Fabelhaft

 

Musikalische Veranstaltungen gibt es wie in jedem Jahr auch in diesem Sommer überreich, klassische dazu ebenfalls. Jede  Bodenmulde scheint dafür geeignet, jede Scheune umfunktioniert. Mücken und Gelsen haben ein Fest.  Aber eine Veranstaltung wie die NDR-Produktion des Rigoletto im Hannoverschen Maschpark war denn doch etwas Besonderes (am 22. Juli 2017), als bei lauem und trockenem (!!!)  Sommerwetter sich Oper für viele erschloss, die vielleicht nicht in erster Linie Stammgäste des Opernhauses Hannover sind und die die große Chance (und das Vergnügen) hatten, einen künstlerisch wie optisch erstklassigen Abend zu erleben. Das fing mit der kühlen, ästhetischen Optik der Moderne an – wenige elegante, weiße Möbel auf schwarz-weißen Fliesen  im vorderen Teil des rundabgedeckten Pavillons und dazu dto. fashionable Gegenwartskostüme. Das führte sich mit der leichten, absolut natürlich wirkenden Regie von Michael Valentin fort, der das Ganze höchst plausibel wie eine Gartenparty präsentierte, seine Sänger außerordentlich motiviert spielen ließ und das Drama für geübte wie neue Augen absolut verständlich herüber brachte: ein älterer Mann im Glitzerjackett, ein fieser, smarter Dandy, die bezaubernde, unschuldige junge Frau, der abgefahrene Hof der Schranzen, ein tougher Macker mit einer Bar und einem düsteren Nebengeschäft und schließlich seine Schwester im Unterhaltungsbetrieb. Super. Das war spannend, das riss mit, das ging unter die Haut. Kaum je hat mich ein Rigoletto so erreicht, open-air zumal.

„Rigoletto“ in der NDR-Veranstaltung im Maschpark von Hannover/ Szene mit Stephen Costello und  Ania Vegry / website NDR

Musikalisch war´s ein Fest. Keri-Lynn Wilson, mit flotter Pferdeschwanz-Frisur, dirigiert mitreißend, packend, voller Drive und auch mit Gefühl für die intimen Momente. Die NDR-Radiophilharmonie  zeigte sich von ihrer besten Seite, nicht nur bei den sinnlichen Streichern, sondern vor allem bei den Bläsern. Und das sonst so überbekannte Rumtata Verdis wurde hier zum Spannungselement, zum Handlungsmotor. Gesungen wurde ebenfalls auf sehr hohem Niveau. Auch wenn Ludovic Tézier vielleicht nicht die ideale Verdi-.Stimme hat  (ein wenig Fülle und das berühmte Korn fehlen möglicher Weise), so war er umwerfend, bestens disponiert, von herausragender Stimmführung, nie nachlassend, hochpersönlich, auch balsamisch, dann wieder heroisch-auftrumpfend – was für eine tolle Leistung, namentlich im anrührenden Spiel. Stephen Costello gab den fiesen Duca mit Aplomb, sehr konzentriert, italienisch im Ton, super. Und die Gilda von Nadine Serra ließ das Herz höher schlagen. Sie brauchte einen Moment Anlauf,  bezauberte mit ihrer entzückenden Erscheinung und vor allem mit ihrer bestens geführten, sehr hellen Sopranstimme, die im Lauf des Abends mehr und mehr Fahrt aufnahm. Bewegend ihr Solo auf der weißen Bank, Spitzennoten im Liegen singend, aber auch ihr ebenso anrührende große Palast-Szene mit Rigoletto, wo das Duett Tränen in die Augen trieb. Die Nebenrollen überraschten in ihrer hohen Qualität.

Verdis „Rigoletto“ im Maschpark von Hannover/ Szene mit Ludovic Tézier/ NDR-website

Franz Hawlata gab den Haudegen Sparafucile und kompensierte kleine Einbußen an Material mit prachtvoller Darstellung – sein Barmixer im letzten Bild war unerreicht. Seine „Schwester“ Varduhi Abrahamyan überraschte mit sinnlichem Alt: was für eine tolle Stimme (und schöne Beine). Yajie Zhang gab vollmundig die Giovanna. Martin-Jan Nijhof blieb als Monterone eine Spur zu hell, machte aber einen attraktiven Job. Dazu kamen Daniel Eggert, Ania Vegry,  Matthias Winckler (Monterone) und ein kleiner Herrenchor – auch diese hervorragend solistisch wie in Gruppe. Klingt das Ganze nach einer Hymne? War´s der Sekt? Die laue Luft? Ich denke, dies war einer der überzeugendsten Abend von „Kunst für alle“, den ich erlebt habe. Unkompliziert, toll präsentiert und zudem musikalisch wirklich überragend – das erlebt man im Opernhaus selten! Bravo NDR! Bitte wieder eine Oper im nächsten Jahr (Foto oben: „Rigoletto“ in der NDR-Veranstaltung im Maschpark von Hannover/ Szene mit Ludivic Tézier und Nadine Serra/ website NDR). Stefan Lauter