Flucht aus der Realität

 

„Konsequent“ lautet das letzte Wort von Jakob Lenz in Wolfgang Rihms gleichnamiger Oper, die in einer Inszenierung von Andrea Breth nach siebenjähriger Spielzeit den Abschied der Staatsoper vom Schiller Theater markiert. Die Aufführung steht im Mittelpunkt des diesjährigen Festivals INFEKTION! und entstand 2014 in Koproduktion mit der Staatsoper Stuttgart und dem Théatre de la Monnaie Brüssel. Konsequent und schonungslos ist auch Breths Inszenierung, die den Zuschauer fordert bis zum letzten Moment und ihm mit ihren drastischen Bildern den Atem stocken lässt.

Faszinierend atmosphärisch wirkt Martin Zehetgrubers Bühne mit ihrer zerklüfteten Felsenlandschaft, den Rinnsalen auf dem Boden und einem hinteren Spiegel, der das Geschehen optisch verfremdet. In diese Szenerie stürzt Lenz

(Georg  Nigl/Martin Bukovsek als Double) halbnackt (Kostüme: Eva Dessecker) von oben herab, robbt über den Boden, ist eingepfercht in einem engen Fach in einer Kastenwand, beschmiert seinen Körper mit Kot und wird von Pfarrer Oberlin und seinem früheren Freund Kaufmann am Ende in die Zwangsjacke gesteckt.

Wolfgang Rihms Oper „Jacob Lenz“ an der Berliner Staatsoper/ Szene/ Foto Bernd Uhlig

Der Komponist hat Büchners Novelle um den schizophrenen Lenz und seine Zeit in einem Elsässer Vogesental, als die geistige Umnachtung ausbrach, 1978 zu  einer Kammeroper mit elf Musikern vertont. Seine vielschichtige Musik von filigraner Struktur bis zu lärmenden Schlagwerk-Exzessen wird von der Staatskapelle Berlin unter der erfahrenen Hand von Franck Ollu, der schon die Premiere dieser Produktion in Stuttgart geleitet hatte, höchst eindringlich wiedergegeben.

Ein Glücksfall ist die Besetzung der Titelrolle mit dem österreichischen Bariton Nigl, der die Partie, welche den Wozzeck fortsetzt und im Anspruch noch übertrifft, mit kraftvoll-expressivem Bariton singt und die lyrischen Momente in liedhafter Kultur zeichnet. Die keuchenden, stammelnden, geflüsterten Laute, die Schreie im Diskant, das abrupte Umschalten in die Kopfstimme, der häufige Wechsel von gesungenen und gesprochenen Passagen – Nigls gesangliche Interpretation ist reif für einen Opera Award. Dazu kommen der totale körperliche Einsatz und die bedingungslose kreatürliche Darstellung, die zu erschütternden, erbarmungswürdigen Bildern führt. Neben ihm bleiben der Bassist Henry Waddington als Oberlin und der Tenor John Graham-Hall trotz präziser Zeichnung Randfiguren. Sechs Chorsänger formulieren die Lenz verfolgenden Stimmen.

Die Staatsoper hat mit dieser bezwingenden Produktion die auch bei der 2. Aufführung der Serie am 5. Juli 2017 enthusiastisch gefeiert wurde, für ein  würdiges Finale in diesem Theater gesorgt und damit einen hohen Maßstab gesetzt für die nächsten Abende in der neuen Lindenoper (Foto oben: Wolfgang Rihms Oper „Jacob Lenz“ an der Berliner Staatsoper/ Szene/ Foto Bernd Uhlig)Bernd Hoppe