Epirus an der Ostsee

 

Die Rossini-Renaissance der letzten Jahrzehnte hat erfreulicherweise dazu geführt, dass auch die Dramen des Komponisten ins allgemeine Bewusstsein gerückt sind, so dass einige unter ihnen inzwischen beinahe den Status von Repertoire-Stücken genießen: Semiramide, Maometto Secondo, neulich auch Otello. Andere Opern wie Zelmira und Ermione haben es schwerer. Nachdem in den 80er und 90er Jahren mehrere Inszenierungen und Aufführungen verzeichnet wurden, nahm sich nur gelegentlich ein Theater dieser beiden Meisterstücke aus der neapolitanischen Zeit Rossinis an.

Rossini: "Ermione" am Volksttheater Rosstock/ Szene/ Foto Header Volkstheater Rostock

Rossini: „Ermione“ am Volkstheater Rostock/ Szene/ Foto Header Volkstheater Rostock

Dafür gibt es verschiedene Gründe. Ermione (1819) zum Beispiel verlangt nicht nur von der Protagonistin, sondern auch von den männlichen Kollegen Aberwitziges, und die Zeiten von Tenören wie Merritt, Blake und Ford sind längst vorbei. Sie leidet aber auch unter einer strukturellen Schwäche des Librettos, welches sich an Racines Andromaque orientiert. Beim französischen Dramatiker dominiert die scharfe Beobachtung menschlicher Leidenschaften, was wohl auch den ununterbrochenen Erfolg dieser Pièce seit 1667 erklärt. Auch im späten 18. und frühen 19. Jh. zeigt man europaweit ein großes Interesse dafür, was erklären mag, warum Andrea Leone Tottola das Stück zu einen Libretto umformte. Aber bei ihm geht es nicht nur darum, dass „Orestes Hermione liebt, die Pyrrhus liebt, der Andromache liebt, die nach wie vor ihren toten Gatten Hektor und natürlich ihren Sohn Astyanax liebt, den sie zu schützen versucht“, wie man knapp die Handlung zusammenzufassen pflegt. Denn viel stärker als bei Racine spielt bei Tottola die politische Dimension der Geschichte eine wichtige Rolle: der kleine Astyanax ist ein Spielball der inzwischen zerstrittenen Troja-Bezwinger und stellt potentiell eine Gefahr als Thronfolger in Ilion dar. Pyrrhus muß entscheiden, was mit dem trojanischen Sprößling passiert und schwankt hin und her, bis er Andromache ehelicht und dadurch ihren Nachwuchs rettet – aber nicht sich selbst, weil Hermione Orestes zum Mord am König anstachelt. Die verschiedenen Stränge werden von Tottola nicht besonders geschickt miteinander verwoben, sie sind aber klar erkennbar, wenn man den Text durchleuchtet.

Freilich stellt das Pelemele aus unbändiger Inbrunst und politischem Machtspiel den Regisseur vor ernste Probleme, denen Lars Franke dadurch aus dem Wege gegangen ist, dass er die hässlich kostümierten Sänger in einem Einheitsbühnenbild, das eine Mischung aus Sixties und Trödelladen darstellte (Bühnenbild und Kostüme: Julian Göthe), lediglich auf- und abtreten ließ. Personenführung fand nicht statt, und die breiten Armbewegungen, die er Ermione auf dem Höhepunkt der Tragödie verordnete, wirkten so, als ob Esther Williams sich im Epirus verirrt hätte und so schnell wie möglich davon schwimmen wollte. Ein ganz anderes Niveau besaß die musikalische Wiedergabe. David Parry, den man für Ermione und Maometto Secondo in Rostock verpflichtet hatte, hat uns in mancher Einspielung für Opera Rara annähernd zu Tode gelangweilt. Er kennt aber den Stil, liebt diese Musik und wußte die gut disponierte Norddeutsche Philharmonie, den Opernchor des Volkstheaters und die Singakademie Rostock mit sicherer Hand zu führen. Besondere Aufmerksamkeit widmete er der Herausarbeitung der instrumentalen Finessen.

Rossini: "Ermione" am Volksttheater Rosstock/ Szene/ Foto Header Volkstheater Rostock

Rossini: „Ermione“ am Volkstheater Rostock/ Szene/ Foto Header Volkstheater Rostock

Andererseits machte sich bisweilen eine gewisse Gemütlichkeit breit, die der „tragischen Handlung“, wie Tottola sie nannte (azione tragica), nicht gut tat. Parry begleitete umsichtig, aber den Ensembles fehlte es an Transparenz, und man vermisste das spasmodische Vorwärtsdrängen, das einige Stellen dieser Oper, vorwiegend

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im zweiten Akt, auszeichnet. Wiederum war man dafür dankbar, dass der Dirigent die Tragödie nicht mit dem Grand Guignol verwechselte, mit dem uns inzwischen mancher Spezialist für historische Aufführungspraxis bei Rossini ärgert.

Die Sänger waren bestens auf die schwierige Aufgabe vorbereitet. Zugegebenermaßen hatten man im Voraus eine gewisse Skepsis verspürt, ob das Rostocker Theater (zumal in Zeiten einer tiefen Krise, die es erschüttert und gefährdet) eine adäquate Besetzung versammeln würde, um die hohen Anforderungen zu erfüllen. Die Uraufführung sangen vier der damals besten Sänger überhaupt: Rosmunda Pisaroni (Andromaca), Giovanni David (Oreste), Andrea Nozzari (Pirro) und Isabella Colbran (Ermione). Rostock hatte selbstredend Sänger dieses Kalibers nicht zur Verfügung, aber dem Volkstheater gelang insgesamt ein Coup mit den zum Teil aus den eigenen Reihen berufenen Sängern. Jasmin Etezadzadeh verkörperte Andromache mit einem ruhig und, wo nötig, geläufig geführten, angenehmen Mezzo, dem nur etwas Durchschlagskraft fehlte. Es gelang ihr, die undankbare Rolle der Hektor-Witwe aufzuwerten. Den hier als Schönling gezeichneten Oreste interpretierte Ashley Catling. Trotz des überaus einnehmenden physique du rôle war er eine Fehlbesetzung. Er verfügt über eine helle Tenorstimme und eine klare Diktion, was ihm im zweiten Akt etwa bei der Erzählung des Königsmordes half, glaubwürdig zu wirken. Aber die hochvirtuose Auftrittsarie hauchte er lediglich dahin, und seine Spitzentöne waren ein schlimmes Beispiel von canto sfogato. Man wundert sich, dass Garrie Davislim lediglich die kleine Rolle des Pilade anvertraut wurde und somit nur die pertichini in der aria di sortita des Oreste und das Duett mit Fenicio zum Besten geben konnte, denn sein sonorer, fester Tenor ließ aufhorchen. Gut besetzt waren ebenfalls die anderen kleineren Rollen, vor allem jene des Fenicio mit dem rollengerecht ehrfurchtgebietenden Bass von Karl Huml und der Cleone von Theresa Grabner. Paul Nilon (Pirro) ist nunmehr ein Rossini-Veteran, dessen stimmliche Anlage ihn a priori nicht für eine Rolle prädestiniert, welche der Baritenore par excellence, Andrea Nozzari, in der ersten Aufführung übernahm. An seiner Leistung konnte man aber abermals ablesen, wie solide Technik und musikalische Intelligenz sich zu mehr als nur einem achtbaren Ergebnis vereinen können. Nilons Stimme ist über die Jahre nicht schöner geworden, und die tiefen Töne und die waghalsigen Sprünge der Partie bleiben ihm verwehrt. Trotzdem entwarf er eine sehr überzeugende, feine Charakterstudie des wankelmütigen und alles in allem unsympathischen Pyrrhus. Vokal wurde er nur von Gulnara Shafigullina übertroffen. Für Isabella Colbran schufen Tottola und Rossini eine ungemein schwierige und schwere Partie. Sie alleine trägt den ganzen zweiten Akt, in dem Hermione/ Ermione Orestes betört und zum Mörder macht, um dann, nach vollbrachter Tat, den gewaltsamen Tod an von ihr nach wie vor geliebten Pirro bitter zu bereuen. Länge und Schwierigkeitsgrad der Partie fordern das fast Unmögliche von der Sängerin. Die junge russisch-niederländische Sopranistin, die in St. Petersburg und Amsterdam ihr Studium absolviert hat und auch Meisterkurse u.a. bei Nelly Miricioiu, eine unvergessene Ermione auf der Konzertbühne, besuchte, stellte sich unerschrocken der Aufgabe und meisterte sie auf bewundernswerte Weise. Ihre dunkle, vibratolose Sopranstimme hat Körper. Sie verfärbt sich nicht im Forte-Bereich, ist zu betörenden Piano-Tönen fähig und wird virtuos und expressiv in der Koloratur geführt. Darüber hinaus sieht sie blendend aus. Gleichwohl muss auch einiges kritisch angemerkt werden: Die Aussprache ist nicht immer über jeden Zweifel erhaben (evidente Defizite waren bei den Zischlauten zu verzeichnen), die Wortverständlichkeit ist verbesserungsfähig, und szenisch handelte sie unbeholfen (der violette Schlafrock, den sie im ersten Akt tragen musste, hätte freilich auch Eva Mendes oder Gisela Bundchen demotiviert). Trotz dieser Mängel wird man heute lange nach einer Interpretin suchen müssen, die eine solche Ermione singen kann. Gerade im Bereich der neoklassizistischen Tragödie (von Gluck bis Rossini über Cherubini und Spontini) scheint Shafigullina bereit für erste Rollen an ersten Bühnen zu sein, und man kann sich nur wünschen, dass eine kluge Rollenauswahl das Talent erblühen lässt, das sie in Rostock unter Beweis gestellt hat. (9. März 2016/ Foto oben Rossini: „Ermione“ am Volkstheater Rostock/ Szene/ Foto Header Volkstheater Rostock). Michele C. Ferrari