Ein Dorf spielt Theater

 

Werkstatt Parsifal oder Ein Dorf spielt Theater. Das Bühnenweihfestspiel ohne Geheimnisse. Die rohen, neu geschreinerten, mit feinen Landschaftsbildern bekritzelten Bretter und Schrägen müssen ausreichen. In einer entzauberten Welt nehmen die Bühnenarbeiter, Dörfler und Gralsritter nochmals alle Kraft zusammen, um die Kunst und Illusion aufrechtzuerhalten. Dieter Dorn, dessen große Zeit als Intendant der Münchner Kammerspiele 2001 nach 25 Jahren zu Ende gegangen war, misstraut modischem Firlefanz und spielt den Parsifal, mit dem Simon Rattle nach sechs Baden-Badener Jahren seinen Abschied gibt – während die Berliner Philharmoniker unter ihrem neuen Chef Kirill Petrenko bis 2022 an die Oos gehen werden –, quasi vom Blatt. Wohl wissend, dass es so einfach nicht geht. Ohne Verwandlung, ohne Zaubergarten. Richard Wagner, der sich angesichts der Theaterrealität seiner Zeit für den Parsifal das unsichtbare Theater ersehnt hatte, wäre über die Bretter- und Stellwandrückseiten, die die polnische Ausstatterin Magdalena Gut auf die breite Bühne des Festspielhauses stellen lässt, vermutlich auch nicht glücklich gewesen. Wie ein Teil des Publikums, das bei der Premiere buhte. Doch ganz so leicht macht es uns Dorn nicht. Gerade in den Abendmahlsszenen erreicht er mit den sich lebensmüde und abgewerkelt in dekorativen Lumpen (Kostüme: Monika Staykova) zu den Brettergerüsten und Emporen mühenden Rittern (der Wiener Philharmonia Chor) eine hohe Spannung, hier wird das Theaterspiel zum Ritus. In Körben schleppen die dumpfen Hilfskräfte Brot herbei, in Krügen den Wein, ein altes Nachttischkästchen birgt den Gral, in einer ruckelnden Stellage thronen auf Bänken wie frühdörflichen Plumpsklos oben der alte König (der immer noch eindrucksvolle  Robert Lloyd, der als Gurnemanz 2004 bei Rattles Amsterdamer Parsifal dabei war), unten Amfortas: ein bisschen Shakespeares Bretterrundbühne, ein bisschen archaisches Ritual. Wild und tumb wirken die Gurnemanz umgebenden Knappen und Ritter, vor allem erste tölpelhaft und hündisch, wie nie mit der Außenwelt in Berührung gekommen – Ingeborg Gillebo und Elisabeth Jansson bleibt vor lauter Schüchternheit fast der Ton im Hals stecken, während Neal Cooper zeigt, dass er schon als Tannhäuser Erfahrung sammelte, und Iurie Ciobanu sehr diskret bleibt – dazu verschreckte, verdreckte Kreaturen, die die Wände ordnen, ein alter Stuhl, der Gurnemanz den Abend als Rückzugsort dient, ein paar Waschzuber, die beim Karfreitagszauber nützlich sind, alles wie verstaubte Funde aus einer Scheuer. Ein bisschen Illusion darf sein: Ein von seinem Weibchen betrauerter Schwann taumelt über die Rampe, Kundry wird zur Illustration der Vorgeschichte bereits während des Vorspiels von einer kriegerischen Meute bedroht. Sie bleibt schließlich allein vor dem Vorhang zurück, wenn am Ende der tote Amfortas weggetragen wird und das Spiel zwischen den wenigen verbliebenen Stellwänden irgendwie zu Ende ist.

„Parsifal“ in Baden-Baden 2018/ Szene/ Foto wie auch oben Monika Rittershaus

Im nüchternen Betonviereck gerät die Szene mit den Blumenmädchen zur wenig verführerischen Dessous-Schau, noch reizloser als oft. Müde wie die Ritter quälen sich auch die Damen zu ihrem Dienst, während vor einer Leuchtkugel stehend der gestochen scharf artikulierende und dämonisch wuchtende Evgeny Nikitin sie als Klingsor zur Arbeit treibt. Vor allem dieser zweite Akt gerät öde und langweilig. Simon Rattle ist kein Theatertier. Er hat den von Wagner gewünschten Rhythmus, lässt die Musik pulsieren und glänzen, sorgt bei relativ zügigen Tempi für Durchsichtigkeit, lässt trotz des offenen Grabens und der vielen orchestralen Details, deren solistische Brillanz man gerne hört, den Klang verweben. Doch es fehlt dem eleganten Spiel der Berliner Philharmoniker und Rattles Deutungskraft an Tiefe und Zauber, vor allem in den Verwandlungen. Die Karfreitagsaue erstrahlt dagegen duftig, doch eben der zweite Akt ist platt und reizlos (Karfreitag, 30. März). Das liegt auch an Ruxandra Donose, die zunächst ein zweigesichtiges Wesen spielte, jetzt eine junge Frau ist, die nicht so recht weiß, was sie machen soll, ohne Dämonie und Faszination singt, doch ihrem leichten, für das große Haus zu matten Mezzosopran ungeahnte Möglichkeiten abringt. Aber die Stimme verliert zunehmend an Wäre und Farbe, wird leiernd, kurzatmig und auch ungenau. Stephen Gould singt „Amfortas, die Wunde“ mit großartiger Kraftentladung. Unbeteiligt agieren die beiden irgendwie nebeneinander. Im dritten Akt, wo man den massiven Parsifal in eine noch massigere Rüstung gesteckt hat, zeigt Gould im Karfreitagszauber, aber auch bei „O! Welchen Wunders höchstes Glück“, eine unvermutet berückende Zartheit. Doch die beiden wirklichen Überraschungen, deretwegen sich der Abend lohnte, sind der stimmgewaltige Gurnemanz und hochcharismatische Amfortas. Mit dir kein Abend mir zu lang, möchte man in Abwandlung des Ochs auf Lerchenau schwärmen: Franz-Josef Selig singt mit Farbigkeit und Natürlichkeit, mit der in vollem Saft stehenden wohligen Fülle des Wohllauts, jeder Vokal und Konsonant schwingt, formt sich auch in den leisen und dennoch klangstarken Momenten zu Ausdruck und Sinn. Selig gehört zweifellos zu den überragenden Interpreten der Partie. Das gilt auch für Gerald Finleys männlich auffahrenden und wütenden sowie zärtlich weichen und leidenden, klangschönen und erfüllten Amfortas.   Rolf Fath.