Dünn gestrickte Touristen-Aufführung

 

Die Enttäuschung war ebenso groß wie die Erwartungen: Für die Premiere der letzten Oper Bellinis, I Puritani (in der Wiederaufnahme der Produktion von 2015, vergl. den Neuen Merker online) am 4. Jänner 2017 an der Wiener Staatsoper wollte man sich  eine Aufführung erhoffen, die einem Opernhaus von internationalem Ruf würdig ist. Und die als Tüpfelchen auf dem I an jedem Platz im Parterre ein elektronisches Tablett bietet, das es unter anderem erlaubt, die Sprache der Untertitel zu wählen. Man wurde in vieler Hinsicht enttäuscht.

Trotz der großartigen Kostüme von José Manuel Vasquez – einer düsteren Mischung von spanischen Konquistadoren und Samuraikriegern – hatte das Helldunkel von Rudolf Fischer, das die Szene zwei gute Stunden lang erfüllt, bei John Dew und Heinz Balthes nicht den Wunsch erweckt, eine kühnere Inszenierung zu erarbeiten: Abgesehen von den beeindruckenden Auf-und Abtritten des Chors der Wiener Staatsoper (Martin Schebesta) herrscht Unbeweglichkeit, Statik wie in Zement gegossen. Absolut altmodisch. Die Sänger bieten ihre großen Arien in der Mitte der Bühne wie Birnen und Äpfel feil. Künstlerischer Markttag wie zu Zeiten von Tebaldi und Corelli.

Der Dirigent Evelino Pido, den man vor einigen Jahren in Nizza erlebt hatte, tut, was er kann.  Der Maestro bewegt sich geradezu diabolisch an seinem Pult, aber die Energie, die er den Musikern des Wiener Staatsopernorchesters einflößt, überträgt sich nicht auf die Bühne. Seine Bemühungen, die Sänger zu motivieren, waren umsonst. Und man stellt doch zahlreiche Divergenzen zwischen Graben und Bühne fest, Pido greift zudem zu oft zu übertrieben langsamen Tempi, um den Sängern zu helfen.

Die Besetzung war, so leid es mir tut, dies zu schreiben, gar nicht in Bestform und für ein Haus dieses internationalen Rufes enttäuschend.  In der Rolle der Elvira besitzt Venera Gimadieva, im Wiener Debüt, nicht die stimmliche Fähigkeit für die geläufigen  Fiorituren für diese Rolle, trotz sehr angenehmer Vokalisen in der „Wahnsinnsarie“. Neben einem zu metallischen Timbre verdirbt ihr starkes Vibrato etliche ihrer hohen Töne. Töne, bei denen sie, nebenbei gesagt, die gewagtesten der geforderten vorsichtig vermeidet. Die Mezzosopranistin Ilseyar Khayrullova schlägt sich besser, und der Moment des 1. Akts, an dem sie, begleitet von Arturo auftritt, bleibt einer der überzeugendsten dieser Aufführung.

Die Herren haben bis auf einen einfach alle Schwierigkeiten. Nur der südkoreanische Bass Jongmin Park (Sir Giorgio) besitzt eine stabile, gut geführte Stimme. Aber die Rundheit, die Fülle des Tons passt trotz des solide strukturierten Aspekts der Stimme nicht zum Register dieses Repertoires. Der Tenor Dmitry Korchak als Arturo scheint ständig an seinem Limit, da gibt es zu oft das Falsettieren, insbesondere in seinem „Vieni…“.  Jeder hohe Ton wird ein Risiko, das durch den Mangel an Präzision an manchen Stellen noch verschärft wird. Der Sänger, den ein Kollege in der Rolle des Nadir in den Pecheurs de Perles im Juni 2012 erwähnte und den wir neulich in zweifellos besserer Form im Barbiere  in Monte-Carlo gehört haben, besticht eher in den Rezitativen als in seinen großen Arien: Alles ohne Leidenschaft, und sein finales  „Crudeli“ bleibt fast unbemerkt.  Man muss erwähnen, dass er in dieser Wiener Fassung am Ende des 3. Akts von Riccardo ermordet wird, also wartet man vergeblich auf das hohe E am Ende des 3. Akts. In der Rolle des Riccardo enttäuscht auch der Bariton Adam Plachetka, den ein Kollege beim Festival von Montpellier 2014 so gelobt hat. Man hört das enorme stimmliche Potenzial, aber seine erste Arie „Ah per sempre io ti perdei“ enttäuscht wegen ihrer Monotonie und des Mangels an Nuancen. Auch sein Duett „Liberta“ mit Jongmin Park leidet auch darunter.

Wir hatten uns bereits in der Pause gefragt, was wohl in dieser Wiener Produktion passiert ist. Setzte man zu sehr auf den kritiklosen Touristenstrom zwischen Weihnachten und Neujahr? Es scheint so (Foto oben: „I Puritani“ an der Wiener Staatsoper/ Szene/ Foto Michael Pöhn)! Jean-Luc Vannier / Übersetzung Ingrid Englitsch