En attendant „L´ange de Nisida“…

 

Es ist schon wahr: Von Donizettis mehr als 70 Opern, die er in weniger als 30 Jahren rastlosen Schaffens komponierte, sind nur vier oder fünf fester Bestandteil des Repertoires der meisten Musiktheater. Hinzu kommen dann vielleicht weitere drei oder vier, die es ab und zu auf die Bühne schaffen, und zu diesen gehört sicherlich die am 2. Dezember 1840 in der Pariser Opéra uraufgeführte La Favorite, die erfreulicherweise gerade in letzter Zeit szenisch (Paris, München) oder konzertant (Salzburg, DOB, Madrid) auch in größeren Häusern zu erleben war. Wie manch andere Donizetti-Oper (z.B. Les Martyrs, Le duc d’Albe, Gabriella di Vergy, Maria di Rohan) hat auch diese „Grand opéra in vier Akten“ eine komplexe Entstehungsgeschichte.

Gilbert Duprez und Rosine Stoltz in „La Favorite“ der Uraufführung/ Wiki

Es war die Zeit, in der Donizetti für die verschiedenen Pariser Operntheater innerhalb von 8 Monaten mehrere Opern fertiggestellt und inszeniert hatte ( Lucie de Lammermoor, La fille du régiment, Les Martyrs) und fast gleichzeitig an drei neuen Projekten arbeitete, die aber nie vollendet wurden: Le duc d’Albe  für L’Opéra, Adelaide für das Théâtre Italien und L’ange de Nisida für das Théâtre de la Renaissance. Diese enorme Aktivität trug ihm die Feindschaft französischer Komponisten ein. So erklärte Berlioz einmal : ‘Monsieur Donizetti scheint uns wie ein erobertes Land zu behandeln… Man kann nicht mehr von den Opernhäusern von Paris sprechen, sondern nur mehr von den Opernhäusern von Monsieur Donizetti.‘“ (Philip Gossett im Booklet zur RCA-Aufnahme von La favorite). Im weiteren Verlauf dieses Beitrags weist der jüngst verstorbene amerikanische Musikwissenschaftler ausführlich nach, dass die drei oben genannten Projekte alle eine Rolle bei der Entstehung und Aufführung von La favorite gespielt haben, vor allem L’ange de Nisida, die fast vollendet nicht zur Aufführung kam, weil das Théâtre de la Renaissance  überraschend Bankrott machte. Das verdienstvolle britische Label Opera Rara wird im Sommer nächsten Jahres diese „Vorgängerin“ von La favorite erstmals (mit den nötigen Ergänzungen) in London auf die Bühne bringen und auch als CD veröffentlichen. Davon berichtet in einer faszinierenden und kurzweiligen Präsentation der britische Musikologe Roger Parker, aufgenommen in der Bibliothek von Opera Rara und auf ihrer website auch visuell nachzuhören. Er betont, dass in etwa die Hälfte der Musik in beiden Opern gleich ist, stellt aber folgende Unterschiede heraus:

„L´ange de Nisida“: die englische Primadonna Anna Thillon, für die der Librettist Gustave Vaez die Partie der Sylvia de Linarès vorsah/ Wiki

L’ange de Nisida ist eine opera semiseria mit den obligaten komischen Elementen und der handlungsrelevanten Figur eines Bassbuffos als Mönch. Die weibliche Hauptrolle der Sylvia ist ein Sopran, kein Mezzo. Mithilfe von in verschiedenen Archiven aufgefundenen „missing links“, durch Nach-Orchestrierung und sinnvolle Ergänzungen – so wurde eine fehlende Cabaletta in der Sopranarie nach sorgsamer Abwägung aus Maria di Rohan entnommen – konnte inzwischen die Gesangspartitur  komplettiert werden. Die Weltpremiere dieser späten Donizetti-Oper wird am 18. Juli 2018 in konzertanter Form im ROH Covent Garden in London stattfinden, mit einer Folgeaufführung am 21.07.18.

Als nun der für die Pariser Opéra geplante Duc d’Albe von ihrem Direktor Leon Pillet aus persönlichen Gründen abgelehnt wurde, entschloss sich Donizetti, dem Theater, seinem Direktor und dessen „Favoritin“, der Mezzosopranistin Rosina Stoltz, eine weitere grand opéra zu präsentieren: die vieraktige opera seria La favorite, natürlich auch mit der obligatorischen Ballettmusik. Das eigentlich für L’ange de Nisida vorgesehene Libretto wurde von den beiden Librettisten Alphonse Royer und Gustave Vaëz, die schon die französische Übersetzung für Lucie de Lammermoor angefertigt hatten, unter Mithilfe von Eugène Scribe umgearbeitet. So wurde auch die Handlung aus dem Neapel des 15. Jahrhunderts in das Kastilien des 14. Jahrhunderts verlegt.  Die Uraufführung mit der Stoltz sowie Gilbert Duprez und Nicholas-Prosper Levasseur war wohl kein wirklich rauschender Erfolg, doch nach einigen Aufführungen nahm die Begeisterung des Publikums vor allem auch abseits der französischen Metropole stetig zu und schwappte wieder nach Paris zurück, wo der Verleger Léon Schlesinger die Rechte an dieser Oper erwarb und bereits 1841 den jungen und mittellosen Richard Wagner damit beauftragte, verschiedene Transkriptionen der Partitur anzufertigen (auch auf einer CD nachzuhören: „La Favorite, arranged for two violins by Richard Wagner“). Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts erlebte La favorite an der Pariser Oper mehr als 600 Aufführungen: Kein Geringerer als Toscanini nannte das Werk wunderbar und bescheinigte seinem Schlussakt: “Jede Note ein Meisterwerk“. Schon 1912 gab es – damals auf 21(!) Schallplatten – eine Gesamtaufnahme des Originals, und es folgten im 20. Jahrhundert mehr als 10 weitere Einspielungen, aber allesamt von La favorita, der italienischen Fassung, die 1843 ihre Premiere an der Mailänder Scala feierte und die Philip Gossett als eine „skandalöse Degradierung“ bezeichnete.

 

„La Favorite“ in Liège/ Szene/ Foto Lorraine Wauters

Erst 1999 wurde die Originalversion auf der Grundlage der kurz vorher publizierten kritischen Ausgabe auf Tonträger verewigt, und diese war natürlich auch jetzt an der Opéra Royal de Wallonie in Liège zu erleben, wo La Favorite zuletzt 2001 auf dem Spielplan gestanden hatte. Diese Koproduktion mit La Fenice in Venedig war dort schon 2016 in einer komplett anderen Besetzung zu sehen: Die Inszenierung von Rosetta Cucchi bot eine verstörende „Modernisierung“ des Librettos, dessen Handlung eigentlich „ungefähr um 1340 im Kloster von Santiago de Compostela, auf der Insel Léon und in den Gärten und Hallen des Alcazar-Palastes in Sevilla“ angesiedelt ist. Bezeichnenderweise schien auch in diesem Fall eine Erläuterung des Regiekonzepts im Programmheft unumgänglich: Es verzichtet völlig auf die vorgegebenen historischen Zeitumstände oder eine Verlegung in eine andere Epoche. Stattdessen befinden wir uns in einer futuristischen Welt aus Plastik und ähnlichen Materialien, in der es nur noch geringe Spuren einer moribunden Natur gibt, deren letzte pflanzliche Exemplare wie Heiligtümer in einer Art Laboratorium aufbewahrt werden, das allerdings eher wie die Schließfachabteilung irgendeines Bahnhofsgebäudes aussieht. Das letzte mickrige Bäumchen wird in dem die Bühne beherrschenden riesigen Plastikzylinder konserviert, in dem auch Léonor anfangs lebt, und in dem auch zwei Mädchen auf beengtem künstlichen Rasenboden sich in der (etwas gekürzten) Ballettmusik des 2. Aktes zu Tode tanzen. In dieser dystopischen Gesellschaft leben Männer (in Schwarz und zu Gewalt neigend) klar getrennt von den unterwürfigen Frauen (komplett in Weiß gekleidet einschließlich ihrer platinblonden Haare), und dieses künstliche Universum wird von einer Sekte von Wissenschaftler-Mönchen beherrscht, an deren Spitze Balthazar über das Schicksal der Menschen entscheidet. Der gegen Ende des 2. Aktes im Libretto angedrohte päpstliche Bannstrahl wird hier dann zu einer sichtbaren Rauchvergiftung der Bevölkerung.

Es gibt historische Opernstoffe, die aufgrund ihrer zeitlosen Relevanz und nachprüfbaren politischen Gegebenheiten tunlichst auf der Bühne wiedererkennbar dargestellt werden sollten – ich denke da an Les Huguenots, Don Carlos oder Donizettis Le duc d’Albe. Hierzu gehört La favorite sicherlich nicht, aber welchen Erkenntnisgewinn diese durchaus in sich geschlossene Interpretation von Signora Cucchi dem aufmerksamen Zuschauer bringen soll, hat sich mir nicht erschlossen, zumal ich mir vorstellen könnte, dass diese auch (und vielleicht adäquater) auf andere Opernstoffe angewandt werden könnte. Das Premierenpublikum sah dies wohl ähnlich; denn nach dem verdienten Applaus für Sänger und Orchester sank der Beifallspegel im Haus dramatisch ab, als das Produktionsteam die Bühne betrat.

 

„La Favorite“ / zeitgenössische Illustration ( Leee Woodward Ziegler)/ Wiki

Wieder einmal also musste die musikalische Seite den Gesamteindruck retten : An der Spitze Celso Albelo als Fernand, auch wenn manche Höhen mit etwas Druck erklommen wurden. Ihm ebenbürtig die an der ORW zum ersten Mal auftretende Sonia Ganassi in der Titelrolle mit einer kurzen „Warmsingphase“. Mario Cassi war ein guter Alphonse XI mit teilweise etwas unruhiger Stimmführung. In seiner Arie zeigte er jedoch – wie auch Albelo in seinen Arien – wunderbare belcanteske Variationen in Wiederholungspassagen. Alle anderen  – Ugo Guagliardo als Balthazar, Cécile Lastchenko als Inès und der vielversprechende Tenor von Matteo Roma als Don Gaspar – waren mehr als nur rollendeckend. Der Chor (Einstudierung Pierre Iodice) hatte im 4. Akt auf der Hinterbühne kleine Abstimmungsprobleme, war aber ansonsten gewohnt zuverlässig. Dies gilt auch für das brillante Orchester der ORW, aus dem Luciano Acocella als der musikalische Spiritus Rector punktuell etwas mehr an Finessen hätte herausholen können.

Abschließend noch ein kleines musikalisches Bonmot: Am Tage nach unserem Premierenbesuch in Lüttich erlebten wir in Gent die Premiere der Wiederaufnahme von Donizettis Le duc d’Albe, der in der von Giorgio Battistelli komplettierten Fassung vor fünf Jahren an der Vlaamse Opera uraufgeführt  worden war. In dieser Version singt Henri de Bruges zu Beginn des 4. Aktes die für dieses Werk komponierte berühmte Tenorarie „Anges des cieux“, die Fernand an fast derselben Stelle von La favorite als „Ange si pur“ präsentiert. Dieses tenorale „Fernduell“ entschied eindeutig Celso Albelo in Liège für sich  (besuchte Vorstellung: 16.11.17Foto oben: „La Favorite“ in Liège/ Szene/ Foto Lorraine Wauters). Walter Wiertz