Eindrucksvoller Matthias Klink

 

Mit lautstarken Ovationen, wie man sie noch selten nach einer Premiere in der Stuttgarter Oper erlebt hat, wurde Matthias Klink für seine äußerst sensible Gestaltung der Rolle des Gustav von Aschenbach in Brittens Death in Venice gefeiert. Zum ersten Mal gab es im Haus am Eckensee, wo eigentlich in der Saison 1975/76 Jahren die deutsche Erstaufführung des Werkes hätte stattfinden sollen, Brittens Oper. Doch der Tod von Wolfgang Windgassen, der damals den Aschenbach singen sollte, verhinderte die Aufführung.

„Death in Venice“ an der Oper Stuttgart/ Szene mit Matthias Klink und David Moore/ Foto: Oper Stuttgart

Jetzt also fand  Brittens homoerotisches Meisterwerk, seinem Lebenspartner Peter Pears in die Stimme geschrieben, endlich auf die Stuttgarter Bühne (Premiere am 7.Mai 2017)! Und Ensemble-Mitglied Matthias Klink gestaltete diese Partie souverän und mit  atemberaubender Hingabe, verzehrte sich förmlich in seiner Rolle als leidender und suchender Dichter, dabei stimmlich mit seinem fein eingestellten Charaktertenor immer auf allerhöchstem Niveau. Wie selbstverständlich machte er sich in dieser außergewöhnlichen Koproduktion von Oper und Ballett auch die tänzerischen Aspekte seiner Rolle bewundernswert intensiv zu eigen. Mit dem kraftvoll auftrumpfenden österreichischen Bariton Georg Nigl hatte er einen durchweg ebenbürtigen Gegenspieler in sieben Partien. Der ukrainische Dirigent Kirill Karabits am Pult des exzellenten Staatsorchesters hielt das prächtige Ensemble und den von Christoph Heil einstudierten Chor drei Stunden lang unter Hochspannung.

Demis Volpi, Hauschoreograph des Stuttgarter Balletts, assistiert von Sergio Morabito und Ann-Christine Mecke (Dramaturgie), setzte mit seiner einfallsreichen Bühnen- und Kostümbildnerin Katharina Schlipf nicht auf Venedig, sondern auf tiefenpsychologische Abstraktion, auch wenn in Thomas Manns dem Libretto zu Grunde liegender Novelle gerade die Magie der Lagunenstadt eine zentrale Rolle spielt. Sei´s drum, die musste man sich eben, mit den Bildern aus dem Visconti-Film im Hinterkopf, einfach noch dazu denken.  Auf der raffiniert ausgeleuchteten Drehbühne (Reinhard Traub) spiegelten variable transparente Wände Aschenbachs Innenwelt wider. Mit der kongenialen Einfügung des Tanzes fügte Demis Volpi dem Werk geschickt eine weitere emotionale Dimension hinzu, eindrucksvoll virtuos realisiert durch David Moore (Erster Solist beim Ballett) als Apollon und höchst engagierte Schüler der John Cranko Schule. Ein packender Abend. (Foto oben: „Death in Venice“ an der Oper Stuttgart/ Szene/  Foto oben: Oper Stuttgart)    Hanns-Horst Bauer  

 

(Musikalische Leitung: Kirill Karabits, Willem Wentzel, Regie und Choreographie: Demis Volpi, Bühne und Kostüme: Katharina Schlipf, Licht: Reinhard Traub, Chor: Christoph Heil, Dramaturgie: Sergio Morabito, Ann-Christine Mecke; Gustav von Aschenbach: Matthias Klink, Reisender / Ältlicher Geck / Alter Gondoliere / Hotelmanager / Coiffeur des Hauses / Führer der Straßensänger / Stimme des Dionysos: Georg Nigl, Ashley David Prewett, Stimme des Apollon: Jake Arditti, William Towers, Apollon: David Moore, Martí Fernandez Paixa, Hotelportier: Daniel Kluge, Bootsmann: Tommaso Hahn, Sebastian Peter, Hotelkellner / Restaurantkellner: Dominic Große, Erdbeerverkäuferin / Straßensängerin: Lauryna Bendziunaite, Glasbläser / Straßensänger: Kai Kluge, Englischer Angestellter im Reisebüro: Ronan Collett, Fremdenführer in Venedig: Padraic Rowan, Bettlerin: Idunnu Münch, Spitzenverkäuferin: Catriona Smith, Zeitungsverkäuferin: Cristina Otey, Anna Matyuschenko, Die polnische Mutter: Joana Romaneiro, Alicia Garcia Torronteras, Tadzio: Gabriel Figueredo, Riccardo Ferlito, Mit: Schülern der John Cranko Schule, Staatsopernchor Stuttgart, Staatsorchester Stuttgart; 

 

Demis Volpi/ Foto Hanns-Horst Bauer

Nachtrag: Bitter für Demis Volpi (31), den Regisseur der Aufführung: Wenige Tage nach der Premiere teilte ihm Ballettintendant Reid Anderson mit, dass sein Vertrag als Hauschoreograph des Stuttgarter Balletts in der kommenden Saison nicht verlängert werde. Anderson sieht Volpis wahre Begabung eher als „großartiger Theatermacher und feinfühliger Geschichtenerzähler“ denn als Choreograph, der allerdings für sein abendfüllendes Stuttgarter „Salome“-Ballett  für den renommierten Tanzpreis Benois de la Danse nominiert ist.   Volpi freut sich nun artig auf seine „neue Herausforderung als freischaffender Künstler“.   hhb