Frau am Meer

 

Dem Kanon der rätselhaften Wesen von Wassernixen, Sirenen, Meerjungfrauen und Loreleien, verewigt in Opern wie Undine, Melusine und Rusalka, fügen der Komponist Detlev Glanert und sein Librettist Hans-Ulrich Treichel mit Oceane ein weiteres Werk hinzu. Basierend auf Fragment zu Fontanes Novelle Oceane von Parceval erlebte es am 28. 4. 2019 seine euphorisch aufgenommene Uraufführung. Regisseur und Bühnenbildner Robert Carsen gelang eine atmosphärische Inszenierung, die im zweiten Teil an Spannung noch gewann. Von bestechender Ästhetik ist die Bühne (Mitarbeit: Luis F. Carvalho), fast nur in Grau-Tönen, mit raffinierten Silhouetten-Effekten und oft an Schwarz/Weiß-Filme erinnernd. Projektionen im Hintergrund von Robert Pflanz wechseln zwischen aufgewühlten Meereswellen und dräuenden Himmelsstimmungen. Die Kostüme von Dorothea Katzer passen sich in den grauen, schwarzen und weißen Farbtönen dem Konzept an und zeigen die Mode des beginnenden 20. Jahrhunderts vor Ausbruch des 1.Weltkrieges. Schauplatz ist die Terrasse eines Ostseebad-Hotels, wo die Besitzerin Madame Louise von alten Zeiten in Paris träumt und hofft, das dringend nötige Geld für die Renovierung des Unternehmens aufzutreiben. Doris Soffel in eleganter schwarzer Seidenrobe gibt sie mit reifem, strengem Mezzo und mondäner Allüre. Eindringlich gestaltet sie die existentielle Situation der Frau angesichts des drohenden finanziellen Ruins. Ein Sommerball wird vorbereitet, dessen mit Spannung erwarteter Gast Oceane ist – eine Fremde, die in silbern glitzerndem Kleid mit ihrer Gesellschafterin Kristina erscheint. Nicole Haslett zeichnet diese als neckisch-kindisches Wesen und singt sie in der Nachfolge einer Fiakermili mit spitzen Soubrettentönen. Unter den Gästen sind auch der junge Gutsbesitzer Martin von Dircksen und sein Freund Albert Felgentreu. Ersterer ist fasziniert von Oceanas Erscheinung, ihrer geheimnisvollen Aura und bezwingenden Schönheit. Sie aber ist eine Fremde in dieser von Männern dominierten Welt, sprengt die Gesetze der Ballgesellschaft, wenn sie sich mit Martin in einen wilden, anzüglichen Tanz stürzt, der bis zur Ekstase führt, und die bestehende Ordnung verletzt. Er gesteht ihr seine Liebe, versucht sie gewaltsam zu küssen. Oceanes fremdartiges Empfinden offenbart sich in dem Moment, als der Leichnam eines ertrunkenen Fischers gefunden wird und sie keinerlei Mitgefühl zeigt. Auch der Kuss, den sie Martin gibt, löst in ihr keinerlei Empfindungen aus. Von der Gesellschaft wird sie gemieden und verachtet, auch als Martin seine Verlobung mit ihr bekannt gibt. Am Ende steht er allein am Strand und liest ihren Abschiedsbrief. Sie ist zurückgegangen ins Meer.

„Frau am Meer“: Detlef Glanerts Oper „Oceane“ an der Deutschen Oper Berlin/ Szene aus der Uraufführung mit Maria Bengtsson/ Foto oben Maria Bengtsson und Nicolai Schukoff/ beide Bernd Uhlig

Maria Bengtsson in der Titelrolle ist vokal und darstellerisch ein  Ereignis. Glanert lässt ihre Stimme zu Beginn bei geschlossenem Vorhang a cappella in schwebenden Vokalisen  ertönen. Der Chor der Deutschen Oper Berlin (Einstudierung: Jeremy Bines) mischt sich als anschwellende Stimme des Meeres in diese Klänge, gibt später die Sommergäste des Hotels, die schockiert sind von Oceanes provozierendem Wesen, die selbstbewusste, unangepasste  Fremde bedrohlich einkreisen. Der Komponist stattete die exponiert notierte Titelpartie mit einer reichen musikalischen Palette aus – in den Ausbrüchen von aggressiver Dramatik, in den Begegnungen mit Martin von zarter Verletzlichkeit, was zuweilen an Debussys Mélisande erinnert, in den lyrisch-kantablen Momenten zwischen Salome und Arabella. Die schwedische Sopranistin bewältigt die enormen Herausforderungen bewundernswert souverän. Die Stimme flirrt und leuchtet, muss freilich auch alle Reserven mobilisieren, um sich gegen Glanerts aufgetürmte Klangblöcke zu behaupten.  Betörend erklingt sie am Ende aus dem Off, wenn Martin Oceanes Abschiedsbrief liest, dessen Text sie in herrlichen Bögen singt. Nikolai Schukoff lässt einen zupackenden, energischen Tenor hören, der nur in der hohen Lage an Grenzen stößt. Mit markantem Bariton gibt Christoph Pohl den Albert; Albert Pesendorfer ist der eifernde, fanatische Pastor mit dröhnendem Bass.

Donald Runnicles verhilft dem Werk mit dem Orchester der Deutschen Oper zum  sensationellen Erfolg. In den aufgewühlt stürmischen und mit gigantischem Schlagwerk besetzten Zwischenspielen führt er die Phonstärke bis zu tumultösen Clustern, kontrastiert diese Exzesse mit geheimnisvoll raunenden Glissandi, klagenden Seufzern des Orchesters und ausgelassenen Tänzen von der schottischen Polka bis zum Galopp und Walzer. Mit diesem Sommerstück für Musik (so der Untertitel des Werkes) ist dem Haus ein würdiger Beitrag zum Fontane-Jubiläumsjahr gelungen. Bernd Hoppe

 

 

Detlef Glanerts Oper „Oceane“ an der Deutschen Oper Berlin/ Szene aus der Uraufführung mit Doris Soffel und Nicolai Schukoff/ Foto Bernd Uhlig/ Schukoff

Und weil die Begeisterung allenthalben so groß ist -. hier noch eine zweite Kritik (von Ingrid Wanja): Nur ein einziges Mal gab es Unmutsäußerungen bei der Uraufführung von Detlev Glanerts neuer Oper Oceane an der Deutschen Oper Berlin, als sich nach nicht enden wollendem Beifall der Vorhang senkte, sich aber angesichts des ungebrochenen Willens des Publikums, seine Begeisterung zu bekunden, sofort wieder hob. Gleichermaßen Chor wie Orchester nebst ihren Dirigenten, Solisten wie Regisseur, Bühnenbildner und Kostümbildnerin wie, ganz besonders natürlich, Librettist und Komponist wurden gefeiert, so dass die DO nach der herzlichen Aufnahme von Zemlinskys Der Zwerg erneut einen und dazu noch größeren Erfolg verbuchen konnte.

Wohl nie träumen lassen hat es sich Theodor Fontane, dass einmal eine seiner Heldinnen, die so unheldisch oder doch in einem neuen Sinn heldenhaft sind, den Weg auf die Opernbühne finden würde. Ob Corinna oder Stine, Lene oder Effi, ihr Heldentum besteht nicht im Kampf für ihre Liebe gegen Väter, Priester, die Verhältnisse, sondern im Sichschicken ins zu ihrer Zeit Unvermeidliche, im Verzicht, im Sicheinrichten in der Gesellschaft, wie sie nun einmal ist, und wenn sie, selten genug,  sterben, was ein gängiges Schicksal von Opernheldinnen ist, dann siechen sie still dahin, und es wird nicht viel Aufhebens von ihrem Tod gemacht. Oceane hingegen ist eine tragische Melusinenfigur, der der Zugang zur menschlichen Gefühlswelt versperrt bleibt. Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass Oceane  von Parceval nie über ein zwölfseitiges Fragment hinauskam.

So wie speziell Fontane so steht generell die Gattung Roman oder Novelle einer Veroperung im Weg, da nicht der Dialog wie im Drama Singbares liefert, sondern erst aus dem Erzähltext entwickelt werden muss. Librettist Hans-Ulrich Treichel sorgt für Humorvolles, wenn gleichzeitig die Hotelbesitzerin besseren Zeiten nachtrauert, während der Verwalter den Speisezettel herunter betet, stellt dem Tenor einen wunderschönen Hymnus auf die Liebe bereit oder legt dem Bass hohle religiöse Bekenntnisse in den Mund.

Dass Oceane im Fontanejahr zur Uraufführung gekommen ist, erweist sich, wenn man die Interviews mit dem Komponisten liest, als Zufall, denn eigentlich sollte das Werk bereits 2017 auf den Spielplan kommen, die DO führte jedoch zunächst drei Einakter von Aribert Reimann urauf. Detlef Glanert bedient sich eines Riesenorchesters, ordnet jeder der Figuren ihre besonderen Instrumente, ihre besonderen musikalischen Ausdrucksweisen zu, weiß für die schöne Unbekannte sphärenhafte Klänge zu komponieren, bereits mit der Vocalise des Soprans zu Beginn eine Atmosphäre des Unwirklichen zu schaffen und bedient sich der Tänze Galopp, Walzer und Polka zur Charakterisierung des Geschehens. Donald Runnicles hielt den gewaltigen Apparat nicht nur zusammen, sondern achtete auch auf die Belange der Sänger und arbeitete die Gegensätze zwischen den auch musikalisch sich unterschiedlicher Mittel bedienenden Welten heraus.

„Ein Sommerstück für Musik in zwei Akten“ ist der Untertitel der Oper. „Oh graue Stadt am Meer“ geht dem Zuschauer beim Betrachten der Bühne von Luis F.Carvalho nicht aus dem Sinn, denn Meer, Himmel, Kostüme (Dorothea Katzer) sind grau, nur die lebensgierige Kristina darf ein weißes Krägelchen und ebensolche Manschetten tragen, während Oceanes Abendkleid wie ein silbriger, schuppenbedeckter Fischleib wirkt. Ein Fest zum Abschied von der Badesaison wird in einem renovierungsbedürftigen Hotel gefeiert, auf dem Oceane die Gesellschaft durch  ungezügeltes Tanzen gegen sich aufbringt, den jungen Unternehmer Martin von Dircksen bezaubert, der am nächsten Tag, dem Beispiel seines Freundes und Kristians folgend, nach einem Kuss Oceanes die Verlobung mit ihr verkündet. Als sie auf das Befragen durch die Gesellschaft hin schweigt, bringt sie nicht nur den Pastor, sondern auch alle anderen außer Martin gegen sich auf, wird bedroht und kehrt ins Meer zurück. Am Strand liegt ein Abschiedsbrief an den fassungslosen Martin. Von fern klingt es wie ein Abschiedsgesang.

Der 2019 Vielgeehrte: Theodor Fontane/ Wikipedia

Robert Carsen hat die Geschichte sehr einfühlsam, sehr sensibel, ganz ohne Mätzchen oder den Willen zur Provokation oder Eigenprofilierung in Szene gesetzt. So etwas widerfährt fast nur noch einem völlig unbekannten Werk. Man meint sogar, dass er milderte, wo Kapitalismuskritik und ähnliches angesagt gewesen war. So war im Vorfeld vom krachledernen Unternehmer Martin die Rede gewesen, wo nun auf der Bühne ein sensibler, um Verständnis bemühter Liebhaber zu erleben war.

Ein Glücksfall und wesentlich mitverantwortlich für den Erfolg war die Besetzung der Titelpartie mit Maria Bengtson, eine schöne junge Frau mit leuchtendem Sopran und gleichermaßen überzeugend in Gesang und Darstellung. Eine wunderbare Charakterstudie liefert Doris Soffel als Madame Luise, die ihrer Pariser Vergangenheit nachtrauert und dies mit vollmundigem, jung klingendem Mezzosopran. Mit einem nicht immer angenehm wirkenden Zwitschersopran gibt Nicole Haslett das, was man in der Operette für eine Soubrette gehalten hätte. Nikolai Schukoff straft als Martin schon allein mit seinem wunderschön gesungenen Hymnus die Behauptungen Lügen, es handle sich um eine unsympathische Figur. Mit einem so schönen Tenor empfiehlt man sich sogar für das italienische Fach. Einen markanten Bariton setzt Christoph Pohl für den Felgentreu ein. Den hohlen Predigerton des Pastors Baltzer trifft Albert Pesendorfer vorzüglich. Stephen Bronk ist die angemessene Besetzung für den Georg.

Gemeinhin verschwinden in unserer Zeit uraufgeführte Opern nach einer Aufführungsserie in der Versenkung. Bei Oceane sollte es sich für Bühnen mit entsprechendem Orchesterapparat lohnen, das Werk nachzuspielen ( 28.4.2019).  Ingrid Wanja