Mafioso in Seenot

 

Nach La Sonnambula 2010 und der prachtvollen Norma 2016 hat sich das Stadttheater St. Gallen erfreulicherweise erneut einer Bellini-Oper angenommen. Diesmal (am 10. Juni 2018) das Werk, das dem jungen Komponisten zum Durchbruch verhalf: Il Pirata. Eine Oper, die heute äußerst selten auf den Spielplänen steht. Die letzte und einzige Produktion, die ich je gesehen hatte, war 1992 jene in Zürich mit Mara Zampieri und Rodney Gilfrey in einer beeindruckenden Inszenierung.

So war die Freude umso größer, einerseits nach Jahren wieder einmal ins Stadttheater St. Gallen zu kommen – meine Heimat sozusagen – und dann für ein so rares Werk von Bellini. Gleich die ersten Töne lassen mich aufhorchen. Gespielt wird nicht etwa die Ouvertüre, sondern die erste Szene danach, in der die Bewohner des sizilianischen Hafenstädtchens das sich in Seenot befindliche Piratenschiff sichten und deshalb von Goffredo, dem Einsiedler, aufgefordert werden, für die Besatzung zu beten. Gebetet wird hier zwar auch, aber nicht am Hafen, sondern – à la mafiosi – in einer düsteren Halle vor einem pompösen, mit weißen Chrysanthemen belegten schwarzen Sarg. Imogene, schmerzvoll geknickt, ist unter den Trauernden. (Beleuchtung: Mariella von Vequel-Westernach) Denn sie war es – man erfährt dies allerdings erst am Schluss -, die ihren hier aufgebahrten Sohn eigenhändig umbrachte (kommt bei Bellini nicht vor!), um ihm die Verrohung zu ersparen, die er durch seinen Vater Ernesto und dessen Entourage wohl hätte durchleben müssen.

Die Entourage führt uns auch gleich zur Ausstattung (Ben Baur), die gemäß Einführung ins Italien von 1943 verweisen soll, also dem Ende des Faschismus. Politische Bedeutung hat diese zeitliche Verschiebung des Plots aber keine. Kleider (Uta Meenen), Möbel und Accessoires sind dieser Epoche geschmackvoll nachempfunden, und Ernesto, der Bösewicht – und nicht etwa die Piraten – erscheint als Mafioso mit entsprechendem Gefolge…ein etwas forcierter und für mich nicht besonders sinnstiftender Inszenierungs-Kniff (ebenso: Ben Baur). Denn er trägt nichts zu einem besseren Verständnis der Oper bei, weder für den eingefleischten Liebhaber und Kenner noch für den Zufalls- oder Spontanoperngänger.

Erst dann – nach dieser Trauerszene – wird die eigentliche Ouvertüre eingefügt, nach der der Rest der Oper dann abläuft, wie von Bellini vorgesehen. Eine für mich etwas befremdliche Manipulation, eine Unsitte gar, die hoffentlich nicht Schule macht, da sie schlicht nicht der Intention des Komponisten entspricht. Wir gehen schließlich auch nicht hin und übermalen das Auge eines Picasso-Porträts, nur weil wir es an einer anderen Stelle haben möchten…

Noch gravierender fand ich aber die (nicht nur politisch) völlig sinnfreie Transposition dieses hochromantischen Stoffs in den zweiten Weltkrieg (einmal mehr…) Die wunderbare Musik konnte ich einfach nicht in Deckung bringen mit dem, was ich auf der Bühne sah, eine Diskrepanz, die unangenehm ablenkte und mir den uneingeschränkten musikalischen Genuss verstellte. Ein Effekt, den ich bei heutigen («zeitgemässen») Inszenierungen immer wieder verspüre.

Dabei war von der Interpretation – zwar nicht ausschließlich – doch Gutes zu vermerken. Das Orchester unter dem Dirigat von Pietro Rizzo intonierte sauber und war in den dramatischen Passagen ein ebenso präsenter Begleiter wie in den lyrischen ein einfühlsamer. Kein aufregendes Spiel, aber zuverlässig und solide. Ebenso anständig agierte der gut einstudierte Chor.

Bei den Protagonisten hat mir niemand wirkliche Gänsehaut beschert, auch nicht die im Libanon geborene Kanadierin Joyce El-Khoury als Imogene, die ich bisher nur von zwei Opera Rara-Aufnahmen (Les Martyrs und Belisario) kenne und in die ich einige Erwartung gesetzt hatte. Ihr Organ schien mir trocken-spröd und immer wieder säuerlich, mit einer gewissen Schärfe in den (forcierten) Höhen. Gefallen hat sie mir – mittlerweile offenbar eingesungen – erst in der wichtigen und großartigen, die Oper beschließenden Wahnsinns-Szene, wo sie mit großer Differenziertheit und Geschmeidigkeit in Dynamik und Koloratur dem geneigten Zuhörer ein fulminantes Ende des Abends bescherte.

Bellini: „Il Pirata“ am Theater St. Gallen/ Szene/ Foto wie auch oben Iko Freese / drama/ Theater St. Gallen

Der sardische Bariton Marco Caria als Ernesto bewältigte die ganze Aufführung solide, kommt aber nie über das ordentliche Handwerk hinaus. Dabei war ihm freilich auch seine eher blasse Stimme keine wirkliche Hilfe.

Durch die ganze Vorstellung hindurch am nuanciertesten von allen zeigte sich die Interpretation des Gualtiero durch den philippinischen Tenor Arthur Espiritu. Mit seiner agilen Stimme versprühte er unter gekonntem Einsatz differenzierter Dynamiken Eleganz und Geschmeidigkeit und wurde Bellini damit vollauf gerecht. Die kleineren Partien (Riccardo Botta, Martin Summer und Tatjana Schneider) waren alle ordentlich besetzt. Fazit: durchzogen, aber dennoch sehens- bzw. hörenswert.

Es muss dem Stadttheater St. Gallen hoch angerechnet werden, eine Perle des Belcanto auf die Bühne gebracht zu haben, die sonst kaum gegeben wird. Bühne und Regie haben mich leider enttäuscht, da sie meiner Meinung nach eher gegen das Werk und die prachtvolle Musik gearbeitet haben, als uns ein harmonisches Ganzes zu offerieren. Davon konnten auch der gut disponierte Chor und die mit wechselndem Geschick agierenden Protagonisten zu wenig ablenken, obschon wir mit der Darbietung der breit angelegten Wahnsinnsszene immerhin ein großartiges Schlussbouquet mit auf den Heimweg bekamen. Mario Peter