Gadafi und Erdogan

 

Am 12. April 1826 erlebte Carl Maria von Weber einen wahren Triumph, als sein Oberon in London uraufgeführt wurde. Seinem Sohne Max Maria zufolge „erhob sich wie eine mächtig brandende, brausende Woge das ganze Auditorium von seinen Sitzen, und fast eine Viertelstunde lang erstarb jeder andere Ton im Hurraschreien, Bänkeklappen und dem sonderbaren Getöse, durch das in England das Orchester seine Huldigung zu erkennen gibt, indem die Spieler der Streichinstrumente mit dem Bogen an diese klopfen. Das Tücherschwenken und Hütewinken wollte kein Ende nehmen“. Der spektakuläre Erfolg, dessen Beschreibung an die inzwischen ziemlich aufgesetzten der Last Night of the Proms erinnert, schien die Verheißung eines Siegesweges für den Oberon zu sein, der jenen des fünf Jahre davor geschaffenen hätte Freischütz übertroffen können. Doch schon in der Rezension der Musical Review im Jahr der Uraufführung wies der Kritiker darauf hin, dass die Oper „nicht genügend Melodie enthält, um sie populär oder auch nur sehr gefällig zu machen“: it is for the few. Er hatte Recht: Obwohl Webers letztes Werk immer wieder von mutigen Intendanten auf den Spielplan gesetzt wird, zündet es selten. Ein Grund dafür ist die Form. Oberon ist ein Singspiel, in dem viel geredet und wenig gesungen wird. Der Komponist hatte vor, eine deutsche Fassung zu erstellen, aber er kam durch seinen frühen Tod nicht dazu. In der ursprünglichen Fassung mit den vollständigen englischen Dialogen ist die Oper langweilig und für ein nicht Englisch sprachiges Publikum unerträglich; in der deutschen Fassung der 1950er Jahre, die meistens (so auch in der zu besprechenden Aufführung) gespielt wird, wirkt sie schwerfällig. Es bleibt nur die Option einer Bearbeitung. Der Rezensent hält solche Modernisierungen in der Regel für krampfhafte Versuche, das Historische unter einer brüchigen Schicht Glanzpuder zu verstecken.

Umso erfreulicher, dass es dem Team um Regisseur Volker Kamm in Salzburg gelungen ist, die Balance zwischen Respekt vor dem Werk und moderner Darbietung zu wahren. Die karge Bühne (Konrad Kulke) kommt mit einem großen Kreis, der je nachdem als Himmel oder Landschaft dient, und wenigen Requisiten aus, weil der Spielleiter großen Wert auf die Führung der Gestalten legt. Das Ensemble besteht aus zum Teil begnadeten Sängerdarstellern, die den Wechsel vom gesprochenen zum gesungenen Wort bewundernswert meistern. Kamm, der die Dialoge umgeschrieben hat (auch wenn das Programm nur dezente „Dialogergänzungen“ ankündigt), entschied sich dafür, auf Feen und Kobolde zu verzichten und dafür die Geschichte von Menschen, die sich lieben, und ihren Schicksalen zu erzählen, zwar mit metatheatralischem Augenzwinkern in den brillant inszenierten Gesprächen zwischen Oberon und Puck (der von Gregor Schulz herausragend gespielt wurde), aber ohne forcierte Aktualisierungen. Diese fand man vor allem in den Einlagen für die Bösewichte (Kalif, Piratenkapitän und Emir), die in die drei Akten eingefügt wurden. Man bekam dabei einen Großdiktator in Gaddafi-Kostümierung, den betrunkenen Captain Jack Sparrow und eine schaurig-lustige Erdogan-Parodie zu sehen. In allen drei Kurzrollen glänzte der Schauspieler Sascha Oskar Weis, der als Gröfaz im ersten Akt u.a. „Rache“ mit „Strache“ reimte und das Haus zu Toben brachte. Das verlieh dieser Liebes-Oper den vom Kamm so intendierten politischen Touch. Weniger überzeugend waren andere Aspekte der Inszenierung des im Programm angekündigten „Gesamtkunstwerkes“, etwa die hässlichen Kostüme (Katja Schindowski), die, wie heutzutage offenbar unvermeidlich, Epochen und Stile unglücklich mischten, und vor allem die Entscheidung Kamms, die Opernfiguren durch Tänzer zu erweitern.

Das war auch für einen Oberon total, wie er dem Spielleiter vorschwebte, zu viel des Guten. Die Schaffung einer zweiten Erzählebene führte dazu, dass die Sänger nicht selten an der Rampe standen, während ihre Kollegen irgendwelche Verrenkungen im Hintergrund ausführten (Choreographie: Kristian Lever), denen der Rezensent in den meisten Fällen nichts abgewinnen konnte. Immerhin war es so den Interpreten möglich, sich auf den Gesang zu konzentrieren. Das kam vor allem den Protagonisten Rezia und Hüon zugute, deren Rollen bekanntlich schwierig  geschrieben sind. Von ihnen werden italienische Virtuosität und deutsche Ausdauer verlangt, und durch dieses Niemandsland zwischen Rossini und Wagner haben sich auch große Namen der Vergangenheit auf der Bühne und im Aufnahmestudio oft durchmogeln können.

In Salzburg überzeugte vor allem Roman Payer als Hüon von Bordeaux. Sein Tenor klang zu Beginn noch etwas verhangen, aber schon in der ersten Arie konnte er sich steigern und für jene des zweiten Aufzuges hatte er die verlangte Zärtlichkeit zur Verfügung. Die Arie im dritten Akt gelang ihm exzellent. Die Diktion war durchgehend vorbildlich. Das Publikum feierte auch Anne-Fleur Werner als Rezia. Wie Payer bemühte sie sich um Wortverständlichkeit, und in der Mittellage klang ihr Sopran angenehm, nicht aber in der Höhe, die mit viel Druck erreicht wurde. Der Spitzenton am Ende von „Ozean, Du Ungeheuer“ wurde zum Schrei. Rein vokal war Shahar Lavi als Fatima die Beste im Ensemble. Die schöne, sicher und weich geführte Mezzo-Stimme ließ aufhorchen, und man wird diese Sängerin im Auge behalten müssen. Franz Supper konnte den Oberon nicht nur wie ein gestandener Mime spielen, sondern die Rolle auch mit seinem kräftigen Tenor ausstatten, während George Humphreys als Scherasmin blass blieb. Die Sängerriege ergänzten rollendeckend die Meermädchen von Hazel McBain und Zsófia Mózer.

Chor und Extra-Chor des Salzburger Landestheaters und das aufmerksam und insgesamt gut aufspielende Mozarteumorchester (in dem nur die Streicher stellenweise nicht homogen spielten) standen unter der Leitung von Ido Arad. Regelmäßige Operngänger wissen um die Schwierigkeiten für Dirigenten, Singspiele zu koordinieren, aber Arad gelang das vorzüglich. Er fand darüber hinaus immer den richtigen Ton für die stilistisch unterschiedlichen Partien, und man hörte bei Hüon schon von Ferne Lohengrin, aber bei Fatima und Scherasmin Boieldieu und Auber (und – zu Recht – nicht Rossini). Auch wenn an diesem Abend nicht alles gelang: Kamm, Arad und die Sänger-Schauspieler setzten sich erfolgreich für Oberon ein, und Liebhaber des frühromantischen Repertoires sollten sich diese zeitgemäße und vergnügliche Inszenierung nicht entgehen lassen (28. 09. 2019/ Szene Foto Löffelberger). Michele C. Ferrari