Feuchter Traum im Nebel

 

Eine Oper als Traum oder Erinnerung einer der handelnden Personen zu erzählen, ist seit einiger Zeit eine gängige Methode auf unseren Bühnen. Im Falle der Neuinszenierung von Wagners Der fliegender Holländer an der Deutschen Oper Berlin ist es Erik, der schon zum Beginn der Ouvertüre auf dem Bühnenboden hockt, träumt, nachsinnt, dann aggressiv auffährt und ein kleines Segelschiff in seinen Händen an der Wand zerschellen lässt. Aus der Sicht des jungen Jägers, der Senta liebt, erzählt Regisseur Christian Spuck, Chefchoreograf am Opernhaus Zürich, die Geschichte vom ruhelosen, Erlösung suchenden Holländer. Rufus Didwiszus hat ihm dafür eine von Nebelschwaden geschwängerte Bühne gebaut, die permanent in Schwarz und diffuses Licht (Ulrich Niepel) getaucht ist und nur für Sekunden von zuckenden Blitzen erleuchtet wird. Dann sieht man faszinierende Grautöne und im Hintergrund hohe schmale Türen, welche an berühmte Interieurs der Gemälde von Vilhelm Hammershøi erinnern. Leider sind solche Momente zu kurz – es überwiegt die ermüdende dunkelgraue Öde. Der hintere Teil der Bühne ist geflutet, von Zeit zu Zeit plätschert Regen in den Wassergraben, der zwar ein optisches und akustisches Indiz für den Schauplatz an der norwegischen Küste ist, aber die Musik auch empfindlich stören kann.

„Der fliegende Holländer“ an der Deutschen Oper Berlin/ Szene/ Foto Thomas Jauk

Eine gespenstische Szene geben die Matrosen mit ihren kreisenden Taschenlampen beim Eingangschor ab, der Chor der Deutschen Oper Berlin  (Einstudierung: Raymond Hughes) singt kraftvoll, aber nicht immer ausgewogen. In der Führung der Massen (sie alle in schwarzen Kostümen von Emma Ryott) zeigt sich der Choreograf in seiner ganzen Meisterschaft, wie es auch im Lied der Spinnerinnen (hier an Nähmaschinen) in einem aus drei Leinwänden gespannten fleckigen Raum und in den stampfenden, schunkelnden Bewegungen der Seeleute im letzten Akt ersichtlich ist. So hat man diese Szenen noch nicht gesehen. Manche Einfälle in der Personenführung sind dagegen weniger stimmig – vor allem der profane Selbstmordversuch Sentas am Ende, wenn sie Erik ein Messer entwendet. Er kann ihre Absicht zwar zunächst verhindern, läuft aber dann auf sie zu und fordert ihr Opfer geradezu heraus. Die Menge begafft die Tote, Erik bleibt allein zurück und führt das Geschehen zurück zum Beginn.

Wenn die Stimme des Steuermanns als die beste der Aufführung in Erinnerung bleibt, ist das bezeichnend für das gesangliche Niveau der Produktion. Matthew Newlin singt sein Lied „Mit Gewitter und Sturm“ beherzt und mit kraftvollen Spitzentönen. Auch die schwärmerische Lyrik der Figur steht ihm bestens zu Gebote – die vokale Messlatte war damit hoch gesetzt und wird von keinem anderen Interpreten mehr erreicht. Nur Ronnita Miller in der kleinen Partie der Mary bietet mit resolutem Einsatz noch eine solide Leistung. Mit markigem Bassbariton von gebührend grimmigem Ausdruck beginnt Samuel Youn als Titelheld seinen großen Monolog, dröhnt aber schon an dessen Ende unangemessen grobschlächtig. In der Höhe gibt es unschöne Tonschwankungen und im Finale deutliche Zeichen der Erschöpfung. Ingela Brimberg ist eine intensive Senta mit herb vibrierendem Sopran, der in den exponierten Ausbrüchen an Grellheit zunimmt. Als Außenseiterin wird sie von allen anderen argwöhnisch beäugt, ihre Flucht in eine andere Welt zeigen die innigen, leuchtenden piani an. In der Mittellage lässt Tobias Kehrer als Daland einen angenehm sonoren Bass hören, der in der oberen Lage allerdings an Grenzen stößt. Als Erik, Zentralfigur dieser Inszenierung, ist Thomas Blondelle omnipräsent auf der Bühne. Er singt mit jungmännlichem lyrischem Tenor und  muss nur in der Kavatine des letzten Aktes, die er so emphatisch wie schmerzlich formuliert, bei den Spitzentönen passen (in der Generalprobe hingegen fand er zu sehr schönen mezza-voce-lyrischen wie auch heldischen Spitzentönen – Premierendruck!/ G. H.). Ungewohnt robust und laut dirigiert Donald Runnicles das Orchester der Deutschen Oper Berlin. Was in der aufgepeitschten Ouvertüre noch die stürmischen Wogen des Meeres suggeriert, gerät bei der Begleitung der Sänger gelegentlich zu lärmendem Unwetter. Das Premierenpublikum am 7. Mai 2017 zeigte sich gespalten in der Beurteilung der Leistungen („Der fliegende Holländer“ an der Deutschen Oper Berlin/ Szene/ Ausschnitt/ Foto Thomas Jauk). Bernd Hoppe