Flotte Revue

 

Das ausgesprochen vielseitige Programm in der ersten Spielzeit des neuen GMD am Theater für Niedersachsen (TfN) Florian Ziemen (ein Interview mit ihm folgt demnächst) wurde nun durch die Operette Die Blume von Hawaii von Paul Abraham abgeschlossen, die nach der Leipziger Uraufführung 1931 schnell populär wurde. Sie hat eine typisch verwickelte Operetten-Handlung, die sich natürlich in einem Happyend auflöst – hier mit sage und schreibe vier glücklichen Paaren. Sie spielt kurz vor Beginn des 20. Jahrhunderts, nachdem die amerikanische Armee Hawaii besetzt und einen Gouverneur eingesetzt hat. Neben diesem und seinem Sekretär John Buffy sind Hauptakteure die zunächst incognito als Jazz-Sängerin auftretende hawaiianische Prinzessin Laya, der ihr seit Kinderzeiten versprochene Prinz Lilo-Taro, die schöne Insulanerin Raka, der amerikanische Kapitän Harald Stone, die kesse Gouverneursnichte Bessie Worthington sowie die beiden Jazz-Sänger Jim Boy und Susanne Provence. Es entwickelt sich ein turbulentes, temporeiches Spiel um das Finden der „wahren Liebe“, die Zukunft Hawaiis und die Freuden des mondänen Lebens in Honolulu und Monte-Carlo.

Anfang der 1920er-Jahre kam der neuartige Jazz über den Ozean nach Europa und krempelte die so genannte „leichte Muse“ völlig um. Ungekrönter König dieser letzten, wilden Operettenzeit in Berlin – die mit dem Nationalsozialismus ihr jähes Ende fand – war der ungarische Exilant Paul Abraham. Bis in die 1970er-Jahre gab es auch durch Verfilmungen geglättete, musikalisch weich gespülte Fassungen, die schließlich insgesamt als zu süßlich und seicht empfunden wurden, sodass  Operetten aus den 1920er- und 30er-Jahren aus den Spielplänen fast völlig verschwanden. Das ist in letzter Zeit anders geworden: So wurde aus Tonaufnahmen und anderen originalen Unterlagen rekonstruiert, dass Abraham eine so genannte „Zentralpartitur“ verwendete, nach der man wie improvisiert einzelne Instrumente oder Gruppen hervortreten und wieder verschwinden lassen kann. In Hildesheim gab es eine Fassung, die nach Ziemens Worten „die Flexibilität einer Zentralpartitur nachzuahmen versucht“. Man habe in einem spannenden Prozess bis in die letzten Proben hinein im Sinne dieser originalen improvisatorischen Musizierweise bestimmte Nummern mal so oder mal anders klingen lassen, um so die „richtige“ Version zu finden.

Das Ergebnis dieser Arbeit konnte sich hören lassen: Von der Ouvertüre an kam aus dem Graben ein auf Betreiben von Florian Ziemen stets vorwärtsdrängender Drive mit zwischendurch schrägen Jazz-Tönen – alles typisch für die vielschichtige Partitur Abrahams. Dieser instrumentale Schwung war für alle Akteure auf der Bühne so ansteckend, dass die vielen bekannten Songs und Duette wie eine flotte Revue serviert wurden. Das schloss sentimentale Zwischentöne nicht aus – im Gegenteil, sie gehören natürlich auch zu einer anständigen Operette. Allerdings gab es in den beiden ersten Akten manche Längen wie den merkwürdigen „Kampf“ der großen, von Choristen wie ostasiatische Drachen auf Stangen getragenen Tiere (Schlange und Bär) oder den Frauenchor, in dem Urwaldtiere, vor allem Affen, nachgeahmt werden. Die Sprechtexte im 3. Akt zur Auflösung der Konflikte und zum Finden der vier Paare waren ebenfalls reichlich langatmig. Aber sei’s drum, die Rekonstruktion und Wiederbelebung der Operette hat sich gelohnt, man hatte insgesamt auf der Bühne und im Publikum viel Spaß.

Das lag natürlich auch an der geschickten, das Tempo immer wieder forcierenden  Regie von Tamara Heimbrock und der abwechslungsreichen Choreografie von Jaume Costa I Guerrero. Bühne und Kostüme von Julie Weideli wiesen in die Entstehungszeit und huldigten dem damals aufkommenden Tonfilm, indem der erste Akt vor einem Filmpalast, der zweite in dessen großzügigem Foyer spielte.

Paul Abarahams „Blume von Hawai“ in Hildesheim/ Szene/ Foto wie auch oben Falk von Traubenberg

Eine besondere Überraschung war es, dass man die sonst der ernsten Oper zugeneigten Sängerinnen und Sängern choreografisch geradezu wirbelig erleben konnte, spürbar das Verdienst des jungen Leitungsteams. Mit klarstimmigem Sopran und charmanter Ausstrahlung begeisterte Meike Hartmann in der Doppelrolle der hawaiianischen Prinzessin Laya und der Jazzsängerin Susanne Provence als Marlene-Dietrich-Verschnitt. Ihr Prinz Lilo-Taro war der fesche Ziad Nehme, dessen Tenor leider so gar keinen Glanz verbreiten wollte (war er indisponiert?). Ungeahnten Spielwitz zeigte Uwe Tobias Hieronimi, der den Jazzsänger Jim Boy als tuntigenTravestiten gab und am Schluss im Song „Bin nur ein Jonny, zieh durch die Welt“ nachdenkliche Akzente setzte. Seine in Hawaii heimlich geehelichte Raka war mit charaktervollem Sopran Antonia Radneva.

Als dralle Bessie Worthington trat Neele Kramer auf, deren munteres Spiel, tänzerisches Talent und stimmlich ansprechendes Vermögen einmal mehr erfreute. Witzig und hellstimmig gab Aljoscha Lennert den Bessie zugetanen Gouverneurssekretär John Buffy. Peter Kubiks schön geführter Bariton gefiel ebenso wie seine Darstellung des letztlich unglücklich in die Prinzessin verliebten Kapitäns Harald Stone, der sich am Schluss allerdings mit der echten Jazzsängerin Susanne Provence  mehr als nur zufrieden gab. In kleineren Rollen ergänzten sicher Levente György, Jesper Mikkelsen, Harald Sträwe und Daniel Käsmann. Auch der Chor in der bewährten Einstudierung von Achim Falkenhausen fiel erneut durch ausgewogenen Klang und diesmal besonders durch große Spielfreude auf.

Das Publikum im ausverkauften Haus bedankte sich am 12. Mai 2018  bei allen Akteuren, auch bei den mit dem GMD auf die Bühne strömenden Orchestermusikern, mit starkem, lang anhaltendem Applaus. Gerhard Eckels