„Fürs Vaterland …“

 

Zwei vergitterte Fenster, hinter denen nur noch die Dunkelheit ist; zwei Matratzen liegen in der Zelle, in der sich zwei Personen auf engem Raum befinden. Sie verbringen hier ihre letzte Stunde und sie wissen, dass dies die letzte Stunde ihres Lebens sein wird: Das Todesurteil über sie ist gesprochen, sie warten auf ihre Hinrichtung.

Die Kammeroper Weiße Rose von Udo Zimmermann beschäftigt sich mit dem Schicksal der am 22. Februar 1943 von den Nationalsozialisten ermordeten Widerstandskämpfer Sophie und Hans Scholl.

Das 1986 komponierte Werk ist die zweite Oper Zimmermanns, die den Widerstand der Weißen Rose zum Thema nimmt: In der Oper, die er 1967 komponierte – und die dann 1968 noch einmal eine Überarbeitung erfuhr und so 1968 in Schwerin aufgeführt wurde – ging es ihm auch darum, durch Rückblenden die Geschichte der Widerstandsgruppe zu erzählen. 20 Jahre später steht die psychische Verfassung der Geschwister Scholl angesichts des Ausnahmezustandes ihrer bevorstehenden Hinrichtung im Zentrum des Geschehens. Die Diktatur wird greifbar, durch die Spuren, die sie in den Seelen und Erinnerungen der Geschwister Scholl hinterlassen hat. Die Gefangenschaft zeigt sich damit auch als eine durch die Macht der Erinnerungen an das grausame Regime erzwungene innere Gefangenschaft, in der sie nun gegen ihre Sprachlosigkeit ankämpfen. Das von Wolfgang Willaschek verfasste Libretto verdichtet diesen inneren Kampf mit Anspielungen auf biblische und theologische Texte, Anspielungen auf zeitgenössische Lyrik, mit Zitaten aus Briefen und Tagebucheinträgen der Geschwister Scholl.

Das Mecklenburgische Staatstheater inszeniert Weiße Rose in der Spielstätte des E-Werks; man kann es bedauern, dass ein solches Stück nicht auf der Bühne im Großen Haus des Staatstheaters gezeigt wird, um seine Bedeutung so zu unterstreichen – doch der kleine, beengte, etwas trostlose Raum des E-Werks spielt perfekt mit dem Bühnengeschehen ineinander. Die Bühnengestaltung von Kathrin Kegler füllt den Raum überzeugend aus. In der schwarzen Gefängniszelle liegen nicht nur die zwei Matratzen, sondern auch Flugblätter herum, sie sind auch auf Drahtseile gespießt, sie wirken so wie Silhouetten von Menschen, fast ein wenig gespenstisch; es ist das mächtige Wort, das Wort, mit dem die Geschwister die Wahrheit bezeugten, aber auch das gefährdete, das von Auslöschung und Vergessen bedrohte Wort, das so in die aussichstlose Gegenwart der Protagonisten hineinreicht. Es ist das Wort, das nun uns erreichen soll.

Mit Bariton Cornelius Lewenberg und Sopranistin Katrin Hübner sind die Partien der Geschwister Scholl optimal besetzt. Cornelius Lewenberg kämpft zuweilen ein wenig mit seiner Partie und kämpft dafür sich selbst und seiner Stimme alles ab. Das ist anrührend und es ist völlig überzeugend, denn es passt zu der Rolle eines jungen Mannes, der alles verloren hat und um Worte kämpfen muss. Schauspielerisch legt Lewenberg alles in den inneren Kampf, der Hans durchzieht:  zwischen Lethargie, Resignation, Aktionismus, Angst und Wut zerrissen zu sein – er macht das brillant, er verkörpert intensiv, was er darstellen soll, scheint sich seiner Mimik, seinen Gesten ganz bewusst zu sein und spielt den Ausnahmezustand so einnehmend, dass man seinen Blick nicht abwenden kann. Neben ihm kann die erfahrene Sopranistin Katrin Hübner stimmlich glänzen, und auch sie spielt mit Intensität und Überzeugungskraft die Todesangst der Sophie Scholl.

So überzeugt auch die Regie von Toni Burkhardt insgesamt, der die Protagonisten den engen Raum, auf dem sie spielen müssen, ganz nutzen lässt. Hans und Sophie bewegen sich aufeinander zu, voneinander weg, berühren sich flüchtig, finden Nähe zueinander, aber haben auch große Distanz, sind ganz in ihren eigenen Welten versunken. Dabei werden sie beide auch immer wieder von Erinnerungen heimgesucht, von Halluzinationen, die sie zusammenkrümmen, verzweifelt, fast autoaggressiv werden lassen. Es sind Monologe von großer Intensität, wenn wir von Hans etwa hören: „Ich werde meine Träume nicht mehr los,/ das Stöhnen der Gequälten, die Seufzer der Verlassenen/ und Schreien, Schreien, tausendfaches Schreien.“

Es gibt in der Darstellung dieser Gefangenschaft kein Außen mehr – das hat Zimmermann selbst so gesehen – es ist die Musik, die das Außen bildet und auf die die beiden Protagonisten reagieren. Sie bildet bedrohliches Gemurmel ab, Schreie, militärische Aufmärsche, aber zitiert auch die religiösen Hoffnungen Sophies. Die 15 neben der Bühne positionierten Musiker werden von Martin Schellhaas dirigiert – zwei von ihnen wirkten schon bei der Inszenierung der Weißen Rose in Schwerin vor über 30 Jahren mit. So reflektiert das Schweriner Theater auch noch einmal eine eigene historisch gewordene Verbindung zu diesem Stück.

Besonders berührend ist der Schluss der Oper, wenn Sophie und Hans an die Nachwelt appellieren. „Freiheit“ schreibt Hans mit letzter Kraft an die Wände seiner Zelle, ein Wort, das angesichts seiner absoluten Unfreiheit wie ein Mene-Tekel wirkt.

Der Schluss der Oper ist der einzige Moment, wo die sonst ganz in ihre eigenen inneren Bilder versunkenen Geschwister wieder zu einer gemeinsamen Sprache finden, wo ihre Worte wieder kämpferische Klarheit gewinnen: „Nicht schweigen, nicht mehr schweigen“, lautet der große Appell, mit dem sie direkt ins Publikum blicken. Nicht schweigen – und vor allem auch nicht das Falsche bezeugen, nicht dem gesellschaftlich Falschen aufsitzen, nicht den Ideologen glauben, nicht diese Sprache annehmen, nicht ihrem Denken verfallen: „Sag nicht, es ist fürs Vaterland! Verlängert diesen Wahnsinn nicht!“

In Schwerin, das hat man an den begeisterten Zuschauerreaktionen in der Premiere gemerkt, hat niemanden unberührt gelassen, was er dort hörte und sah. Hoffen wir, dass nicht nur die Menschen, die eine solche Oper ohnehin in ihrer Sicht bestätigen kann, den Weg zu ihr finden werden, sondern dass sie auch die Menschen erreicht und berührt, die auch heute anfällig für die falschen Töne sind. Noch immer braucht die Wahrheit Zeugen, um nicht endgültig begraben zu sein (5. 12. 2019/ Fotos oben Silke Winkler) . Miriam N. Reinhard