Erstaufführungen

 

 

Im Herzen der Romagna, wenige Kilometer von Ravenna und vom adriatischen Meer entfernt, liegt Lugo, wo sich eines der schönsten Theater von Italien befindet und von dem Rossini der Namensgeber ist, der dazu gewählt wurde, weil der Vater des Komponisten hier geboren wurde und weil – wenn auch nur für kurze Zeit – die Familie dahin mit dem kleinen Gioachino zurückkehrte, um hier zu wohnen. Seit einigen Jahren findet in Lugo das Festival  Purtimiro statt (wie der berühmte Vers aus L’incoronazione di Poppea), dessen künstlerischer Direktor Rinaldo Alessandrini ist. Auf dem reichen Spielplan der Saison, die gerade zu Ende ging, finden sich einige interessante Erstaufführungen in moderner Zeit.

Im Verlauf einer Abendvorstellung sind immerhin die Intermezzi Fidalba e Artabano, ungefähr um 1830 herum vom Bologneser Giovanni Adalberto Ristori komponiert (der Autor des Librettos ist unbekannt), zusammen mit Serpilla e Bacocco, ovvero Il marito giocatore e la moglie bacchettona von Giuseppe Maria Orlandini auf das Libretto von Antonio Salvi (Venedig 1718) aufgeführt worden. Im Mittelpunkt der kleinen Oper von Ristori, in moderner Form zum ersten Mal aufgeführt, sind die Liebesgeplänkel zwischen zwei Personen – der eitlen Fidalba, die einen reichen Bräutigam finden möchte, und dem  naiven Artabano, der in sie verliebt ist -, die zu nichts führen: Der Bassbuffo ist davon überzeugt, dass  das junge Mädchen seine Werbung akzeptieren müsse, während der Sopran sein totales Desinteresse an ihm wiederholt bekundet.  Also das Beispiel eines „offenen Endes“ und damit sehr modern. In dem zweiten Operchen, das auf jeden Fall musikalisch gehaltvoller ist, scheinen die Spielchen scheinbar durchschaubarer zu sein, mit einem Epilog, der die Versöhnung der beiden Protagonisten zeigt, auch wenn deren Dauer schwer einzuschätzen ist. Serpilla, die verzweifelt darüber ist, dass der Ehemann ihren ganzen Besitz aufs Spiel setzt, entschließt sich dazu, bei Gericht vorzusprechen, um die Scheidung zu erreichen. Der Gatte, als Richter verkleidet, verspricht ihr ein für sie günstiges Urteil, wenn sie damit einverstanden ist, seine Geliebte zu werden. Aber dann, nach Hause zurückgekehrt, jagt er sie davon. Zum Betteln gezwungen, wird Serpilla schließlich doch wieder von ihrem Mann aufgenommen, und die Reue beider schweißt das Paar zusammen.

Festival Purtimiro in Logo 2017: „Fidalba e Artabano“ von Caldara/ Szene Foto Festival Purtimiro

Ähnliche Dramaturgien sind nicht an eine bestimmte Zeit gebunden und passen in jede Umgebung. Der Regisseur Walter Le Moli hat einen gefälligen modernen Rahmen gewählt, essentiell und farbig (die Szene wurde von Luca Giombi entworfen, und die Kostüme sind von Gabriele Mayer). Im Intermezzo von Ristori war der Sopran die tüchtige Lavinia Bini, die sich gut in die Rolle der Fidalba hineinversetzt hatte: eine höchst lebendige und spritzige Protagonistin, stets sicher in einer Komposition, die manchmal den großen Partien der Primadonna Konkurrenz machen wollte. In der zweiten kleinen Oper wusste Daniela Pini die Mezzosopranrolle mit ziemlicher Sicherheit auszufüllen, indem sie die Wandlung von der zänkischen Gattin in die Bettlerin nachzeichnete. In beiden Fällen  wurde die männliche Rolle vom Bariton Filippo Morace interpretiert,  der eine ausgesprochen komische Begabung zeigte und im ersten Fall einen pathetisch nach Liebe Lechzenden darstellte, im zweiten Stück  mit der komplexeren Figur des Bacocco  den zynischen Opportunismus aufwies, der so vielen Figuren der commedia dell’arte eigen ist.  In beiden Fällen war die orchestrale Begleitung dem Concerto Italiano anvertraut, eine Gruppe von acht Musikern, eingeschlossen Alessandrini, Dirigent und Begleiter am Cembalo. Die sehr guten Musiker haben für einen zügigen Ablauf gesorgt und stellten die besonders vergnüglichen Teile der Musik wirkungsvoll heraus.

 

Eine weitere Erstaufführung in moderner Zeit war die des Oratoriums La morte d‘Abel, Figura del Nostro Redentore von Antonio Caldara (einer der bedeutendsten Exponenten des italienischen Melodramma  vor der Wende, die durch die Reform von Gluck vonstatten ging), geboren 1732 in Wien. Der Text von Pietro Metastasio, der auch von zahlreichen anderen Komponisten vertont wurde, basiert auf einer Handlung aus der Bibel, der Rivalität zwischen den Brüdern Kain und Abel, deren psychologische Seite – zusammen mit Eva, der  schmerzerfüllten Mutterfigur – vom Libretto gut ausgelotet wird. Der Aufbau ist der des gewohnten Wechsels von Arien mit da capo, die mit Rezitativen wechseln, an denen mehrere Personen beteiligt sind, was bereits der Keim eines Dialogs zu sein scheint. Die Chorauftritte hingegen beschränken sich auf die beiden Finali: das erste vielleicht noch etwas trocken und zurückhaltend, während das zweite hingegen – mit den suggestiven stimmlichen Imitationen zwischen Sopran, Alt, Tenor und Bass – eine überraschende Modernität enthüllt, so sehr, dass man sich fragt, ob Caldara etwa Bach gehört habe, der allerdings fünfzehn Jahre jünger war. Viel wahrscheinlicher aber  kommt die Beherrschung des Kontrapunkts von der Zusammenarbeit mit Johann Joseph Fux, dem Autor des berühmten Traktats über Kontrapunkt und Fuge Gradus ad Parnassum, von dem Caldara in Wien der Stellvertreter als maestro di cappella war.

Angesichts dieser Modernität stellen sich einige Fragen, wie man die barocke Musik heute dem Publikum nahe bringen kann. Der etwas zu unflexible Respekt der Philologie führt nicht immer zu dankbaren Ergebnissen, was den Klang angeht (drei Jahrhunderte von Musik haben tiefe Spuren in unserer Aufnahme von Klängen hinterlassen), eine Aufführung wie die in Lugo mit Originalinstrumenten läuft Gefahr, zu  nüchtern zu erscheinen, ohne eine weitgefasste dynamische Varietät und einen wünschenswerten Farbreichtum, auch wenn die sehr guten Instrumentalisten von Concerto Italiano, neun, eingeschlossen Alessandrini am Cembalo, sich bemüht haben, ihr Bestes zu geben.

Ingrid Wanja übersetzt tapfer und unverzagt aus dem Italienischen für uns – Danke Ingrid!

Das Gleiche gilt für die Stimmen. Hier kann man sich fragen, ob es der Fall sein kann, dass man sich mit Interpreten zufriedengibt, denen es nicht gelingt, über eine generische Korrektheit und Präzision hinaus zu gelangen, verbunden mit einer unflexiblen Emission, die oft auf Kosten der Ausdrucksfähigkeit geht. Eine noch größere Sünde, wenn man bedenkt, dass die Rolle des Abel von Caldara für den legendären Farinelli komponiert worden war, der in unserer Vorstellungswelt zum Sinnbild des vokalen Virtuosentums des Barock geworden ist.  (Die Arie Quel buon pastor son io ist berühmt.) So ist in der Aufführung der Sinn der Worte oft verloren gegangen, zum Schaden der emotiven Anteilnahme des Hörers. Mit den vokalen Virtuosismen des Abel war mit lobenswerter Präzision Sonia Tedla betraut, und es gelang ihr besonders in den Rezitativen, ausdrucksvoll zu sein. Auch für Eva sind drei Arien vorgesehen, die Rolle, der Monica Piccimi  ein gewisses dramatisches Format zu geben versucht hat. Die junge Alessandra Gardini hat ihre beiden Arien mit zarter Stimme, für den Engel geeignet, in Angriff genommen. Mauro Borgioni als Adam musste sich mit einer für ihn zu tiefen Tessitura herumschlagen, während der Tenor Gianluca Ferrarini geeigneter erschien, der aus Gründen des musikalischen Gleichgewichts nur in den beiden Finali erschien. Ausgezeichnet hingegen der Mezzosopran Gaia Petrone: man kann vielleicht einschränken, dass ihr „canto di portamento“, vereint mit einem Vibrato, das eigentlich typisch für ein anderes Repertoire ist, teilweise stillos erschien. Es bleibt aber festzustellen, dass mit ihr jedes einzelne Wort nachvollziehbar wurde, und die Person des Caino so ein bedeutendes dramatisches Gewicht erhielt: zum Brudermord treiben ihn der Neid und das Unbehagen gegenüber einem allzu perfekten Bruder. Giulia Vannoni (Dank an Ingrid Wanja für die Übersetzung/ Foto oben: Festival Purtimiro in Logo 2017: „Serpilla e Bacocco“ von Orlandini/ Szene Foto Festival Purtimiro )