Erde Feuer Wasser Luft

 

Wie stets warteten die Festspiele auch in diesem Jahr mit einer interessanten und  originellen Programmkonzeption auf. Die vier Elemente, welche als Marmorstatuen die Große Fontäne vor den Terrassen des Schlosses Sanssouci umkreisen, standen im Mittelpunkt der vielen Veranstaltungen mit Konzerten, Opern, Oratorien, Kammermusik und diversen Open-air-Events (Musikfestspiele Potsdam Sanssouci/ Feuerwerk/ Stefan Gloede)

Musikfestspiele Potsdam Sanssouci 2017: Eröffnungskonzert in der Friedenskirche/ Foto Stefan Gloede

Sogleich das Eröffnungskonzert am 9. 6. 2017 in der Friedenskirche mit dem Motto Musik in ihrem Element nahm Bezug auf das Thema. Mit dem Balthasar-Neumann-Chor und -Ensemble waren renommierte Ensembles der Alte-Musik-Szene verpflichtet worden, die eine hohe musikalische Qualität der Interpretation garantierten. Am Pult stand der Schwede Olof Boman, der bekannt ist für seine unkonventionellen Programmgestaltungen, und auch an diesem Abend überraschte er mit der Kopplung von Alter und Neuer Musik. Da folgten den barocken Werken von Carissimi, Monteverdi und Scarlatti immer wieder zeitgenössische Kompositionen, so von den Schweden Thomas Jennefeldt und Sven-David Sandström. Des letzteren Motette A new Heaven and a new Earth war ein schmerzhaft anschwellender Gesang und damit ein starker Kontrast zu den Auszügen aus Monteverdis Orfeo, die vorangegangen waren. In diesen Szenen der Nymphen und Hirten kam die Klangqualität des Chores zu besonderer Wirkung. Und mit geradezu musikantischer Lust musizierte dass Balthasar-Neumann-Ensemble, wie man es schon bei Carissimis Oratorium Jonas erlebt hatte, wo das Toben der Elemente Wasser und Luft mit dem Einsatz der Windmaschine und des Donnerbleches effektvoll ausgemalt wird. Mit Domenico Scarlattis Hymnus Iste confessor endete der erste Teil feierlich-getragen, der zweite war Open-air an der Großen Fontäne geplant, musste aber wegen des ungünstigen Wetters in den Kreuzgang und das Atrium der Friedenskirche verlegt werden. Hier gab es ungewöhnliche Auftritte verschiedener Künstler mit Reverenzen an  die vier Elemente – den Tänzer Momo Sanno mit seiner Performance Elements of Life, das Duo Ttukunak mit einem Feuerwerk an Klängen auf dem baskischen Perkussionsinstrument Txalaparta, Tony Di Napoli mit Tonschwingungen auf belgischem Kalkstein und das Ensemble Soplarte mit Musik auf mundgeblasenen Instrumenten.

 

Die erste szenische Produktion der Festspiele galt Monteverdis Il ritorno d’Ulisse im Nikolaisaal am 10. 6., wofür die international bekannte Musikfestspiele Potsdam Sanssouci 2017 aus Kapstadt gewonnen werden konnte. Sie hatte 1998 die Fassung des südafrikanischen Künstlers William Kentridge von der Handspring Puppet Company uraufgeführt und gastiert damit weltweit. Der Zeichner, Filmregisseur und Theatermacher verlegt die Handlung in einen historischen Anatomiesaal mit ansteigenden Reihen, wo die sieben Musiker des Ricercar Consort ihre Plätze hatten und unter Leitung von Philippe Pierlot mit sublimer Kultur und filigraner Durchsichtigkeit spielten. Auf ähnlich hohem Niveau war die Sängerbesetzung, aus der Romina Basso als Penelope herausragte. Die italienische Mezzosopranistin von würdevoller Erscheinung sorgte in den Klagen der treu wartenden Gattin mit ihrer wunderbaren Stimme für ergreifende Momente. Jeffrey Thompson als Titelheld überzeugte vor allem durch seine enorme Intensität, die ihn bis zu existentiellen Schreien führte – eine packende Interpretation des englischen Tenors.

Musikfestspiele Potsdam Sanssouci 2017: Monteverdis „Ulisse“ zu Marionetten von der Handspring Puppet Company/ Foto John Hodgekiss

Alle Sänger (in Konzertkleidung) sind in dieser Produktion gemeinsam mit den Mitgliedern der Handspring Puppet Company auch als Führer der fast lebensgroßen und ungemein realistisch wirkenden Puppen tätig, was sie mit erstaunlicher Fertigkeit vollbringen. Kentridge inszeniert das Geschehen als Vision des Ulisse, der zu Beginn in einem Krankenbett im Vordergrund der Bühne zwischen Leben und Tod schwebt und von der Rückkehr in die Heimat träumt. Hinten ist eine Filmleinwand zu sehen, auf welcher der Regisseur und Ausstatter mit einer Bilderflut aufwartet, die den Zuschauer nicht nur von der Musik ablenkt, sondern auch erschöpft. Da gibt es die bekannten Kohlezeichnungen des Künstlers mit Motiven aus Natur und Technik, aber auch naturalistische Filmeinblendungen (Wasser, Wolken, Felsen) sowie Ultraschall-Aufnahmen innerer Organe und Screenshots anderer medizinischer Untersuchungen. All diese Bilder und Techniken werden miteinander verwoben zu einem fortdauernden Strom von flimmernden Motiven und flackernden Sequenzen. In Erinnerung bleibt das grandiose musikalische Niveau dieses Abends.

 

Eine veritable Entdeckung bot die Aufführung von Michelangelo Falvettis Oratorium Il Diluvio universale am 11. 6. in der Friedenskirche. Der Komponist lebte von 1642 bis 92 und war Kapellmeister an der Kathedrale von Messina. Die sizilianische Küstenstadt wurde häufig von Erdbeben, Unwettern und Fluten  heimgesucht – ein Werk mit dem Thema Sintflut war daher in dieser Region besonders aktuell. Nach der Uraufführung um 1682 geriet es bald in Vergessenheit, wurde erst 2010 von dem Musikwissenschaftler Nicolò Macavino wieder entdeckt und von Leonardo García Alarcón mit seiner Cappella Mediterranea zu musikalischem Lebern erweckt. Der argentinische Dirigent und das von ihm 2005 gegründete Ensemble waren auch in Potsdam versammelt und garantierten eine vitale, äußerst farbige Interpretation des reizvoll instrumentierten Dialoges für fünf Stimmen und fünf Instrumente. In vier Abschnitten (Cielo, Terra, Diluvio, Arca di Noè) handelt Falvetti den Diskurs zwischen biblischen Gestalten und allegorischen Figuren ab. Im Mittelpunkt stehen Noè (Noah) und seine Frau Rad, deren unerschöpfliche Liebe den gestrengen Gott besänftigt. Er verspricht ihnen Rettung in der Arche, während die übrige Welt von der Sintflut verschlungen werden soll. Der portugiesische Tenor Fernando Guimaraes und die italienische Sopranistin Roberta Mameli waren ideale Interpreten für das Paar mit instrumental geführten, kultivierten Stimmen. Der Italiener Matteo Bellotto lieh dem Dio, dessen Auftritt von majestätischen  Orgelklängen eingeleitet wird, seinen profunden Bass. Ein Ereignis war der Gesang der chilenischen Altistin Evelyn Ramirez Muños als Giustizia Divina, die mit ihren erregten Ausbrüchen in die feierliche Ouvertüre einfällt und die vier Elemente gegen die verdorbene Menschheit zu entfesseln sucht – eine satte Stimme mit profunder Tiefe und resoluter Attacke von Ausnahmerang. Wirkungsvoll der Auftritt von Fabián Schofrin als bleich geschminkter Morte in schwarzer Kutte mit der Sense nach einer erregten Orchestereinleitung und dem aufgewühlten Chor „A fuggire, a morire“. Der argentinische Counter geriet mit seinem lamentierenden, keifenden Timbre in die Nähe der Arnalta, offenbarte in seiner Stimme auch Brüche und Löcher, sorgte mit seinen Szenen aber für bizarre Effekte. Die Besetzung ergänzten kompetent Emmanuelle de Negri als Natura humana und Amélie Renglet als Acqua mit lieblich-zarten Sopranen. Alle Solisten und der Choeur de Chambre de Namur vereinten sich im Zusammenklang in superber Klangkultur. Das Werk mit seinen verblüffenden musikalischen Einfällen – so der lebhaften Tarantella als vermeintlicher Triumph des Todes – endet mit dem heiteren Chor „Or se tra sacre Olive“ und einer festlichen Fanfarenmusik als Sieg der Liebe.

 

Potsdam-Sanssouci: Los Elementos/ Foto Stefan Gloede

Besonders reizvoll war der Vergleich zweier Barockopern mit identischem Titel im Orangerieschloss Sanssouci. Die spanische Variante – Los Elementos von Antonio de Literes (1673 – 1747) – ging voran und machte bekannt mit einem in unseren Breiten gänzlich unbekannten Werk, reich an zündender, temperamentvoller Musik, deren mitreißender Rhythmus jeden Zuschauer ansteckte. Das war auch das Verdienst des Ensembles Le Tendre Amour, das seinen Sitz in Barcelona hat und unter seinem Leiter, dem Argentinier Esteban Mazer, in der Alte-Musik-Szene mit Frische und Originalität gewichtige Akzente setzte. Die neun Musiker breiteten die Komposition mit Esprit und lustvollem Spiel aus, Kastagnetten, Tambourin und Trommel sorgten für das lokale Kolorit. Schon mehrfach arbeiteten die Musiker mit dem argentinischen Theater- und Zirkusregisseur Adrián Schwarzstein zusammen – so auch in dieser Produktion, die in Potsdam ihre deutsche Erstaufführung erlebte. Er hatte die allegorische Handlung um den Widerstreit der vier Elemente in eine Bar gleichen Namens der 1950er Jahre verlegt und auch das Bühnenbild dafür geschaffen. Darüber hinaus stand er selbst als Barista hinter dem Tresen, verteilte Vino tinto und Oliven an das Publikum im Saal und war überhaupt ein unermüdlicher Spielmacher. Er sorgte für eine Fülle an neckischen und witzigen Einfällen, die amüsante Unterhaltung garantierten. Schöne Frauen und rassige Männer boten ein Fest für das Auge – so das Tanz-Paar Carolina Pozuelo Montero & Miguel Lara, das in eigenen Choreografien feurige Flamenco-Auftritte von schier berstendem Temperament zeigte. Und auch die vier Solistinnen für die Elemente ließen nicht nur in Charakter und Farbe unterschiedliche Stimmen hören, sondern begeisterten auch mit ihrer Vitalität und dem Sinn für Situationskomik. Besonders klangvoll war der Sopran von Maria Hinojosa als El Agua im blau gerüschten Flamencokleid. Ganz in Weiß erschien Luanda Siqueira mit apart timbriertem, klarem Sopran als El Ayre. Erdige Rotttöne trug Marta Valero mit passend resolutem Mezzo als La Tierra. In flammend rotem Kleid und schwarzem Sombrero war Marina Pardo als El Fuego optisch ein Blickfang, mit ihrem zerklüfteten Mezzo von hysterischem Aplomb aber ein akustisches Fragezeichen. Wenn die Elemente in Streit geraten, kommt es zwischen ihnen sogar zu einem erregten Quartett. Eine kontrastierende Tönung brachte Hugo Oliveira mit sinnlich-sonorem Bariton als El Tiempo ein. Alle Sänger, Tänzer und Statisten vereinten sich am Ende zu einem sprühenden Finale als Ausdruck purer Lebensfreude.

 

Drei Tage später folgte in konzertanter Aufführung eine französische Version – Les Éléments –, welche als Schöpfer sogar zwei Komponisten nennt: André Cardinal Destouches und Michel Richard de Lalande. Es handelt sich um ein Opéra-ballet, welches in vier Episoden von der allgegenwärtigen Liebe, der alle vier Elemente dienen sollen, erzählt. Dazu wird im Prolog – Le Chaos – von Venus aufgerufen. Eugénie Lefebvre singt sie mit klarem, instrumental geführtem Sopran. Étienne Bazola leiht dem Schicksal seinen kraftvollen Bariton. Das Ensemble Les Surprises unter Louis-Noël Bestion de Camboulas lässt schon hier in einigen Balletten – Sarabande, Menuett – durch das farbige, rhythmisch akzentuierte Spiel aufhorchen. Auch später gibt es mit Marche, Passepied, Musette und Chaconne reizvolle Tänze, die durch den Einsatz von Kastagnetten, Tamburin und Triangel abwechslungsreich koloriert werden. In der ersten Episode – L’Eau – gibt es eine effektvolle Sturmmusik, bei der von der Windmaschine und dem Donnerblech reichlich Gebrauch gemacht wird. Lefebvre und eine weitere Sopranistin, Maïlys de Villoutreys, haben hier einen  furiosen Auftritt als Sirenen. Die Episode L’Air führt in den Palast der Juno, die den glücklichen Stunden der Liebe gebietet, länger zu dauern, Le Feu in den Tempel der Vesta, wo die Priesterin Emilia über das Heilige Feuer wacht. Mit ihrem Geliebten Valerius hat sie einen dramatisch erregten Zwiegesang wegen der erloschenen Flamme. In der letzten Episode – La Terre – ersehnt ein verliebter Schäfer im Garten der Göttin Pomona mit zärtlich-träumerischem Gesang die Nacht und Amors Beistand. Die drei Solisten teilen sich in all diese Rollen und finden sich am Ende zusammen in einer ausgelassenen Fete champetre, welche den Sieg der Liebe preist. Bernd Hoppe

 

Die Musikfestspiele Potsdam Sanssouci 2018 finden vom 8. bis 24. Juni unter dem Motto Europa statt.