In der Senioren-Residenz

 

Nach Christoph Willibald Glucks früher Iphigénie en Aulide, 2012 von Andrea Moses nett locker inszeniert und aktualisiert, präsentierte die Staatsoper Stuttgart jetzt dessen reifere Reformoper Iphigénie en Tauride (Premiere 28.04.2019). Die gab´s allerdings nicht in einer aktuellen Auseinandersetzung mit dem Stoff, sondern in der dreizehn  Jahre alten, in Details doch etwas angestaubt wirkenden Inszenierung, die Krzysztof Warlikowski seinerzeit auf die Bühne der Pariser Oper gestellt hat, damals wie heute von Viktor Schoner, mittlerweile Opernintendant in Stuttgart, und Dramaturg Miron Hakenbeck künstlerisch betreut.

Musikalisch war der Abend indes ein absolutes Highlight der ersten Saison des neuen Intendanten. So  packende und überzeugende, ja hochemotionale und aufwühlende Klangrede hat es in der Staatsoper am Eckensee noch selten gegeben. Nikolaus Harnoncourt hätte seine wahre Freude daran gehabt, so wie jetzt auch das begeisterte Premierenpublikum am 28.April. Stefano Montanari, der Barock-Violine an der Accademia internazionale della musica Claudio Abbado in Mailand lehrt und ein Buch mit dem Titel „Metodo di violino barocco“ veröffentlicht hat, animierte das Staatsorchester zu einem furios-spannenden, durchweg am „Originalklang“ ausgerichteten Musizieren, das von den wunderbaren Instrumentalisten des Orchesters farbig und virtuos ausgeleuchtet wurde. Dabei hatten sich die Musiker gerade erst, und auch das souverän, mit John Adams´ Minimalmusic für Nixon in China auseinandergesetzt.

Glucks Oper „Iphigénie en Tauride“ an der Staatsoper Stuttgart/ Szene/ Foto wie auch oben  Martin Sigmund

Kein Wunder, dass die durchweg spielfreudigen Sänger vom überbordenden Orchester-Drive bei Gluck förmlich mitgerissen wurden und ihre innersten Konflikte, von denen es in der Atriden-Geschichte ja jede Menge gibt, in emotionale Töne umsetzten: Amanda Majeski (Iphigénie), die im Laufe des Abends ihren perfekt geführten hochdramatischen Sopran zum Glück etwas herunterfuhr; der mächtig auftrumpfende Thoas von Gezim Myshketa und vor allem Jarrett Ott und Elmar Gilbertsson als Freundespaar Orest und Pylade, die sich mit expressiven Tönen ausgesprochen klangschön gegenseitig im Todeswunsch zu übertrumpfen suchten.

Der wie immer prächtig-voluminöse Staatsopernchor, akkurat einstudiert von Bernhard Moncado, war leider von der Spielebene in den Orchestergraben verbannt worden, was seiner stimmlichen Präsenz allerdings keinen Abbruch tat. Auch Carina Schmieger (Diane), Ida Ränzlöv (Priesterin) und Elliott Carlton Hines (Skythe), Mitglieder des Internationalen Opernstudios, walteten wohlklingend im Verborgenen ihrer Ämter.

In einer edlen Senioren-Residenz mit Waschbecken rechts, Duschen und Entspannungsliegen links, TV-Sitzecke und knallroten Stehleuchten hinten siedelt Warlikowski die griechische Vorzeige-Tragödie an. Hier lässt er die auf beängstigend hohen Absätzen herumstakende Seniorin Iphigénie (ganz toll Schauspielerin Renate Jett!) in Flashbacks die traumatischen Ereignisse ihrer Jugend am Vorabend des Trojanischen Kriegs psychodramatisch verarbeiten. Das ist ein raffiniertes und zugleich verwirrendes Spiel auf zwei Ebenen,  von Bühnen- und Kostümbildnerin Malgorzata Szczęśniak in Szene gesetzt durch zwei Plexiglaswände, in denen sich das Publikum im Parkett und in den Rängen komplett spiegelt. Dieses schicke szenische Element macht zwar immer noch Effekt, hat aber mittlerweile wohl doch irgendwie seinen Reiz verloren. Trotzdem: Ein großer Gluck-Abend!  Hanns-Horst Bauer

 

PS.: Livestreams aus Stuttgart. In der laufenden Saison hat die Staatsoper Stuttgart bereits optimal aufbereitete Livestreams von Wagners Lohengrin, Henzes Der Prinz von Homburg sowie Prokofievs Die Liebe zu drei Orangen im Netz übertragen (www.staatsoper-stuttgart.de/service/live/ oder direkt über YouTube). Es folgen noch John Adams´ Nixon in China am 11.Mai sowie Arrigo Boitos Mefistofele am 12.Juli. Diese Live-Übertragungen sind Intendant Viktor Schoner sehr wichtig: „Die Öffnung des Hauses in die Stadt und in die Welt hinein ist eines unserer dringendsten Anliegen – und das auch im digitalen Raum. Die Livestreams sind ein Zeichen an die Bürgerinnen und Bürger des Landes Baden-Württemberg genauso wie an alle Opernfreunde weltweit.“   hhb