Donizetti quasi a l´Italiana

 

Während der Sanierung des Stammhauses vom Münchner Gärtnerplatztheater hatte Michael Sturminger 2015 bereits Bellinis Oper La Sonnambula mit Jennifer O’Loughlin in der Titelrolle im Prinzregententheater inszeniert: konventionell, aber mit Liebe zum Detail. Für Donizettis Maria Stuarda (auch wieder in der Originalsprache) dachte sich die Theaterleitung nun wohl: Never change a winning team. Doch nachdem Sturminger auf das unmoralische Angebot eingegangen war, binnen dreier Tage noch zusätzlich zur Premiere am Gärtnerplatz bei den Salzburger Osterfestspielen Tosca herauszubringen, gab es Maria Stuarda quasi konzertant mit Kostümen, die immerhin eine historische Einordnung in der Zeit Shakespeares ermöglichen. Dessen Dramenkunst angemessene Charakterisierung oder Spannung zwischen den Figuren vermisst man weitgehend. Auf einer Drehbühne mit Plexiglaswänden und einer Revuetreppe, die für so manches andere Stück verwendbar wären, kann sich das Sängerensemble darauf konzentrieren, die Auf- und Abtritte nicht zu verpassen und sich zwischendurch in Pose zu schmeißen. Aus jeder Donizetti-Oper ein „Psychostück“ zu machen, ist sicherlich übertrieben; aber ein bisschen mehr dürfte es schon sein! Beim Klagechor zu Beginn des Schlussbildes, kurz vor Marias Hinrichtung, glaubt man fast, einem Chor-Sitzstreik auf der Treppe beizuwohnen. Leider kommen an dieser Stelle auch von Chefdirigent Anthony Bramall hier nicht mehr so starke Impulse, wie sie den Abend zuvor mit federnd-flexiblen Tempi und feiner Klangmischung geprägt haben.

Maria Stuarda in München – das ist bezeichnenderweise bis dato vor allem eine von konzertanten Aufführungen geprägte Geschichte, woran dieses bestenfalls halbszenische Arrangement nun wenig ändert. Über Wohl und Wehe jeder Aufführung entscheidet ohnehin primär, wie treffend das Paar der Rivalinnen Maria und Elisabetta besetzt ist. Nach einer Konzertaufführung im Nationaltheater anno 1979, mit Montserrat Caballé und Brigitte Fassbaender (unter der Leitung des kürzlich verstorbenen Jesús López Cobos) gab es zuletzt 2011 in der Philharmonie das „bulgarische Duell“ zwischen Krassimira Stoyanova und Alex(andrina) Penda(tchanska), die für Vesselina Kasarova eingesprungen war.

„Maria Stuarda“ am Gärnerplatztheater/ Szene/ Foto wie auch oben Zach

Eine ähnliche Stimmfärbung wie die Mezzo-Kollegin lässt am Gärtnerplatz nun Nadja Stefanoff vernehmen, die ansonsten häufig im Spinto- und jugendlich-dramatischen Sopranfach zu erleben ist, z.B. als Sieglinde oder Tosca. Die Acuti von Donizettis Elisabetta liegen ihr zunächst, aus dem Lauf der Koloraturen heraus, nicht immer perfekt in der Kehle bzw. auf dem Atem. Aber spätestens beim Streit der Königinnen läuft sie zu großer Form auf, und die Gesamtwirkung, auch der hochgeschossenen Erscheinung, ist durchaus beeindruckend. Ebenfalls eine gute Figur macht Gärtnerplatz-Ensemblemitglied Luzian Krasznec als Leicester mit schönem Tenorschmelz und sicherer Stimmführung. Solide besetzt sind die Nebenpartien (Elaine Ortiz Arandes, Levente Pall,  Matija Meić).
Stilistisch voll in ihrem Element scheint Jennifer O’Loughlin als Maria: schönstimmig, koloraturgewandt sowie mit Raffinesse und dem Wissen, dass nicht immer der lauteste, sondern insbesondere der ansatzlose, aus dem Piano kommende Spitzenton der beste ist. Sehr lyrisch mutet die Stimme beim Auftritt an, aber bei der Begegnung mit Elisabetta fehlt es nicht an dramatischer Attacke. Nur bei der Konfrontation mit dem Todesurteil schien am Premierenabend die stimmliche Projektionskraft ein wenig nachzulassen. Wiederum glänzend gelang ihr das Finale. Doch zu den Anforderungen der Titelpartie lohnt es sich nicht zuletzt, bei der (wenn auch nicht auf Italienisch) rollenerfahrenen Janet Baker nachzulesen (die als Mezzo die Partie an der Londoner ENO gesungen und bei Chandos diese aufgenommen hatte): „Maria Stuarda ist so geschrieben, dass… zwischen den Auftritten keine Chance besteht, die Stimme ausruhen zu lassen… Es bedarf großer Erfahrung, um zu beurteilen, wie viel in eine Phrase zu investieren ist, ohne dass es auf Kosten einer anderen geht.“ Zweifellos ist Jennifer O’Loughlin damit bei ihrem Rollendebüt damit schon weit gekommen, was auch vom Publikum mit großem Applaus honoriert wurde. Sebastian Stauss