Erfolgreiche Debütanten

 

Festlich geschmückt präsentierte sich die Geburtsstadt des Komponisten an der Adria anlässlich der 150. Wiederkehr seines Todestages. Im Museo Civico gab es eine Ausstellung über Leben und Werk des Meisters und das ROF bot in diesem Jubiläumsjahr gar drei Neuproduktionen.

Der Eröffnungsabend am 11. 8. 2018 galt dem Dramma serio per musica Ricciardo e Zoraide, das es bei den Festspielen erstmals 1990 (mit Wiederaufnahme 1996) in einer Inszenierung von Luca Ronconi gegeben hatte. Nun nahm sich ein Debütant beim ROF, Marshall Pynkoski, dessen Karriere beim klassischen Ballett begann, des Werkes an. Seine Inszenierung könnte aus der Entstehungszeit der Oper, die 1818 im Teatro San Carlo di Napoli uraufgeführt wurde, stammen. Die altmodischen Posen, pathetischen Gesten und als Bilder arrangierte Szenen in Rechts/Links/Mitte-Optik muteten für heutige Sehgewohnheiten seltsam an.  Man hätte diese Ästhetik durchaus goutieren und sich an der prachtvollen Ausstattung erfreuen können, hätte der Regisseur nicht den fatalen Einfall gehabt, viele Szenen mit tänzerischen Einlagen zu garnieren. Seine Frau Jeannette Lajeunesse Zingg war für die Choreografie zuständig und hatte sich im Stil gewaltig verhoben. Die Tanzeinlagen (auf Spitze!) mit klassisch-romantischem Vokabular, also Arabesquen, Pirouetten und grand jétés, hätten auch aus Giselle, Coppelia oder einem Tschaikowsky-Klassiker stammen können, zeigten in keinem Moment eine exotische oder zumindest fremde Atmosphäre.

Rossinis „Ricciardo e Zoraide“ in Pesaro 2018/ Szene mit Pretty Yend und Juan Diego Flórez/ Foto Amati Bacciardi

Die Handlung spielt zur Zeit der Kreuzzüge in Nubiens Hauptstadt Duncala, wo sich König Agorante nach der Tochter des von ihm besiegten Fürsten Ircano, Zoraide, sehnt. Seine Gattin, die eifersüchtige Königin Zomira, will er verstoßen, um Zoraide baldigst heiraten zu können. Diese ist jedoch dem Ritter Ricciardo zugetan, der sie, verkleidet als afrikanischer Führer, befreien will. Nach missglückter Entführung erwarten Ricciardo und Zoraide den Tod, doch Ricciardos Freund Ernesto hat mit seinen Truppen das nubische Heer besiegt und vertreibt die letzten Anhänger Agorantes. Ricciardo gewährt ihm und seiner Frau Zomira Gnade und kann sich unter allgemeinem Jubel mit Zoraide vereinen.

Gerard Gauci entwarf für die Aufführung hinreißende Bühnenbilder, wie man sie in unseren Breiten nicht mehr zu sehen bekommt – ein osmanisches Zelt, eine Halle mit Empore, deren Ornamentik aus der Alhambra entlehnt sein könnte, ein düsteres Tonnengewölbe, dessen schmale Fensterluken spärliches Licht einwerfen, ein funkelnder Sternenhimmel zum lieto fine. Nicht weniger opulent fielen Michael Gianfrancesco Kostüme aus kostbaren Stoffen, mit reichem Schmuck und kunstvoller Stickerei aus.

In der Besetzung konzentrierte sich das Interesse des Publikums vor allem auf Juan Diego Flórez, der in der männlichen Titelrolle debütierte. Seinen ersten Auftritt in einem Kahn zur Kavatine „S´ella mi è ognor fedele“ leiten Tänzer als Matrosen und  Fahnenschwenker effektvoll ein. Der Tenor schien im Klang etwas dumpfer als erinnert, vor allem der Höhe fehlte es an Glanz. Im 2. Akt konnte man im Duett mit Zoraide („Ricciardo!… che veggo…“) dann seinen bekannt schwärmerischen Tonfall vernehmen, aber die Stimme klang zunehmend auch strapaziert. In der zweiten Tenorpartie des Werkes, Agorante, erlebte man Sergey Romanovsky, der im Vorjahr als Néoclès im Siège reüssiert hatte und nun erneut seine heroische, baritonal timbrierte Stimme hören ließ. Von imposanter Statur und attraktiver Erscheinung im glänzenden Goldmantel bestach er sogleich in seiner Auftrittskavatine, „Minacci pur“,  mit trompetenhaften Spitzentönen und triumphierte in der mit acuti gespickten Cabaletta, „Or di regnar“ mit sieghaftem Aplomb. Im Vergleich zum Volumen und der Kraft seiner Stimme nahm sich die von Flórez geradezu schmal aus. Beide Tenöre haben zu Beginn des 2. Aktes eines von Rossinis spektakulären Duetten („Donala a questo core“), in dem dann auch Flórez mit Spitzentönen punkten konnte. In der weiblichen Titelrolle kehrte Pretty Yende nach ihrer Amira im Ciro 2016 zum Festival in Pesaro zurück. Sie konnte mit ihrem substanzreichem Sopran besonders in der Schluss-Szene („Salvami il padro almeno“/“Per poco ti calma“) mit zärtlichem Ton und virtuoser Bewältigung der vertrackten Verzierungen gefallen, neigte allerdings zu grellem Klang in der Extremhöhe. Als ihre Gegenspielerin Zomira behauptete sich die Russin Victoria Yarovaya beeindruckend mit klangvollem, dramatisch auffahrendem Mezzo, sorgte im Terzett mit Agorante und Zoraide („Oh amor tiranno!“) für den ersten akklamierten Moment der Premiere. Und mit ihrer Arie „Più non sente“ die sie in schöner Kantilene und mit innigem Ausdruck formte sowie mit feinen Trillern schmückte, machte sie sich fast zum heimlichen Star der Besetzung.

Als Ircano erinnerte Nicola Uliveri mit autoritärem Auftritt in Helm und Rüstung sowie nachdrücklichem Gesang an seine große Zeit in Pesaro. Zuverlässig in den kleinen Rollen Xabier Anduaga als Ernesto mit kompetentem Tenor und Sofia Mchedlishvili als Zoraides Vertraute Fatime mit leistungsfähigem Sopran sowie der Coro del Teatro Ventidio Basso (Giovanni Farina).

Giacomo Sagripanti am Pult des Orchestra Sinfonica Nazionale della Rai sorgte nach dem elegischen Beginn der Sinfonia mit ihrem kantabel ausschwingenden Horn-Thema für einen straffen musikalischen Ablauf. Bei den  auf der Orchesterumrandung postierten Szenen sowie den beiden Finali brachte er mit fulminanten accelerando-Steigerungen echten Rossini-Drive in die Adriatic Arena.

 

Rossinis „Adina“ in Pesaro 2018/ Szene/ Foto Amati Bacciardi

Wie der Ricciardo entstand auch die einaktige Farsa Adina im Jahre 1828, doch wurde die charmante Petitesse erst 1826 (im Teatro Sao Carlos Lissabon) uraufgeführt. Sie erzählt eine der Entführung ähnliche Geschichte um den Kalifen im Serail von Bagdad, der die weitaus jüngere Adina heiraten will, die jedoch seit ihrer Jugend den jungen Araber Selimo liebt. Mit Hilfe seines Gärtners Mustafà will dieser zu seiner Geliebten gelangen, von der er einst durch tragische Umstände getrennt wurde. Adina erinnert den Kalifen an seine Jugendliebe Zora, und da sich am Ende herausstellt, dass er ihr Vater ist, steht der Hochzeit von Adina und Selimo nichts mehr im Wege. Flugs wird die Ankündigung auf dem Stückvorhang Announcing the Marriage of Mrs. Adina + Mr. Cailfo in Mrs. Adina + Mr. Selimo geändert.

Das war nur eine der vielen Ideen von Tiziano Santi, der auf die mit blau/weißen Streifen eingefasste Bühne im bezaubernden Teatro Rossini eine begehbare dreistöckige Hochzeitstorte, reicht verziert mit Baisertupfern, gestellt hatte. An den Rändern links und rechts darf man sich beim Anblick beschnittener Buchsbäume in Phallusformen so allerhand ausmalen. Poppig wurde die Optik durch Claudia Pernigottis  knallbunte Kostüme in abenteuerlicher Farbzusammenstellung. In diesem Ambiente inszenierte die aus Pesaro stammende Rosetta Cucchi ein turbulentes Treiben mit viel Aktion (die mitunter auch zum Selbstzweck geriet). Gleich zu Beginn sah man Gärtner, Konditormeister, Musiker und allerlei Sicherheitspersonal mit Plastikgewehren bei den Vorbereitungen zur Hochzeit, die man nach 75 Minuten dann auch erlebt – wenn auch in anderer personeller Zusammensetzung.

Bei den Sängern richtete sich die Aufmerksamkeit auf die beim ROF debütierende Amerikanerin Lisette Oropesa in der Titelrolle. Sie darf als die Entdeckung dieses Festspielsommers gelten, denn ihr feiner, apart timbrierter Sopran ließ viele delikate Nuancen und Farben hören. Allenfalls die exponierten Noten haben einen etwas grellen Beiklang, der behoben werden müsste. Vielleicht ist sie eher ein lyrischer und kein hoher Koloratursopran, wie das Duett mit Califo („Se non m`odii“) zeigte. Lyrische Qualitäten in Richtung einer Contessa und auch dramatisches Potential demonstrierte sie in der Arie „Dove sono?/Ah! Che per piangerlo“ vor dem Finale. Vito  Priante als Califo im schwarz/goldenen Brokatjackett ließ mit seinem interessant körnigen Timbre von männlicher Sinnlichkeit aufhorchen, plapperte aber auch munter seine Arie „D`intorno il Serraglio“.  Der südafrikanische Sänger Levy Sekgapane als Selimo brauchte eine Anlaufzeit, um seinen Tenor vom quäkigen Klang zu befreien, beeindruckte aber zunehmend mit den furchtlos attackierten Spitzentönen.  Diese schmückten vor allem seine Arie „Giusto ciel“  in geradezu stratosphärischer Höhe. Als Vertrauter des Kalifen, Alì, musste der italienische Tenor Matteo Macchioni übermäßig herumtunten und bei seiner Arie „Pur troppo la donna“ diverse weibliche Kleidungsstücke anprobieren.

Am Pult des Orchestra Sinfonica G. Rossini stand mit dem aus Venezuela stammenden Diego Matheuz ein weiterer ROF-Debütant, der die hübsche Musik delikat ausbreitete, mitunter (wie im Quartett „Nel lasciarti“) auch rasant vorantrieb und sich am Ende über die Zustimmung des Publikums freuen durfte (12. 8. 2018).

 

Rossinis „Barbiere di Siviglia“ in Pesaro 2018/ Szene/ Foto Amati Bacciardi

Altmeister Pier Luigi Pizzi kehrte für einen neuen Barbiere di Siviglia zum ROF zurück, bei dem er 1982 debütiert hatte.  Rossinis wohl populärstes Stück hatte er in Pesaro noch nicht verantwortet – nun war er in der Adriatic Arena sogar für  Inszenierung und Ausstattung zuständig. Die Commedia hätte mit Sicherheit ins Teatro Rossini besser gepasst, aber Pizzi hatte geschickt versucht, die Bühne in ihrem Cinemascope-Format zu verkleinern. In der klassizistischen  Architektur, den Säulen und Fassaden von strahlendem Weiß, ist sie ein typischer Pizzi. Auch die Eleganz der Optik, die konsequent in Schwarz/Weiß gehalten ist, sieht man von den wenigen Farbtupfern bei den Kostümen ab, ist typisch für diesen Künstler, dem Ästhetik oberstes Gebot ist.  Vielleicht wirkte das Ganze etwas unterkühlt; auch für die Temporale hatte der Regisseur keinen sonderlich originellen Einfall, wenn man nichts weiter sieht als ein paar von Blitzen erleuchtete Fenster. Aber es gab auch Momente von witziger Situationskomik, so beim Aufzug der Wache oder dem Auftritt Almavivas zur Gesangsstunde als Zwergwüchsiger.

Die Besetzung war auf unterschiedlichem Niveau  und wurde angeführt von Davide Luciano in der Titelrolle, der nach seinem, Macrobio in der Pietra des Vorjahres erneut  seine bezwingende Männlichkeit ausstellen konnte, aber auch mit agilem Spiel und seinem virilen Bariton von stupender Geläufigkeit gefiel. Auch der russische Tenor Maxim Mironov hatte 2017 in der Pietra imponiert und sich damit für den Almaviva empfohlen. Den Conte gab er mit eleganter Erscheinung und schmeichelnder Stimme von exquisiter Kultur. Die Finessen seiner Verzierungen, der weiche Klang seines Tenors, die unangestrengten Höhen machten ihn zu einem echten Vertreter der tenore di grazia-Gattung. Sicher hätte seine Interpretation im Teatro Rossini noch größere Wirkung erzielt, denn die Stimme war für die Riesenarena vielleicht nicht immer raumfüllend genug. Aber die zauberischen Kopftöne in „Ecco ridente“, im Da capo noch mit spektakulären Spitzennoten gekrönt, der schwärmerisch-sanfte Klang bei „Se il mio nome“ und schließlich das bravourös absolvierte „Cessa di più resistere“ mit langer Fermate verliehen seiner Interpretation das Gütesiegel.

Glänzend die beiden Bässe im Ensemble: Pietro Spagnoli, einst gefeierter Figaro, gab nun einen seriösen, in keinem Moment klammottigen oder karikierten Bartolo. Szenisch war er brillant als ständig stolpernder oder stürzender Alter, wovon der verbundene Arm zeugte. Die Eloquenz des Vortrags in seiner prononciert gebotenen Arie „Un dottore“ wurde vom Publikum lautstark gewürdigt. Und einen Sonderapplaus errang er sich mit der perfekt im Falsett gesungenen Arietta „Quando mi sei vicina“, die dem Kastraten Caffarelli ganz sicher gefallen hätte.  Michele Pertusi als Don Basilio von imposanter Statur donnerte  mit seinem grimmigen Bass gebührend in der „Calunnia“-Arie.

Gegenüber diesem formidablen Herrenquartett fiel die Japanerin Aya Wakizono als Rosina in farblich wechselnden Abendkleidern von identischem Schnitt trotz ihres gepflegten Gesangs  deutlich ab. In der Darstellung verließ sie sich allzu sehr auf ihre Model-Figur und einige wenige stereotype Gesten. Der helle, schlanke Mezzo war zu leichtgewichtig, in der Tiefe auch zu schmal, und vermochte nicht, der Figur stimmlich ein eigenes Profil zu geben. Als Fiorillo begann William Corrò etwas verhalten, durfte aber zu Rosinas „Contro un cor“ furios am Cello fiedeln. Eine Freude war das Wiedersehen und -hören mit Elena Zilio, die als Berta nach über 30 Jahren nach Pesaro zurückkehrte. Noch immer ist ihre Präsenz ungebrochen und die Stimme weitestgehend intakt, sodass ihre köstliche sorbetto-Arie „Il vecchiotto cerca moglie“ die Wirkung nicht verfehlte. Am Ende darf sie sich tatsächlich auf ein gemeinsames Leben mit dem Dottore freuen und nimmt mit ihm an der gemeinsamen Tafel Platz.

Yves Abel ist eine feste Größe beim ROF, bei dem er erstmals 1995 mitwirkte und 1997 auch schon einen Barbiere musikalisch betreute. Mit dem Orchestra Sinfonica Nazionale della Rai breitete er die Sinfonia zunächst sehr filigran und delikat aus, aber in den Ensembles ließ er die Musik sprühen und in atemlosem Tempo abspulen. In der „Calunnia“ schmetterte das Blech, in der Temporale donnerte es gewaltig und die Finali profitierten von seiner Kunst der accelerando-Effekte.

Auch 2019 wird es in Pesaro ein Jubiläumsfestival geben – die 40. Edizione mit Neuproduktionen von Semiramide und L´equivoco stravagante sowie einer Wiederaufnahme von Demetrio e Publio. Bernd Hoppe