Frère Osborn

 

Bekannt vor allem durch den erheiternden Film mit Stan Laurel und Oliver Hardy aus dem Jahre 1933, war die komische Oper von Auber Fra Diavolo fast ein Jahrhundert früher im Jahre 1830 in Paris uraufgeführt worden. In Wahrheit sind die Unterschiede zwischen Oper und Film nicht gravierend: nur zu Beginn die eine oder andere kleine Variation, um die Anwesenheit der beiden Komiker zu motivieren, die dann vom Protagonisten, dem Räuber Fra Diavolo, in den Film integriert werden. Das Werk wird in Italien sehr selten aufgeführt, obwohl die Handlung in Terracina spielt (eine Ortschaft am Meer im Süden von Rom, die offensichtlich im Selbstverständnis der damaligen Zeit eine Gegend voller Rebellen und Bösewichter war), und  die am Teatro dell’Opera von Rom aufgeführte Inszenierung bezieht sich auf den Film: nicht nur auf das unwiderstehlich komische Paar Laurel-Hardy, sondern auch auf viele andere Filme, die in die Reihe der sogenannten „commedia all’italiana“ gehören, die häufig in Bildern zitiert werden.

„Fra Diavolo“ an der Opera di Roma/ Szene/ Ausschnitt/ Foto Opera di Roma

Der Regisseur Giorgio Barberio Corsetti, der bereits vor Jahren mit Rossinis  La Pietra di Paragone gezeigt hatte, wie man einen intelligenten Gebrauch von den  Multimedia machen kann, experimentiert auch in diesem Fall mit neuen Technologien: um die Szenen zu realisieren (in Zusammenarbeit mit Massimo Troncanetti) bedient er sich Ausdrucken in 3D, indem er ein biologisch abbaubares Material benutzt, das aus Mais gewonnen wurde. Abgesehen davon, dass diese Wahl ökologisch vertretbar ist, ist das Ergebnis eindrucksvoll, weil die Verbindung mit den Videobildern zu wirklich geistreichen Ergebnissen führt: von dem roten Fesselballon, der plötzlich entsteht über die Kunststücke der Carabinieri bis zu den zu den Pistolen, die, wenn sie abgedrückt werden, den Schriftzug „baang“ entstehen lassen, genau wie in den Comics. So werden die zahlreichen komischen Einfälle verstärkt, während die drei Akte  in einem geradezu überschäumenden Rhythmus vorbeiziehen: das Ideale, sei es für das hektische Voranschreiten des Librettos, sei es für  die stilistisch  heterogene Musik von Auber.

In der römischen Aufführung wurde die französische Fassung gegeben, wenn auch mit einigen Abänderungen: die sichtbarste Umwandlung  war die der gesprochenen Dialoge in Rezitative mit Begleitung, die von der italienischen Fassung stammen und dann ins Französische übertragen wurden. Die einzigartige Mischung funktioniert, dank auch Rory Macdonalds am Dirigentenpult, dem es gelingt, das Orchester der römischen Oper gut klingen zu lassen, auch wenn manchmal das Risiko eines leicht mechanischen Musizierens entsteht. Dem jungen Dirigenten gebührt vor allem das Verdienst, die  Unbekümmertheit der Musik Aubers im Mischen verschiedener Stile hervorzuheben, auch wenn man Rossini gegenüber die größte Schuld abtragen müsste, angefangen  vom einleitenden Trommelwirbel der großen Trommel , die direkt aus der Ouvertüre zur Gazza Ladra zu stammen scheint.

In der Rolle des Frau Diavolo, des Räubers, der sich als Marchese ausgibt, um die Reichen, die er ausrauben will, leichter zu täuschen, zeigt der Tenor John Osborn eine exemplarische Gesangslinie: für eine Stimme, die immer schön timbriert bleibt, auch wenn sie leise wird, und für ein „falsettone rinforzato“als Erbe einer Tradition aus dem 19. Jahrhundert, aber sensibel der Gegenwart angepasst. Er ist gleichermaßen als Darsteller effizient und gerade weil er ganz sicher in der Kontrolle seiner vokalen Mittel ist, ist es ihm möglich, eine völlig unwiderstehliche spitzbübische und leichtfertige Figur darzustellen. Sein Protagonist wächst weit über das Stereotyp eines Räubers hinaus: mit Osborn ist der Monolog, mit dem der dritte Akt beginnt, nicht nur die übliche Gelegenheit für einen Ausbruch von Bravour, sondern er verwandelt sich in ein Beispiel für großes Theater. Wenn Fra Diavolo eine Oper für Tenor ist, müsste der Sopran sich doch mit ihm zu messen versuchen, während die ansehnliche Anna Maria Sarra sich damit begnügt, eine korrekte Zerlina zu geben: leider sang sie die berühmte Arie „Or son sola, fin respiro“ ( eingespielt von den großen Virtuosinnen) nicht, sondern die weniger anspruchsvolle in der französischen Fassung.

Ingrid Wanja übersetzt tapfer und unverzagt aus dem Italienischen für uns – Danke Ingrid!

Das englische Aristokratenpaar wurde von der Lady der Sonia Ganassi, eine herausgeputzte Blondine in der Mode der Sechziger mit etwas irritierter Stimme, aber höchst geistreich im Spiel gebildet und von Roberto Di Candida, hingegen ein Milord mit einigen Problemen in der französischen Aussprache und im Gesang.  Der zweite Tenor war Giorgio Misseri: eine angenehme Überraschung wegen der leichten und sicheren Emission – nie dünn oder farblos – mit der er die Rolle des Carabiniere Lorenzo ausfüllte.  Tüchtig die Comprimari: der solide Bass Alessio Verna, dem es gelingt, dem Wirt Matteo Substanz zu verleihen, und die beiden Komplizen des Briganten, Jean Luc Ballestra und Nicola Pamio, als Giacomo und Beppo, das sind di beiden Rollen, die im Film von Laurel und Hardy verkörpert wurden. Einen geistreichen Beitrag lieferte auch die Choreographie von Roberto Zappalà. Wenig zählt es, wenn das Finale verändert wird: ehrlich gesagt ist es keine exzessive Willkür, den Protagonisten zu töten (er müsste hingegen festgenommen werden), sondern eine Art zu betonen, dass eine Epoche tatsächlich zu Ende gegangen ist und damit eine besondere Art von Personen – Fra Diavolo ist wirklich ausgestorben – ist für immer verschwunden (Foto oben: „Fra Diavolo“/ Szene/ Ausschnitt/ Foto Opera di Roma). Giulia Vannoni/ Übersetzung Ingrid Wanja