Eine Dame ohne Zukunft

 

Ein Gespenst ging um in Europa ab 1825, aber ein solches, vor dem keine Bourgeois, keine französischen Radikale und keine deutschen Polizisten Angst haben mussten. Nach der Uraufführung an der Opéra-Comique am 10. Dezember 1825 eroberte die in Schottland des 18. Jahrhunderts spielende Dame blanche des François-Adrien Boieldieu (1775-1834) die Bühnen im Sturm, und zwar weltweit: in New York bekam das Publikum sie schon ab 1827 zu hören, in Rio de Janeiro 1846, in Buenos Aires 1852, und findige Opernhistoriker haben entdeckt, dass sie 1836 die erste Oper war, die auf Jakarta gespielt wurde. Die Gründe eines solchen Hypes sind für uns heute nicht ganz verständlich. Die leicht folkloristisch angehauchte Musik klingt flott und gefällig, kann aber mit anderen Partituren von Boieldieu selbst oder von Auber nicht mithalten. Am Sujet, das sich an Walter Scott anlehnt, kann es auch nicht liegen, weil das Libretto von Eugène Scribe den nicht gerade aufregenden Kampf von schottischen Einwohnern gegen einen (modern ausgedruckt) fremden Investor darstellt. Dieser Gaveston will die lokale Burg Avenel kaufen, wird aber am Ende von einem Mädchen, das sich als weißes Gespenst verkleidet, und einem Soldaten namens Georges Brown, der sich erfreulicherweise als legitimer Erbe des Anwesens entpuppt, geschlagen. Die Angelegenheit ist indes weniger harmlos, als man auf den ersten Blick vermuten kann, denn beim näheren Hinsehen wird klar, dass die Dame blanche ein klares reaktionäres Statement zur Lage der Nation darstellt: zehn Jahre nach dem Fall Napoleons  propagiert sie die Rechtmäßigkeit altadliger Ansprüche auf ziemlich unverschämte Weise und lobt hoch die Treue zum Herrscherhaus („Ah welche Lust ist es, Soldat zu sein! Mit Tapferkeit dient man dem König und dem Staat“ singt bei seinem Auftritt der Tenor). Es ist kein Zufall, dass Boieldieu die Partitur Marie-Caroline de Bourbon, der Herzogin von Berry, widmete. Mit dem Sturz von Karl X. im Jahr 1830 fiel der Komponist denn auch in Ungnade. Dem Triumph der Dame blanche tat dies freilich keinen Abbruch, denn sie hielt sich in den Spielplänen überall und namentlich in Deutschland bis zum Zweiten Weltkrieg.

An der Opéra-Comique wurde sie fast 1700mal aufgeführt, und das hervorragend mit Texten und Bildern gestaltete Saalprogramm macht darauf aufmerksam, dass die Dame auch Komponisten wie Weber und Wagner (der eine Aufführung in Zürich leitete) in ihren Bann zog. Die Opéra-Comique selbst hatte schon 1997 eine Wiederbelebung versucht, die zwar in eine brauchbare Aufnahme für EMI mit Annick Massis, Rockwell Blake und Marc Minkowski mündete, im Opernbetrieb jedoch so gut wie ohne Folgen blieb.

Das Haus an der Place Boieldieu versucht es nun 2020 wieder. Zu neuer Begeisterung für das Stück wird das jedoch kaum führen. Die „Hauptschuld“ daran trägt Regisseurin Pauline Bureau, der herzlich wenig einfiel. Sie setzte auf realistisches Dekor (Bühne: Emmanuelle Roy; Videos: Nathalie Cabrol) und bunte, aber für meinen Geschmack hässliche Kostüme (Alice Touvet). Dagegen ist nichts einzuwenden, ja man kann dankbar sein, dass keine marktschreierische Verfremdung vorgenommen wurde, welche die an sich schon dünne Geschichte vollständig zunichte gemacht hätte. Aber Bureau verzichtete auch auf irgendwelche Deutungsansätze und führte die Sänger schlecht. Hinzu kamen handwerkliche Fehler. Musste man wirklich schon während der Ouvertüre erfahren, dass Anna die Weiße Dame ist? Das tilgte die an sich schon mäßige Spannung der Erzählung. Warum glauben Regisseure, dass ein coup de théâtre wie hier die Entdeckung der wahren Identität der Weißen Dame im Finale heutzutage blöd wirkt? Man genießt Don Giovanni, auch wenn man weiß, dass er am Ende untergeht, und niemand in den letzten 120 Jahren hat sich darüber lustig gemacht, dass Cavaradossi jedesmal doch erschossen wird. Der zur Schau getragene Realismus hätte immerhin Anlass zu einer Heraufbeschwörung jener romantischen Atmosphäre liefern können, welche die Hörer im 19. Jahrhundert offenbar so faszinierte. So dagegen brachte er hingegen vor allem zum Ausdruck, dass Bureau mit dem Stück nichts anzufangen wusste.

„La Dame blanche“ an der Pariser Opéra-Comique/ Szene/ Foto wie auch oben Christophe Raynaud de Lage

Das Ensemble, das dankenswerterweise allesamt aus französischsprachigen und daher auch im Vortrag der (kurzen) Dialogstellen idiomatisch klingenden Sängern bestand, zeigte eine gute Leistung. Man begegnete gerne zwei altgedienten Sängern wieder, welche das komische Paar Jenny und Dickson verkörperten: Sophie Marin-Degor (ehemaliger hoher Sopran und nun) die herausragende Mezzosopranistin, deren Kunst nicht immer gebührend gewürdigt wurde, und der erfahrene Yann Beuron überzeugten durch ihre immer noch beachtlichen vokalen Mittel und die ihnen eigene Bühnenpräsenz . Marin-Degor gelang eine schöne Ballade im ersten Akt. Über einen angenehmen, gleichmäßigen Bass verfügt Jérôme Boutillier, welcher den Bösewicht Gaveston gab (der am Ende der Oper auf ziemlich ridiküle Weise wie ein Don Giovanni in den Boden versinkt). Nur hat Gaveston wenig zu singen, und die Stimme klang zu jung für die Rolle. Die Dienerin Marguerite wurde Aude Extrémo anvertraut, die das Beste aus ihrem wagnererprobten, singulär brust-pechschwarzen Alt machte (und noch vor kurzem als Offenbachs Péricole unterwegs gewesen war). Anna, das tapfere Mädchen, das als Weiße Dame durch die Burg hantiert, sang Elsa Benoit mit angenehmem, aber nicht besonders charakteristischem Timbre. Hier wäre tatsächlich  eine hellere, noch leichtere Stimme rollengerechter. Einen Fall für sich stellt der Tenor Philippe Talbot in der Rolle des Georges Brown. Dieser ist schon deswegen der wahre Protagonist der Oper, weil er die beiden besten Nummer zu singen hat: die glänzende, wenn auch mit fragwürdigem Text versehene Arie „Ah quel plaisir d’être soldat“ (die Boieldieu einer anderen eigenen Oper entnahm) und die betörende Cavatine „Viens, gentille dame“ im zweiten Akt. Talbot feierte 2017 im selben Haus einen Triumph als Comte Ory. Diesmal hinterließ er einen zwiespältigen Eindruck. Die Auftrittsarie ist ein Stück, in dem der Tenor die vaillance  des Kriegers nicht nur besingt, sondern sie auch vokal vertreten muss. Talbot war hier zu vorsichtig und matt. Dafür zeigte er eine bestechend klare Diktion, die ihm in der allerdings zu langsam genommenen und daher spannungsarmen Cavatine zu Gute kam, wo die langen Melodiebögen ohne Verlust an Textverständlichkeit gut gelangen.

Der exzellente Chor Les éléments (Chorleitung: Joel Suhubiette), und das nicht immer homogene, jedoch mit hervorragenden Solisten (Harfe, Horn) besetzte Orchestre National d’Île-de-France spielte engagiert unter der souveränen Leitung von Julien Leroy. Man war insgesamt dankbar, der Dame blanche  auf der Bühne begegnen zu können. Sie wird dort zwar nicht bleiben und wieder spurlos im Nebel der schottischen Highlands verschwinden, doch wünscht man sich, dass die Opéra-Comique sich weiterhin für ihr reichhaltiges Erbe einsetzt, das ihren Ruhm zwischen dem 18. und dem 20. Jahrhundert begründet hat. Michele C. Ferrari  (Besuchte Aufführung am 22. Februar 2020. Die Oper wurde von ARTE aufgezeichnet.)