Komposition sowie die Zwischenmusiken von Matthew Locke, Alessandro Scarlatti und Biago Marini, welche die Gesänge der Europa ergänzten. Ein hochkarätiges Solistentrio vollendete das musikalische Spitzenniveau der Aufführung, angeführt von der ausgewiesenen Barock-Spezialistin Roberta Mameli in der Titelrolle. Mit ihrem farbigen, expressiven Sopran und der ungemein intensiven Darstellung mit vehementem Körpereinsatz zeichnete sie die Figur als missbrauchte, besiegte, gebrochene Frau. Fast sprengte die Stimme in ihrem Umfang die Dimension des kleinen Saales. Ihr Gesang glich einem Aufschrei. Brutal vergewaltigt sie Giove auf dem Boden a tergo – im existentiellen  Ausnahmezustand singt sie „Son ferita e son vinta“.

Die Regisseurin lässt Europa im zerfetzten Kleid als einer der zahllosen Flüchtlinge erscheinen, die über das Mittelmeer kamen und im Gegensatz zu vielen anderen ihr Leben retten konnten. Leider hat sie diesen aktuellen Bezug mit der Einführung eines Erzählers unnötig aufgebauscht. Michael Ihnow, der seltsamerweise als Transvestit in High Heels auftritt und eher dilettantisch einen Text von Thomas Höft (Wanted Europe) vorträgt, parliert zunächst über die Reiselust der Deutschen und verteilt dabei Boarding Pässe für diverse Flugrouten, später auch abgetragenes Schuhwerk und verblichene Fotos, womit er auf das tragische Los der vielen Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, zu sprechen kommt. Fatalerweise muss er sich mit Martinis „Plaisir d’amour“ auch noch als Sänger versuchen. Am Ende zerfetzt er mit einem Messer die große schwarz/weiße Shoppingtüte im Chanel-Design mit dem Aufdruck Europa, aus der überraschend die Titelheldin im Ganzkörpertrikot der Europa-Landkarte und mit blauer Allongeperücke in mondäner Allüre auftritt. An ihrer Seite der Amore in Bermuda-Shorts  und klassischem Jackett – der amerikanische, in Berlin noch unbekannte Countertenor Nicholas Tamagna sorgt mit seinem Auftritt für die stimmliche Entdeckung der Festspiele. Der Sänger mit seiner klangvollen, sinnlich getönten Stimme absolvierte auch die vertracktesten Verzierungen mit staunenswerter Agilität und markierte im heftig erregten Duett mit Europa, „Di Cupido al lieve dardo“, mit einem überwältigenden Koloraturwirbel a due den vokalen Höhepunkt der Aufführung. Danach leitet ein orchestraler Aufruhr das Terzett mit Giove ein, den der italienische Bassbariton Renato Dolcini mit imposanter Erscheinung und machtvoll-autoritärem Stimmklang gibt. Am Ende hatte man als Zuschauer nur einen Wunsch – diese faszinierende und vom Orchester wie den Sängern grandios interpretierte Musik noch einmal hören zu können, allerdings ohne das störende Beiwerk.

 

„Europe galante“: Watteaus „Pèlerinage á Cythère“/ Domain publique

Am 19. 6. 2018 folgte in der Orangerie André Campras Opéra-ballet L’Europe galante als aufwändige Koproduktion der Musikfestspiele mit dem Centre de musique baroque Versailles und in Kooperation mit dem Early Music Festival Prag. Da vereinten sich mit Les Folies Françoises und dem Collegium Marianum Prag zwei ausgewiesene Barockensembles, die von Patrick Cohën-Akenine mit musikantischer Lust geleitet wurden. Unter seiner Hand tanzte und sprühte die Musik, die er um originelle Schlaginstrumente bereichert hatte, was – ebenso wie die Windmaschine – großen Effekt machte. Und auf der Bühne wurde von den Solisten, den Tänzern der Compagnie de danse l’éventail und den Chorsängern vom Centre de musique baroque de Versailles der Rhythmus mit Hämmern,  Kugelschreibern und der Schreibmaschine geklopft. Alle waren mit enormer Spielfreude dabei, in vier Episoden (Frankreich, Italien, Spanien, Türkei) Liebende verschiedener Nationen vorzustellen (Regie: Vincent Tavernier). Als Stabmarionetten wurden zunächst die Göttinnen der Liebe (mit Fächer und Blumenstrauß) und der Zwietracht (mit Teppichklopfer und Kehrbürste) vorgeführt. Ähnlich einfallsreich waren die Kostüme der Tänzer gestaltet, für die Éric Plaza Cochet ganz profane Materialien verwendet hatte – Papierrollen und Pappdeckel für Hüte, Plastikteller für eine Krinoline, Küchentücher für einen Cul de Paris. Die vitalen Tänze von stampfendem Rhythmus, französischer Galanterie, sprühender italienischer Commedia dell’arte, spanischem Fandango-Temperament und orientalischer Sinnlichkeit markierten musikalisch und optisch die Höhepunkte der Aufführung. Marie-Geneviève Massé ist eine Spezialistin für Barocktanz und hat es glänzend verstanden, das Gestenvokabular dieses Genres mit den nationalen Eigenheiten einer jeden Nation zu verbinden. Die Tänze entführten den Zuschauer in die verschiedenen Welten und deren spezielle Atmosphäre. Die Orangerie war dafür ein idealer Spielort. Claire Niquet hatte die Bühne als verlassenes Maleratelier mit Farbtöpfen, Pinseln und einer Leiter gestaltet, in welchem junge Leute aus Europa ein Spiel um die Vielfalt der Liebe improvisierten. Das erklärte ihre zunächst private Straßenkleidung, die aber phantasievoll mehr und mehr aufgebrochen wurde und in den orientalischen Gewändern des Türkei-Bildes ganz einem theatralischen Zauber wich.

Die Gesangssolisten agierten in mehreren Rollen, angeführt von Chantal Santon Jeffery mit dunkel getöntem, sinnlichem Sopran als Göttin Vénus, Schäferin Céphise und Zaïde im Harem des Zuliman (Douglas Williams mit schmachtendem Bassbariton). Eugénie Lefebvre mit hellerem, aber flammend expressivem Sopran für diverse Eifersuchtsausbrüche gab Doris, Olympia, Roxane und eine Spanierin. Als Tenöre von weichem Klang und stilistischer  Perfektion erfreuten Aaron Sheehan als Octavio und Don Pedro sowie Clément Debieuvre als Philène, Schäfer, Italiener und Spanier. Philippe-Nicolas Martin mit profundem Bassbariton war die personifizierte Zwietracht, die am Ende der Vénus den Sieg überlassen muss und beschließt, in die Unterwelt zu entfliehen, um wenigstens dort herrschen zu können. Das fand den begeisterten Beifall aller Europäer auf der Bühne und den der Zuschauer im Saal.

 

Alljährliche Tradition der Festspiele sind prominent besetzte Solistenkonzerte. Diesmal trafen sich am 22. 6. 2018 im Nikolaisaal Vivica Genaux und Valer Sabadus für das Programm Primadonnen & Kastraten. In Arien und Duetten von Händel, Hasse und Vivaldi demonstrierten sie die hohe Kunst der einstigen Operngötter – seien es die Kastraten Senesino, Farinelli und Carestini oder die Primadonnen Francesca Cuzzoni, Faustina Bordoni und Anna Strada del Pò.

Die Mezzosopranistin ist eine höchst individuelle Sängerin mit streng gutturalem Timbre und einer sehr eigenen Gesangstechnik der gurgelnden Koloraturen. Sind diese beiden Eigenheiten durchaus Geschmackssache, ist die Virtuosität der Künstlerin unbestritten. Schon das erste Solo, Sestos Arie „L’angue offeso“ aus Händels Giulio Cesare, imponierte durch expressive Gestaltung und energischen Nachdruck. In der Arie der Cleofide „Son qual misera colomba“ aus Hasses gleichnamiger Oper absolvierte sie souverän das reiche Zierwerk von vertracktesten Koloraturgirlanden. In Almirenas „Lascia ch’io pianga“ aus Händels Rinaldo überraschte sie mit verschlankter Stimme und einer sehr eigenwilligen Interpretation von Variationen und Ausschmückungen. Mit großen dynamischen Kontrasten stattete sie die Arie des Farnace „Gelido in ogni vena“ aus Vivaldis gleichnamiger Oper aus. Die Academia Montis Regalis unter Alessandro de Marchi hatte das Stück mit lautmalerisch klirrenden Akkorden, dem berühmten Thema des „Inverno“ aus den  Quattro Stagioni, eingeleitet und mit ihrem ungemein farbigen Musizieren der Solistin eine inspirierende Vorlage geliefert. Auch die Instrumentalbeiträge des Ensembles, Ouvertüren zu Giulio Cesare, Cleofide und Alcina sowie die Sinfonia zu L’Olimpiade, zeugten von einem farbigen und differenzierten Spiel, das zwischen den stürmisch bewegten und sanft wiegenden Teilen spannende Kontraste setzte.

Die Stimme des Countertenors ist sehr obertonreich und daher in der oberen Lage besonders klangvoll und potent. Mittellage und Tiefe sind dagegen nicht ganz so substanzreich. Ariodantes große Arie „Scherza infida“ gestaltete er als eindringliches Lamento, Ruggieros „Di quello ch’io provo“ aus Hasses Oper stattete er mit angemessen heroischem Aplomb aus und mit höchster Kunstfertigkeit ertönten Ruggieros „Mi lusinga il dolce affetto“ aus Händels Alcina sowie Megacles drängendes „Lo seguitai felice“ aus Vivaldis L’Olimpiade.

Zu stürmisch akklamierten Höhepunkten des Abends gerieten beider Interpretationen von Duetten aus Giulio Cesare, Artaserse, Deidamia und L’Olimpiade, in denen sich die Stimmen harmonisch und kunstvoll mischten. Mit dem finalen Gesang aus Monteverdis L’Incoronazione di Poppea,„Pur ti miro“, dankte das Duo für die reichen Ovationen des Publikums (Foto oben: Feuerwerk über der Orangerie/ Foto Stefan Gloede/ MFPS). Bernd Hoppe