Double Bill

 

Für Madame Flora, die Titelfigur in Menottis Medium, hat Kaspar Glarner für die Oper Frankfurt einen düsteren Salon wie für eine Wahrsagerin bei „Graf Yoster“ geschaffen, samt kaschiertem Spiegel für die vorgetäuschten Erscheinungen und Wendeltreppe zum Eingang – ob die eine bewusste Vanessa-Referenz ist? immerhin wird die Treppe aus der jahrzehntelang durch die Opernhäuser der Welt reisenden monegassischen Kultinszenierung in der aktuellen Frankfurter Produktion zitiert, die der Regisseur Hans Walter Richter als Frankfurter Spielleiter zweifellos kennt. Beiden Werken ist – neben und dank dem Librettisten Menotti – die phantastisch-unheimliche Atmosphäre gemeinsam und dass einige Rätsel ungeklärt bleiben. Hoch über dem Salon, selbst über dem Übertitelbildschirm, sieht man einen Dachboden, in dem der stumme Toby allerlei Seile und Maschinerien bedienen muss. Werkzeuge von Floras übersinnlichem Brimborium. Kongenial die stilsicheren Kostüme von Cornelia Schmidt. In diesem ungemein atmosphärischen Ambiente inszeniert Richter librettonah und psychologisch dicht mit fast schon filmischem Detailreichtum. Einige wenige markante Zusätze geben den Figuren noch mehr Tiefe, v.a. eine stumme Szene zwischen den beiden Akten, in der der halbwüchsige Toby im Salon schläft und die selben Stimmen hört, die die Betrügerin Flora verfolgen (was dafür spricht, dass diese Stimmen „real“ sind, Toten gehören, die sich an ihr rächen) – aber vielleicht ist es auch nur Tobys Alptraum. Nachdem ihn Flora verdächtigt, hinter den Stimmen zu stecken, und deswegen aus dem Haus geworfen hat, schleicht er sich hier zurück in seinen Dachboden, von wo aus er sich in dem Salon erhängt – für alle drei Hauptfiguren gibt es bei Richter am Ende keinen Ausweg mehr. Madame Flora, die Betrügerin, die von Stimmen in den Wahnsinn getrieben wird, hat in Meredith Arwady eine phänomenale Interpretin gefunden, deren mächtiger dunkler Alt vom ersten Ton an fesselt; gut fokussiert, frei strömend und im ganzen Stimmumfang von stabiler, eher vibratoarmer Emission. Sie gestaltet die Partie vokal nicht nur mit opulentem Klang, sondern mit wie gemeißelter Diktion (die die Übertitel überflüssig macht) auch intensiv aus der Sprache heraus. Hand in Hand damit geht eine fulminante Bühnenpräsenz; zunächst erleben wir sie privat als nüchterne Egoistin und in Anwesenheit von Kund/-innen charismatische Schwindlerin. Wenn die Situation es erfordert, kann ihre imposante Gestalt auch verblüffend beweglich werden – brutal, wie sie Toby prügelt und durch den Raum schleudert. Wie sie dann aber allmählich zur Getriebenen wird und schließlich in erschreckendem Delirium endet, ist so grandios gespielt, dass ich für Flora am Ende doch Mitgefühl empfand – kurz, da bleibt kein Wunsch offen, eine Glanzleistung! Die restliche Besetzung bewegt sich aber auf vergleichbarem Niveau: Louise Alder als Floras Tochter Monica setzt ihren leuchtenden Sopran für die unbeschwerten Momente wie ihren schwärmerisch schwingenden Walzer ebenso gekonnt ein wie für die Stimme des vermeintlichen Geistes von Mrs. Nolans Tochter und die verzweifelten Ausbrüche v.a. im 2. Akt. Die Komplexität ihrer Beziehungen zur Mutter und zu Toby macht sie sichtbar; wie sie am Schluss beim Fluchtversuch feststellen muss, dass die Treppe verschwunden ist, lässt erschauern. Der Dritte im Bunde ist Marek Löcker als Toby (staunend entnimmt man dem Programm, dass er eben Abitur gemacht hat), der sich einem neben Mutter und Tochter gleichberechtigt einprägt, sodass ich mir hinterher erst wieder klar machen musste, dass er ja gar nichts zu singen hatte. Barbara Zechmeister als Mrs. Gobineau, Dietrich Volle als rührend um seine Frau besorgter Mr. Gobineau und Kelsey Lauritano als ängstlich-hoffnungsvolle Neukundin Mrs. Nolan ergänzen vorzüglich die Besetzung. Nikolai Petersen am Pult trägt die Sängerinnen und den Sänger auf Händen, breitet einen spätromantischen, aber transparenten, nie schwülstigen Klangteppich mit den für die Schauergeschichte goldrichtigen herben Akzenten aus.

 

Madernas „Satyricon“ an der Oper Frankfurt/ Szene/ Foto wie auch oben Barbara Aumüller

Nach der Pause dann Madernas Satyricon. Abgesehen vom Anfangsbuchstaben der Komponisten haben die beiden Werke wirklich nicht viel gemeinsam (in Frankfurt wenigstens die Ausstatter/-innen), vertragen sich aber sehr gut an einem Abend. Maderna hat aus der „Cena des Trimalchio“, dem einzigen mehr oder weniger vollständig erhaltenen Teil von Petronius‘ Roman „Satyrica“ aus dem 1. Jhd. n.Chr. einzelne Szenen selbst zu einem vielsprachigen Libretto verarbeitet (wobei doch Englisch überwiegt). Die Reihenfolge, in der die 16 Musiknummern und fünf von Maderna aufgenommene Tonbänder zu spielen sind, hat der Komponist offen gelassen resp. schon dem dramaturgischen Blick der Regie anheimgestellt. Nelly Danker wählt eine relativ lineare Struktur – die Tonbänder kommen (alle?) nur zu Beginn, z.T. schon während dem Einlass, zum Einsatz, am Ende steht Trimalchios selbstverliebte Rezitation seines Testaments und seiner Grabinschrift – während Letzterer verlassen alle anderen  enttäuscht und/oder angeödet die Bühne, der Hausherr bleibt allein zurück – schlüssiges Ende für eine dekadente Party, aber irgendwie auch die offensichtlichste Lösung. Was dazwischen geschieht, ist unterhaltsam und bunt, der Spaß des Ensembles an den eigenen Rollen, durchaus ansteckend. Sieht man sich gern an. Und doch… ich hab das Stück schon  mit mehr Biss und rotem Faden gesehen. Hinter den komischen Figuren, die Trimalchio und seine Gäste abgeben, gäbe es bei Petron mehr Leere und Lebenslügen zu entdecken. Nichts gegen die witzige (und ganz andere) Bühne von Kaspar Glarner – rechts ein weißes Stufenpodest, links fahrbar ein riesiger Marmorfuß, ein Nashornkopf (iiih!), eine Weltkugel-Hausbar und eine Wanne in Muschelform, zudem ein Förderband, das fast pausenlos Speisen, Blumen und anderes Partyzubehör herbeischafft. Mein Lieblingsobjekt ist der riesige aus dem Boden ausfahrbare Fächer, auf den Pfauenfedern projiziert werden, während sich Trimalchio davor mit seinem Reichtum brüstet – Peter Marsh brilliert in der Rolle, ob in goldenem Anzug oder ebensolcher rutschender Toga, und singt (und spricht) wortdeutlich und nicht erst in seinem Quando-m’en-vò-Zitat auch musikalisch ansprechend. Als seine Gattin Fortunata hat Susanne Gritschneder – passend zum autoritären Mezzo, der in der Carmen-Habanera-Parodie besonders sinnlich strömt – die Zügel fest in der Hand; das Fuchsskelett, das sie statt einer Pelzstola trägt, ist für mich das Highlight unter den knalligen Kostümen von Cornelia Schmidt. Die anderen beiden Frauen erhalten von der Regie deutlich weniger zu spielen, obgleich Scintilla („das Fünkchen“) Glühbirnen im Kleid trägt und ihren zweiten aberwitzigen Koloraturanfall kopfüber aus einem Tuch hängend singt. Auch den ersten Anfall in normaler Stehposition singt Ambur Braid mit der geforderten Extremhöhe, wenn auch mit mehr Verve als Eleganz. Karen Vuong als Criside schmachtet angemessen Love’s ecstasy, ohne einen der Herren dauerhaft für sich entflammen zu können. Mikołai Trąbka lässt als blauhaariger und hübsch blauäugiger Philosoph Eumolp einen klangvollen Bass hören (und singt als einziger Latein). Sein Flirt mit einem der Bediensteten ist so vergnüglich mitzuverfolgen wie seine Abwehrbemühungen gegenüber Fortunata. Theo Lebow gefällt als trotz Frustration weitermachender (und v.a. -saufender) Habinnas, der die „Witwe von Ephesus“ (eine kurze Novelle aus einem andern Teil der Satyrica) erzählt. Die Szene scheint mir inkonsequent inszeniert – zuerst spielt Trimalchio noch die Leiche des Gatten und wird von den anderen mit Blumen und anderen Objekten überschüttet, die Nachbildung des Erzählten zerfällt aber, zwischenzeitlich bedroht er Habinnas gar (aus Eifersucht?) mit einem Gewehr. Der bringt die Erzählung mit Müh und Not zu Ende. Generell schien mir v.a. in der ersten Hälfte zu viel parallel zu passieren – alle Einzelgeschichten und die Übertitel und die Musik in Blick und Ohr zu behalten wurde sehr schwierig (und ich beschwere mich nicht schnell über so was). Wohlverdiente Publikumslieblinge sind die drei Tänzer Kamil Mrozowski, Michael Gross und Manuel Gaubatz, Trimalchios Sklaven Niceros, Philargyros und Cario im köstlichen szenischen Dauereinsatz (schon während dem Einlass), die ganz nach dem Vorbild der Herrschaft so viel Besitz und Spaß wie möglich mitzunehmen versuchen, solange man eben noch kann… Das Orchester hat hörbar ebenfalls Spaß an der von in Schräglage geratenen Zitaten übersprudelnden Partitur, die unter Simone Di Felice funkelnd und geistreich erklingt – in der Faktur zwar sehr „modern“, aber eben auch sinnlich, urkomisch und zugänglich. Samuel Zinzli