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Das war eine Premiere der besonderen Art, der schon allein durch die Tatsache, dass der Regisseur Kirill Serebrennikov seit August 2017 in Moskau unter Hausarrest steht und seine Inszenierung von Verdis Nabucco an der Hamburgischen Staatsoper nur mittels Videobotschaften realisieren konnte, mediale Aufmerksamkeit gesichert war. Die Regieanweisungen von Serebrennikov, der auch das Bühnenbild und die Kostüme entworfen hat, wurden von seinem Co-Regisseur Evgeny Kulagin und den Mitstreitern Olga Pavluk (Bühne) und Tatyana Dolmatovskaya (Kostüme) umgesetzt.

Serebrennikov verlegt die Handlung vom biblischen Babylon in den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen. Der Plenarsaal ist Schauplatz des 1. Aktes, später kommen Aibigails Büro, die Zentrale der Baal-Partei oder das Krankenlager Nabuccos hinzu. Dazwischen gibt es wiederholt eindringliche, als Intermedien bezeichnete Auftritte von syrischen Musikern: Hana Alkourbah und Abed Harsony singen, während letzter dazu an der Oud (orientalische Laute) begleitet. Diese Auftritte stehen jeweils unter einem anderen Motto: „Die Ankunft“, „Der Weg“, „Krieg“ und „Die leeren Städte“. Dazu werden an Eindringlichkeit kaum zu übertreffende Bilder von Sergey Ponomarev, dem mit dem Pulitzer-Preis für seine Berichte zur europäischen Migrationskrise ausgezeichneten russischen Fotografen, projiziert. Diese Szenen sind höchst emotional und dazu geeignet, Flüchtlinge nicht als Bedrohung zu empfinden, sondern sich ihnen mit Empathie zu nähern. In diesem Sinn ist auch die Umsetzung des berühmten Gefangenenchors zu sehen – der Staatsopernchor steht im Halbdunkel während unter der Überschrift „Das sind sie“ die Gesichter von Flüchtlingen gezeigt werden. Später kommen gut dreißig echte Flüchtlinge (als Projektchor bezeichnet) auf die Bühne, die ihrerseits, nur von der Oud begleitet, „Va, pensiero“ intonieren.

„Nabucco“ an der Hamburger Staatsoper/ Szene/ Foto wie oben Brinkhoff Mögenburg

Der Schwerpunkt dieser Inszenierung ist von der persönlichen Tragödie Nabuccos und seiner Töchter zugegeben deutlich in Richtung einer Anklage gegen das Leid der Flüchtlinge verrückt worden. Aber die Thematik des Nabucco legt dies nahe – bei welcher Oper sonst? Gleichwohl handelt es sich hier nicht um eine platte Aktualisierung. Die Machtkämpfe, die Intrigen, das Ränkespiel in Hinterzimmern, die Enthüllungsdrohungen (über Aibigails Herkunft), inszenierte Pressekonferenzen und die über Bildschirme flimmernden Nachrichtensendungen – alles ist sehr schlüssig umgesetzt worden und sorgt für einen Opernabend, der betroffen macht und zum Nachdenken anregt.

Dass bei dieser sehr ambitionierten Inszenierung die musikalische Seite nicht zu kurz kommt, ist dem Dirigat von Paolo Carignani trotz mancher extrem langsamen Tempi, dem sehr diszipliniert aufspielenden Philharmonischen Staatsorchester, dem einmal mehr grandios singenden Staatsopernchor in der Einstudierung von Eberhard Friedrich und natürlich den durchweg mitreißenden Leistungen der Solisten zu danken. Dimitri Platanias kehrt in der Titelpartie mit wuchtigem Bariton den Machmenschen deutlich heraus, zeigt aber auch in seinem Absturz einen gebrochen Charakter. Abigail wird von Oksana Dyka verkörpert. Sie ist in ihrem roten Hosenanzug eine von Ehrgeiz getriebene Intrigantin. Der rückhaltlose Einsatz ihres metallischen, kraftvollen Soprans sorgt für unglaubliche Intensität, führt aber auch zu manch grellen Tönen. Alexander Vinogradov kann als Zaccaria seine politischen Zielsetzungen glaubhaft vermitteln und singt seine Partie zudem mit rundem, klangvollem Bass. Dovlet Nurgeldiyev punktet als Ismaele mit lyrischen Tenortönen und Géraldine Chauvet erfreut als Fenena mit einer ausgesprochen schönen, samtigen Stimme. Das Premierenpublikum reagierte mit begeistertem Beifall, auch während auf der Bühne ein Transparent mit den Worten „Free Kirill“ entrollt wurde (Premiere:  10.03.2019). Wolfgang Denker