Es muss nicht immer „Tosca“ sein

 

Es muss nicht immer Tosca sein – das ließ sich aus den vielen zufriedenen Gesichtern und Foyerkommentaren bei Il Trittico im trotz eisigen Außentemperaturen randvollen Teatro Municipale di Piacenza schließen (Die Verbund-Produktion wird/wurde auch in Modena, Reggio Emilia und Ferrara gezeigt). „Ah“s und „Oh“s, als sich der Vorhang für Il Tabarro hob; Bühnenbildner Giacomo Andrico hat Micheles Lastkahn unter einer Seinebrücke vertäut, links im Hintergrund, über der Promenade, ist noch etwas (zu Beginn goldener) Abendhimmel zu sehen – ein zugleich schönes und die Beengtheit der Verhältnisse greifbar machendes Bild. Regisseurin Cristina Pezzoli belebt es mit plastischen Charakteren (und erfreulich wenig Rampensingen). In diesem ersten Einakter gibt es einige unbeholfen wirkende Momente, das sehr angedeutete Entladen des Kahns oder besonders die Erwürgung Luigis, für die Michele nur eine Hand braucht – aber der gute Eindruck überwiegt. Die Hauptrollen sind aber auch mit einem Trio der Spitzenklasse besetzt. Anna Pirozzi ist eine lodernde Giorgetta, würdige Gegenspielerin Micheles, mit durchschlagskräftigem, strahlendem Sopran, mit dem sie die großen Aufschwünge, aber auch die leisen Töne und Bemerkungen auskostet. Hin und wieder klirrt’s in expressiven Extremen etwas, aber kein Grund zur Beunruhigung. Die Szene, wo das Ehepaar auf das heikle Thema seines verstorbenen Kindes zu sprechen kommt, erhält in der Inszenierung und Interpretation das gebührende Gewicht und lässt erkennen, dass Giorgetta nicht nur Abscheu vor Michele empfindet, sondern dass die Geschichte länger und komplexer ist. Denn der steht ihr an nuanciertem Rollenportrait nicht nach – Ambrogio Maestri, jeder Zoll düstere Respektsperson, vermag in seiner Nachsicht dem Trinker Tinca gegenüber zu vermitteln, dass er nicht immer ein harter, verschlossener Mann (gewesen) ist. Er singt die Partie magistral und mit Biss, kein Wort und kein Ton sind nebensächlich, und sein substanzreicher, souverän geführter Bariton fließt in allen Lagen ebenmäßig. Schade, dass ausgerechnet der fulminant gesungene Monolog reichlich statuarisch inszeniert ist, da könnte der grandiose Schauspieler Maestri noch größere Wirkung erzielen. Der Dritte im Bunde ist Rubens Pelizzari als feuriger, sympathischer Luigi, der die kurze, aber heftige Rolle mit hellem, heldischem Tenor auf markantem baritonalem Fundament großzügig singen kann, ohne Reserven antasten zu müssen. Er phrasiert schön und ist wie Pirozzi und Maestri ausgezeichnet zu verstehen. Das gilt übrigens fürs ganze fast rein muttersprachliche Ensemble: Ich habe lange nicht mehr so selten zu den Übertiteln gelinst. Das italienische Publikum nimmt das befriedigt, aber auch als Selbstverständlichkeit zur Kenntnis…

Auch Matteo Desole als Tinca erfreut mit seiner jungen, noch etwas helleren und gut projizierten Stimme und für die Charakterpartie fast schon zu schöner Linie – ein Versprechen für seinen Rinuccio im Schicchi, das er vollauf einlöst. Sowohl er als auch der erzene Francesco Milanese als Talpa tragen wohl aus praktischen Gründen schon die skurrilen Haartrachten ihrer Schicchi-Figuren, Talpa langen grauen Bart und ebensolche Haare, Tinca einen feuerroten Benny-Hill-Schopf, was in den ansonsten alltäglichen Kostümen des Tabarro von Gianluca Falaschi seltsam wirkt. Roberto Carli, Mariia Komarova und Azusa Kinashi legen in den Episodenröllchen (Liebespaar, Canzonetteverkäufer, Stimmen aus dem Off) Ehre für den Chor ein. Die skurrile Frugola mit Bewegungsdrang ist Anna Maria Chiuri mit wendigem Mezzo samt sicherer Höhe. Ihr Timbre passt hier ganz gut, obwohl mir persönlich die (durchaus beeindruckende und sicher geführte) Stimme immer zu schneidend scharf und guttural war.

Für die Zia Principessa in Suor Angelica  geht es aber für mein Ohr nicht, wo ihr z.B. die ordentlich geforderte Tiefe noch weiter in Hals rutscht und seltsam grell in der Farbe bleibt („Di penitenza“ hätte Ethel Merman nicht viel anders gesungen.). Immerhin spielt sie die fürstliche Tante imposant hieratisch und berechnend. Das Kostüm könnte jenes der Prinzessin Drahomiroff aus „Mord im Orientexpress“ sein. Frösteln lässt einen, wie im Nachspiel der Principessa-Szene noch ihr Stock auf der Treppe zu hören ist.  Das Drama im Nonnenkloster ist schlicht und stringent inszeniert, die Minirollen der ersten Hälfte klar charakterisiert und (größtenteils von Mitgliedern des Coro della Fondazione Teatro Comunale di Modena: Grazia Gira [Badessa], Laura de Marchi [Zelatrice], Matilde Lazzaroni [Maestra delle novizie], Patrizia Negrini, Alice Molinari, Lucia Paffi, Stella Sestito, Silvia Tiraferri, Azusa Kinashi, Maria Sandra Quintero Pacheco, Miriam Gorgoglione, Maria Chiara Pizzoli, Daniela Cavicchini, Chorleitung Stefano Colò, ferner Patrizia Santucci [Genovieffa] und Giulia De Blasis [prima conversa]) auch gut gesungen. Die gotische Halle mit den fahrbaren Säulen, Brunnen, Apothekerschränkchen und Gittern ist eindrücklich, auch wenn sie eher zu einer Kathedrale als zu einem Nonnenkloster und der von Angelica besungenen chiesetta passen mag. Anna Pirozzi hat als Angelica nichts mehr mit Giorgetta zu tun, man muss zweimal hinschauen, um sie in der gradlinigen, berührenden Frau wiederzuerkennen, die auch im intensiv gesungenen „Senza mamma“ weder rührselig noch divenhaft bitter wird und es mit einem letzten amor in todtraurigem Piano krönt. Und die Reserven, die sie danach (und nach dem Tabarro) für die verzweifelten letzten zehn Minuten noch zur Verfügung hat, lassen einem den Atem stocken.

„Il Trittico“/ „Gianni Schicchi“ in Piacenza/ Szene/Foto ©Rolando Paolo Guerzoni

Überraschung nach der zweiten Pause: Die gotische Halle ist noch da, und sie ist durch eine zweite Reihe Chorgestühl und eine Art Riesentabernakel, das Buoso Donatis Bett enthält, zu einer gotischen Schauervilla à la Tim Burton (der im Programmheft explizit als Inspiration genannt wird) ergänzt worden. Die habgierigen Verwandten sehen denn auch aus wie Bewohner von Alices Wunderland in Burtons Filmen, skurril-amüsant anzuschauen. Feinere Mimik verliert sich in den markanten Frisuren und Make-ups, aber sie sind als Typen köstlich gezeichnet und wuslig geführt. Hier kommt Anna Maria Chiuri als dominierende Zita wieder szenisch wie stimmlich bestens zur Geltung. Ambrogio Maestri ist als Gianni Schicchi natürlich erst recht in seinem Element – was für eine Diktion, dabei vollmundig und hochmusikalisch ausgesungen, voll der Pfiffigkeit, aber auch der vom herablassenden Donati-Clan beleidigten Würde des erfolgreichen Zugewanderten. „O mio babbino caro“ wird zu einem Duett zwischen dem exquisiten Gesang Laurettas und der dito Mimik ihres Vaters. Francesca Tassinari ist auch szenisch patent, ohne besonders präsent zu sein (was aber auch wieder an der knalligen Ausstaffierung liegen kann), Matteo Desole wie gesagt ein jugendlich gewitzter Rinuccio mit Schmelz. Die Familie ist durchwegs rollendeckend besetzt, prächtig die tiefen Stimmen von Francesco Milanese (Simone im Rollstuhl), Valdis Jansons (Betto aus Signa), Felipe Oliveira (Marco), klangvoll auch Giovanni Castagliuolo (Gherardo), Giulia De Blasis (Nella) und Alice Molinari (La Ciesca), rollendeckend Gianluca Monti (Spinelloccio), die Zeugen Romano Franci und Stefano Cescatti und mit halsigem, aber kräftigem, das pompöse Notarsgehabe unterstreichendem Bass Alessandro Busi (Ser Amantio).

Aldo Sisillo dirigerte sensibel, die oft kühne Harmonik und Orchestration weder speziell betonend noch übertünchend, und erzielte so große Bögen und permanente handlungsfördernde Spannung. Er verstand es auch, mit dem Orchestra Regionale dell’Emilia-Romagna satten und funkelnden Klangrausch zu produzieren, dabei genau wissend, wie weit er gehen konnte, ohne Sänger zu überdecken.

„Wer braucht schon die Scala?“ sagte die ältere Dame hinter mir nach dem Schlussapplaus befriedigt zu ihrer Nachbarin. Und ich dachte mir dann: Einigen wir uns angesichts der scalawürdigen Besetzung darauf, dass wir zweifellos beides brauchen, die Scala und die anderen Häuser (Foto oben: „Il Trittico“/ „Il Tabarro“ in Piacenza/ Szene/Foto ©Rolando Paolo Guerzoni)? Samuel Zinsli