Donizetti goes Fascho

 

 

Donizetti ist ein Musiker, der immer wieder in Erstaunen versetzt. Auch von den Opern, die zu Unrecht als zweitrangig angesehen werden, so auch Pia de‘ Tolomei, wird man angenehm überrascht von neuartigen Lösungen, so der Modernität des dreiteiligen Duetts zwischen Tenor und Bariton im ersten Akt. Wahrscheinlich  waren sich die anderen Komponistenkollegen  dessen nicht bewusst, und zwar so wenig, dass die Anklage des Tenors gegenüber der Protagonistin, „O Pia mendace“, ganz genau mit denselben Noten in der Traviata in „Amami Alfredo“ wiederkehrt.

Diese lyrische Tragödie auf das Libretto von Salvatore Cammarano (die Zusammenarbeit zwischen ihm und Donizetti, von Lucia di Lammermoor bis Poliuto stellt jedes Mal die Gelegenheit für interessante Experimente dar), das von der berühmten Persönlichkeit des 5. Gesangs des Purgatoriums von Dante inspiriert war, ist in Wahrheit Frucht einer Serie von Kompromissen. Zum Beispiel wurde eine zweite weibliche Figur mit einen Kontra-Alt en travestie eingeführt, um den Erwartungen eines Publikums, das 1837 noch an das von Rossini her stammende Klischee gewöhnt war, zu entsprechen. Daran erinnert sehr die musikalische Artikulation des gesamten ersten Akts, der in Siena spielt, während der zweite, der in Maremma spielt, wohin die Protagonistin (die irrtümlicherweise des Ehebruchs angeklagt ist) zum Sterben geschickt wurde, angesiedelt ist, schon auf die Zukunft ausgerichtet ist, was sich an vielen romantischen Elementen ablesen lässt.

Donizettis „Pia de Tolomei“ am Teatro Verdi in Pisa/ Szene/ Foto Imaginarium Creative

Die auf einen so selten gespielten Titel gefallene Wahl zur Eröffnung der Saison durch das Theater von Pisa ist wirklich weitsichtig, auch weil sie sich mit dem Engagement eines Ensembles verbindet, das in der Lage ist, sich dieser anspruchsvollen Aufgabe zu stellen. In der Rolle der Protagonistin hat der Sopran Francesca Tiburzi gute Mittel offeriert, auch wenn diese nicht immer ein bester Manier eingesetzt werden (aber sie schien indisponiert zu sein), mit einigen Schwächen im Halten des Tons, was sie mit gelegentlichem, unnatürlich erscheinendem  Forcieren auszugleichen versuchte. Das passte nicht zu einer eher nachgiebigen und auf der Verliererseite stehenden Figur. Bemerkbar waren aber durchaus das gute Potenzial und die wertvollen Intentionen bei der Interpretation. Der lettische Bariton Valdis Jansons in der Rolle des auf der Seite der Ghibellinen stehen Gatten hat mit großer Sicherheit  eine überzeugende Persönlichkeit dargestellt, vielleicht eher eiskalt als düster (es handelt sich um einen hell timbrierten Bariton), aber auf jeden Fall unbeirrbar selbst wenn bewegt erscheinend, während in der Rolle des jungen Bruders von Pia, der mit den Guelfen verbunden war und fälschlicherweise für den Liebhaber Pias gehalten wird, Marina Comparato die Alt-Partie mit Unbefangenheit und schönem Timbre gemeistert hat. Es bleibt noch die Besonderheit (aber auch das ist ein Erbe von Rossinis opera seria) des niederträchtigen und gegnerischen Tenors: es ist Ghino, wahnhaft in Pia verliebt und sie dem Verdacht ausliefernd und damit ihren Untergang herbeiführend. Giulio Pelligra hat die Rolle sowohl vokal wie darstellerisch beherrscht, so eine Persönlichkeit gestaltend, die mal aggressiv, mal leidenschaftlich, mal Beute der eigenen Vorwürfe ist.

Unter den Comprimari war der Mezzosopran Silvia Regazzo Bice, Zofe von Pia, als eine  überschwängliche Persönlichkeit dargestellt, während Christian Collia als Ubaldo, klassische Figur des missgünstigen Comprimario, wegen vieler vokaler Schwächen ungeeignet  war. Diese Figur tritt häufig in Donizettis Werken auf, man denke nur an den Normanno in Lucia. Es gab zwei Bässe:  den überzeugenden Andrea Connelli, der Eremit, der ein Gebet mit Chor von ungeheurer Suggestion singt und so Solidität und Sicherheit verkörpernd, und Claudio Mannino, der schätzenswert war in der kleinen Partie es Lamberto.

Schade hingegen, dass Christopher Franklin auf dem Podium des Orchestra della Toscana keine Vertrautheit mit dem Atem und der Phrasierung Donizettis bewies, indem er sich auf eine gewisse rhythmische Steifheit und eine platte tonliche Extravertiertheit beschränkte. Schätzenswert waren die Auftritte des Chors Ars Lyrica (geleitet von Marco Bargagna), vor allem die Damen des Klangkörpers.

Die Regie von Andrea Cigni versetzt die Handlung vom vierzehnten Jahrhundert in die Dreißiger bis Vierziger des zwanzigsten Jahrhunderts, indem er die Kämpfe zwischen Guelfen und Ghibellinen in die zwischen Faschisten und Antifaschisten umwandelt. Im Bühnenbild von Dario Gessati ist manche Anlehnung an die Architektur der Epoche: die Kostüme von Tommaso Lagattolla sehen für die Damen Hütchen vor, die das England der Mäzenaten der italienischen Kunst vor Augen rufen.

So wird die Protagonistin eine Art Vestalin, die sich der Rettung unserer Kunstschätze widmet. Aber  die Art, mit der sie sich dieser Aufgabe stellt, ist zum Scheitern verurteilt, weil die Faschisten die Bedeutung nicht verstehen und die behüteten Bilder zerstören. Und diese ihre Hingabe wird zum Spiegel, zum Symbol der Vernichtung, der Pia selbst entgegengeht. Giulia Vannoni/ Übersetzung Ingrid Wanja mit Dank (Foto oben: Donizettis „Pia de Tolomei“ am Teatro Verdi in Pisa/ Szene/ Foto Imaginarium Creative )